Mbouhom: Bei Barca gescheitert, in Frankfurt gefeiert - und nun in Schwerin

Stand: 16.10.2023 09:35 Uhr

Nelson Mandela Mbouhom wurde als Neunjähriger vom FC Barcelona verpflichtet. Mit 18 gewann der Offensivspieler mit Eintracht Frankfurt den DFB-Pokal. Der gebürtige Kameruner schien auf dem besten Weg, ein Fußball-Topstar zu werden. Doch es kam alles anders. Heute kickt Mbouhom für den Sechstligisten FC Mecklenburg Schwerin und will sich dort wieder für höhere Aufgaben empfehlen. 

von Hanno Bode und Tom Gerntke

Kein Bild oder eingerahmtes Trikot aus seinen früheren erfolgreicheren Zeiten hängt an den Wänden der kleinen Plattenbauwohnung, die sich Mbouhom mit seinem Mannschaftskameraden Karl-Kevin Ngwe teilt. Und auch in dem Vitrinenschrank im Wohnzimmer sind keine Relikte aus der Vergangenheit des einstigen Ausnahmetalents zu sehen. Viel mehr als seine Erinnerungen sind dem 24-Jährigen aus seiner bewegten Fußballer-Vergangenheit nicht geblieben.

Das letzte materielle Überbleibsel aus diesem Lebensabschnitt ist ein Stapel teils noch nicht signierter Autogrammkarten, auf denen Mbouhom als 18-Jähriger im Trikot von Eintracht Frankfurt abgebildet ist.

"Die Zeit in Frankfurt war perfekt"

Immer mal wieder kramt der einstige kamerunische U20-Nationalspieler (ein Einsatz) die Hochglanz-Fotos mit seinem Konterfei heraus und schaut sie sich dann mit glänzenden Augen an. Obgleich ihm der Bundesligist 2019 den Laufpass gab und damit sein sportlicher Absturz begann, verliert er kein böses Wort über die Eintracht.

Nelson Mandela Mbouhom vom FC Mecklenburg Schwerin hält Autogrammkarten aus einer Zeit bei Eintracht Frankfurt in den Händen © Hanno Bode
Nelson Mandela Mbouhom mit Autogrammkarten aus seiner Zeit bei Eintracht Frankfurt.

"Die Zeit in Frankfurt war perfekt. Dort hatte ich Freunde, dort bin ich zur Schule gegangen. Nach all den Wechseln hatte ich dort ein ganz normales Leben als Jugendlicher", erzählt Mbouhom. Plötzlich durchbricht das Geräusch eines vorbeifahrenden Zuges die Stille in seinem kleinen Wohnzimmer. Die spartanisch eingerichtete Wohnung liegt direkt an einem Bahngleis.

Mbouhom kann aus dem Fenster, vor dem ein alter Holztisch sowie ein Wäscheständer mit seiner Trainingskleidung stehen, die in Schwerin ankommenden und wegfahrenden Züge beobachten. Vor rund einem Jahr saß auch er in einer dieser Bahnen. Sein Ziel: der Sportpark Lankow. Seine Hoffnung: Ein Vertrag beim dort beheimateten FC Mecklenburg Schwerin.

Comeback nach fast zweijähriger Pause

Den Kontakt zum damals noch in der Oberliga spielenden Amateurclub hatte Tim Queckenstedt hergestellt, der mit Mbouhom gemeinsam in der Frankfurter U19 spielte und seinerzeit noch für den FCM auflief. "Wir hatten damals fünf oder sechs Spiele in Folge verloren. Ich habe Nelson dann angerufen und ihm gesagt, dass ich irgendjemanden brauche, der Fußball spielen kann", erzählt Coach Stefan Lau.

Seine erste Begegnung mit dem einstigen Fußball-Wunderkind war für den 42-Jährigen allerdings irritierend. "Er saß in der Kabine und sagte, dass er heute nicht trainieren kann. Ich habe ihn dann gebeten rauszugehen und zwei Tore zu schießen. Das hat er dann auch gemacht", berichtet Lau.

Mbouhom, der sich zuvor erfolglos im Probetraining beim Ligakonkurrenten FSV Optik Rathenow vorgestellt hatte, war zu diesem Zeitpunkt fast zwei Jahre vereinslos. Beim FCM erhielt er die Chance, wieder auf die Beine zu kommen. Mehr als ein Dach über dem Kopf konnte ihm der Fünftligist allerdings nicht bieten. "Er kriegt hier von uns seine Bude und sonst nichts", erklärt Lau, der in Personalunion Trainer und Geschäftsführer beim Fusionsclub ist.

Mbouhom übt schonungslos Selbstkritik

Für Mbouhom ist Lau allerdings noch viel mehr, ein väterlicher Freund, bei dem sich der nach außen immer fröhliche junge Mann auch einmal ausweinen kann. "Man muss ihn mal in den Arm nehmen, damit er sich wohlfühlt", erzählt der 42-Jährige. Eine solche Vertrauensperson hat dem sensiblen Offensivspieler bei seinen vorigen Stationen vielleicht gefehlt, um den großen Durchbruch zu schaffen. "Es gibt Menschen auf dieser Welt, die haben so Sachen im Kopf, die dich am Ende kaputt machen können", sagt Mbouhom, ohne dabei weiter ins Detail zu gehen. Seine Worte lassen erahnen, dass er in der Vergangenheit nicht immer ehrlich und gut beraten wurde.

"Es gibt Menschen auf dieser Welt, die haben so Sachen im Kopf, die dich am Ende kaputt machen." Nelson Mandela Mbouhom

Bis vor eineinhalb Jahren habe er die Verantwortung für seinen sportlichen Abstieg auch bei anderen gesucht, gibt er zu. Dann jedoch habe er nachgedacht und sei zu der Erkenntnis gekommen: "Die waren nicht schuld daran, dass ich da bin, wo ich bin. Die waren nicht unterwegs, als ich eigentlich hätte schlafen müssen. Und sie haben nicht bei ein paar Reha-Terminen gefehlt. Aber es ist jetzt Vergangenheit, und man lernt aus Fehlern."

Mit neun Jahren vom FC Barcelona verpflichtet

Diese schonungslose Selbstkritik ist nicht selbstverständlich für einen jungen Mann, der in der Scheinwelt des Profifußballs aufgewachsen ist und keine normale Kindheit hatte. Denn bereits im Alter von acht Jahren wurde er von der Stiftung des früheren kamerunischen Stürmerstars Samuel Eto’o entdeckt und ein Jahr später zum FC Barcelona vermittelt. Nach zwei Jahren in La Masia, der berühmten Jugendakademie der Katalanen, musste er den Topclub aber wieder verlassen. "Bis heute weiß ich nicht den Grund dafür. Mein damaliger Berater hat ihn mir nicht gesagt. Ich habe nur gehört, dass es mit Barcelona Stress gab, weil ich angeblich zu Atlético Madrid wollte", erzählt Mbouhom.

Er zog daraufhin zu seinem Bruder nach Paris und lebte dort einige Monate, bevor ihn ein Agent nach Deutschland zur TSG Hoffenheim vermittelte. Eigentlich untersagen die Regularien des Fußball-Weltverbandes FIFA den Abschluss von Verträgen mit Minderjährigen. Doch sowohl Barcelona als auch die TSG fanden Möglichkeiten, die Paragrafen des Regelwerks auszuhebeln.

Kreuzbandriss wirft Offensiