Erschöpfte und glückliche THW-Spieler © picture alliance / foto2press | Oliver Zimmermann

Nach der Mammut-Saison: Die Handball-Helden sind müde

Stand: 28.06.2021 12:05 Uhr

Spielabsagen, Quarantäne, leere Ränge - die am Sonntag mit dem Meistertitel für den THW Kiel zu Ende gegangene Saison in der Handball-Bundesliga war eine Herausforderung. Die Helden sind glücklich, aber auch erschöpft. Viel Zeit zum Erholen bleibt nicht.

von Johannes Freytag

"Das war die schwerste Saison meines Lebens, ich habe wirklich alles auf dem Spielfeld gelassen", sagte Kiels Kapitän Domagoj Duvnjak nach dem Kraftakt Meisterschaft. 59 Pflichtspiele hat der THW bestritten, bei den Flensburgern waren es immerhin 52. Beim Meister herrschte neben der großen Freude über den Titelgewinn entsprechend Erleichterung.

"Nach der Niederlage in Magdeburg dachten viele, wir würden nicht Meister werden, da Flensburg eine tolle Saison spielte. An dieser Stelle ein Glückwunsch und großen Respekt vor Flensburg. Handball-Deutschland kann stolz auf diese Liga sein. Das war ein Kampf zwischen den Vereinen und wir waren am Ende ein wenig glücklicher", krächzte Duvnjak nach dem Remis bei den Rhein-Neckar Löwen in die Mikrofone.

Es spreche für die Handball-Bundesliga (HBL), dass die Meisterschaft erst in der letzten Sekunde entschieden wurde, meinte auch Flensburgs Lasse Svan, der mit seinen Teamkollegen die letzten Minuten in Mannheim am TV-Gerät verfolgte: "Das zeigt auch, dass es nicht richtig ist, wie in der letzten Saison eine Entscheidung sieben Spieltage vor Schluss zu fällen." Im April 2020 hatte die HBL die Saison wegen der Corona-Pandemie abgebrochen und den damaligen Tabellenführer THW Kiel zum Meister erklärt.

SG-Coach Machulla: "Bin froh, dass es zu Ende ist"

Diesmal wurde mit Zustimmung aller Clubs durchgespielt. Doch es war ein Ritt auf der Rasierklinge. "Wir waren seit Monaten mit acht Leuten unterwegs. Jim Gottfridsson humpelte von Spiel zu Spiel, alle anderen sind auch angeschlagen. Eine solche Saison mit Spielabsagen und Quarantäne möchte ich nie wieder erleben. Das war Wahnsinn und hat eine Menge Kraft gekostet", sagte Trainer Maik Machulla vom Vizemeister SG Flensburg-Handewitt dem NDR: "Daher bin ich auch froh, dass es jetzt zu Ende ist."

"Diese Vizemeisterschaft fühlt sich an wie eine Meisterschaft und hat einen hohen Stellenwert." Maik Machulla

Nur der gewonnene direkte Vergleich gab am Ende den Ausschlag für den Landesrivalen. "Wir hatten so viele Probleme und uns als Mannschaft gefunden. Der Titel wäre das I-Tüpfelchen gewesen. Wir sind nun mit acht Minuspunkten Zweiter. Vor drei Jahren waren wir mit zwölf Miesen ganz vorne", verdeutlichte Machulla noch einmal die Leistung seines Teams.

HBL-Chef Bohmann: "An unsere Grenzen gestoßen"

Noch im März dieses Jahres war an ein solches Herzschlagfinale kaum zu denken gewesen. Die Befürchtungen, dass die erst im Oktober gestartete Saison erneut abgebrochen werden müsste, waren groß. Nach der WM in Ägypten hatten sich die Corona-Fälle bei den Bundesligisten gehäuft, nicht nur der THW Kiel musste zwischenzeitlich in Quarantäne. Trotz der anschließenden Terminhatz - 41 Partien mussten verschoben werden, die "Zebras" traten ebenso wie Flensburg noch in der Champions League an - gelang es aber, alle 380 Liga-Spiele durchzuführen.

"Wir sind wirtschaftlich und organisatorisch an unsere Grenzen gestoßen. Aber es war wichtig, dass die Entscheidungen auf dem Spielfeld und nicht am grünen Tisch fallen", sagte Bundesliga-Geschäftsführer Frank Bohmann und blickte bereits voraus: "Das gibt ein gutes Gefühl für die neue Saison."

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Terminhatz bleibt

Die Hoffnung ist groß, dass die kommende Spielzeit wie im Saisonfinale wieder vor Zuschauern stattfinden kann. Zudem wird es weniger Spiele geben, weil die vier Absteiger nur durch zwei Aufsteiger ersetzt werden. Die auch schon vor Corona viel beklagte Terminhatz bleibt aber, die vor Wochen von Bundestrainer Alfred Gislason vorgeschlage Verkleinerung der Liga auf 16 Teams ist zumindest kurzfristig nicht in Sicht.

Keine Atempause für die Nationalspieler

Auch auf eine lange Pause dürfen sich die Spieler nicht freuen. Ein Kurzurlaub, mehr ist nicht drin. Denn für viele beginnt schon in der kommenden Woche die Vorbereitung auf die Olympischen Spiele in Tokio (23. Juli bis 8. August). Und bereits am Freitag werden die Verantwortlichen des THW und der SG die Blicke nach Wien richten: Bei der Europäischen Handball-Föderation (EHF) werden die Gruppen für die Champions-League-Saison 2021/2022 ausgelost.

"Wir sind nur dazu da, den Spielplan zu erfüllen", hatte SG-Trainer Machulla bereits vor dem letzten Spieltag beklagt. Einer, der seine Konsequenzen gezogen hat, ist Kiels Patrick Wiencek: Der Nationalspieler, der im Mai einen Wadenbeinbruch erlitten hatte und im Saisonfinale am Sonntag zumindest sporadisch auf dem Parkett dabei war, verzichtet nun schweren Herzens auf seine Olympia-Teilnahme.

VIDEO: THW Kiel: Meisterfeier maritim (2 Min)

Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 28.06.2021 | 19:30 Uhr

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