Fußball-Trainer Thomas Doll © IMAGO / eu-images

Thomas Doll in Indonesien: Ein Leben zwischen Toren und Tragödien

Stand: 13.03.2023 08:34 Uhr

Der frühere Fußball-Nationalspieler Thomas Doll ist als Trainer zum Weltenbummler geworden. Nach Stationen in Deutschland, Saudi-Arabien, Ungarn, der Türkei und auf Zypern coacht der 56-Jährige nun den indonesischen Club Persija Jakarta. Es ist das Abenteuer seines Lebens.

von Hanno Bode und Thorsten Vorbau

Wenn es Nacht wird in Jakarta, geht Thomas Doll gerne auf den kleinen Balkon seines Apartments, das in einem der oberen Stockwerke eines Luxusresorts liegt. Der ehemalige Bundesliga-Stürmer des Hamburger SV und von Eintracht Frankfurt lässt dann beim Blick in das bunte Lichtermeer der größten Stadt Südostasiens seine Gedanken schweifen.

Der aus Tausenden ärmlichen Dörfern zusammengewachsene Moloch, dessen Skyline von modernen Shopping-Malls, Hotels und Wohnanlagen geprägt ist, hinterlässt in diesen Augenblicken einen beinahe friedlichen Eindruck. "Ich genieße diese Momente", sagt Doll, ergänzt dann aber bereits im nächsten Atemzug mit Blick auf den Tag und Nacht herrschenden Straßenlärm: "Auch abends hörst du noch diesen Verkehr. Hier ist immer was los. Die Stadt ruht nie."

Persija Jakarta Dolls achte Trainerstation

Die pulsierende Hauptstadt Indonesiens mit ihren über zehn Millionen Einwohnern ist seit dem vergangenen Sommer die Wahlheimat des rastlosen Coaches. Der Fußball hat den aus Malchin (Mecklenburg-Vorpommern) stammenden Übungsleiter zum Nomaden werden lassen. Persija Jakarta ist bereits seine achte Trainer-Station. Zwar waren auch seine vorigen Auslands-Engagements bei Genclerbirligi Ankara, dem saudischen Club Al-Hilal, Ferencváros Budapest und APOEL Nikosia spannend und manchmal mit Widrigkeiten verbunden.

Jakarta aber ist für den 56-Jährigen noch einmal ganz anders. "Ein Abenteuer", wie er selbst sagt.

Verein stellt Luxuswohnung und Chauffeur

Doll führt fernab der norddeutschen Heimat ("Alles, was mit Nord- und Ostsee zu tun hat, da bin ich zu Hause") gewissermaßen ein Leben im goldenen Käfig. Persija Jakarta hat ihm das Luxus-Apartment in einer bewachten Anlage gestellt. Für die Wege zu den Übungseinheiten und andere Fahrten stehen dem Coach und seinen Co-Trainern Pasquale Rocco, Jan Klima sowie Paul Keenan ein Chauffeur zur Verfügung. Der Club möchte nicht, dass sich seine ausländischen Mitarbeiter selbst ans Steuer setzen. Die Unfallgefahr wäre für sie zu groß.

Sich frei in der Metropole zu bewegen, ist für Doll und Co. aber natürlich möglich. "Die Stadt hat wirklich viele Sehenswürdigkeiten zu bieten, ist wirklich toll", sagt der Coach. Ein Ausflug ist allerdings mit vielen, vielen Pausen verbunden. Und das gründet nicht nur auf den Temperaturen, die ganzjährlich um die 30 Grad liegen, sowie der hohen Luftfeuchtigkeit. Doll wird nahezu an jeder Ecke von Fans um Selfies und Autogramme gebeten. Jeden einzelnen Wunsch erfüllt der 56-Jährige geduldig - und stets mit einem Lächeln im Gesicht.

Erfolge mit HSV und Dortmund - Abstieg mit 96

Der frühere Publikumsliebling und Trainer des HSV hat sich mit den besonderen Lebensumständen im stets lauten und stickigen Jakarta arrangiert.

HSV-Trainer Thomas Doll (Foto aus dem Jahr 2006) © Witters
Doll coachte von 2004 bis 2007 den HSV, für den er auch selbst in der Bundesliga spielte.

Er wirkt viel gelöster als noch zu seinen Zeiten als Bundesliga-Coach von den Hamburgern, Borussia Dortmund und Hannover 96. Damals reagierte er häufiger Mal gereizt auf Kritik und ließ sich beispielsweise als BVB-Trainer auf einer Pressekonferenz zu einer Wutrede hinreißen.

Eine Aussage daraus: "Da lache ich mir doch den Arsch ab", blieb am Ende in der Wahrnehmung vieler Fans mehr hängen als seine Erfolge. Den HSV führte Doll in die Champions League, mit Dortmund zog er ins Pokalfinale ein. Nur das lediglich ein paar Monate andauernde Beschäftigungsverhältnis bei Hannover 96 war ein Flop und endete mit dem Abstieg. Einfach nur "bitter" sei das Engagement bei den Niedersachsen gewesen, sagt der Trainer rückblickend.

Doll sieht Indonesien-Engagement nicht als Abstieg

Dass er seinerzeit eine 96-Mannschaft übernahm, die kaum Erstliga-tauglich war, wird im Rückblick oftmals nicht berücksichtigt. Doll kartet aber nicht nach. Der 56-Jährige lebt im Hier und Jetzt und vermittelt absolut glaubwürdig, Feuer und Flamme für seine aktuelle Aufgabe zu sein. Dabei könnte man sein Engagement in Indonesiens Eliteklasse, die im internationalen Vergleich fraglos nur zweitklassig ist, oberflächlich als Abstieg ansehen.

Darauf angesprochen, kommt noch einmal der alte Doll zum Vorschein. Der Doll, der sich einst auf der Pressekonferenz den Allerwertesten ablachte: "Mir war es völlig egal, was irgendwelche Experten erzählen. Die haben mit meinem Leben und meiner Karriere nichts zu tun. Die können schreiben, was sie wollen. Das interessiert auf Deutsch gesagt kein Schwein. Ich bin niemandem Rechenschaft schuldig. Ich mache das, worauf ich Lust habe und nicht das, was andere erwarten."

Spieler loben Doll: "Auf anderes Level gehoben"

Gleich für drei Jahre hat er bei Persija unterschrieben. Nachdem der frühere Meister in der Vorsaison im trostlosen Tabellen-Nirgendwo herumgedümpelt war, steht er aktuell auf Platz drei. Doll habe sie auf ein "anderes Level" gehoben, loben die Spieler ihren deutschen Trainer. Hätte der Club im Saisonverlauf nicht gleich sechs Akteure wochenlang für die indonesische U20-Auswahl abstellen müssen und würde in Ex-Bundesliga-Profi Hanno Behrens nicht ein Schlüsselspieler aus gesundheitlichen Gründen bis jetzt ausfallen, die erste Meisterschaft seit 2018 wäre wohl möglich gewesen.

Aber auch so ist die Begeisterung in Jakarta für Persija riesengroß. "Man merkt schon die Wucht, die dieser Club hat. Wir haben zehn Millionen Fans", erzählt Doll.

Gemeinsames Gebet vor der Abfahrt ins Stadion

Die Erwartungshaltung an den Trainer und sein Team ist dementsprechend groß. Aber Doll muss nicht nur mit dem Druck umgehen, sondern auch gewissen Ritualen, die er aus Deutschland nicht kannte. So stellen sich seine Spieler vor der Abfahrt ins Stadion in der Hotellobby in einem Kreis gemeinsam zum Gebet auf. Indonesien ist das Land mit der größten muslimischen Bevölkerung weltweit. Die Religion bestimmt zwar nicht ausschließlich, aber doch in erheblichem Maße das Leben der Einheimischen.

Kein Problem für Doll. Er hat bereits bei seinen anderen Auslandsstationen unter Beweis gestellt, sich an andere Kulturen anpassen zu können und ein feines Gespür für Menschen zu haben. Seine größten Erfolge feierte der 56-Jährige mit Ferencváros. Den Traditionsclub führte er zur Meisterschaft und zu drei Pokalsiegen.

Frau und Tochter leben in Budapest

Budapest ist auch heute, fünf Jahre nach seinem Abschied von Ferencváros, noch der Ankerpunkt in Dolls Leben. In Ungarns Hauptstadt leben seine Frau Edina sowie die ein Jahr und drei Monate alte Tochter Emilia in der gemeinsamen Wohnung. Mehrmals täglich tauscht sich die Familie via Videotelefonie aus. Dolls Augen beginnen dann stets zu glänzen.

Der 56-Jährige ist unendlich glücklich, zum dritten Mal Vater geworden zu sein. "Dass ich das noch mal erleben darf, ist wirklich ein Geschenk Gottes. Damit hatte ich nicht gerechnet", sagt der stolze Papa.

Zwei Tragödien mit vielen Toten binnen weniger Wochen

Trainer Thomas Doll (Foto aus dem Jahr 2019) © Witters
Während Dolls bisheriger Amtszeit kam es in Indonesien zu einer Stadionkatastrophe und einem Erdbeben.

In unregelmäßigen Abständen besuchen Frau und Töchterchen Doll in Jakarta. So auch im vergangenen Herbst. Eine Woche, bevor die Stadt Cianjur im Westen Indonesiens am 21. November von einem verheerenden Erdbeben erschüttert wurde, bei dem mehr 300 Menschen ihr Leben verloren, reisten sie allerdings ab. "Gott sei Dank war ich nur allein hier. Man hat richtig gemerkt, wie es gewackelt hat", erzählt der Trainer.

Es war die zweite Tragödie binnen weniger Wochen, die das Land traf. Anfang Oktober waren nach einem Spiel in Malang in der Provinz Ostjava bei gewaltsamen Ausschreitungen und einer Massenpanik 135 Menschen gestorben.

Nach Stadionkatastrophe: Team mit Panzerwagen abgeholt

Doll selbst bereitete sich zu diesem Zeitpunkt gerade mit seiner Mannschaft im Hotel auf ein Spiel vor. "Wir sind mit Panzerwagen aus dem Hotel abgeholt und aus der Stadt gebracht worden. Ich habe meine Jungs dann erst einmal für neun Tage in den Urlaub geschickt, damit sie die Köpfe freibekommen und nichts mit Fußball zu tun haben", erzählt der 56-Jährige.

Acht Wochen lang ruhte die Liga. Dann wurde zunächst wieder in leeren Stadien gespielt, bevor langsam die Rückkehr in die Normalität versucht wurde.

Traum vom Bundesliga-Comeback lebt

Inzwischen ist wieder so etwas wie Alltag eingekehrt im indonesischen Fußball. Die Saison in der Liga 1 ist auf der Zielgeraden. Sechs Partien bleiben Persija noch, um den 14-Punkte-Rückstand auf Tabellenführer PSM Makassar, der bereits eine Begegnung mehr ausgetragen hat, wettzumachen. Ein schweres bis unmögliches Unterfangen, zumal Doll eben aktuell auf wichtige Stützen wie den Ex-Rostocker Behrens verzichten muss. Auf seine erste Meisterschaft mit Jakarta wird der einstige HSV-Stürmer wohl mindestens bis 2024 warten müssen - wenn er denn seinen Vertrag bei Persija erfüllt.

Denn der Traum vom Comeback in Deutschlands Beletage, wo seine Trainerkarriere 2004 beim HSV begann, lebt noch immer. "Falls ich eines Tages noch einmal ein Angebot aus der Bundesliga kriegen würde, dann wäre das nicht schlecht", sagt er.

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 12.03.2023 | 23:35 Uhr

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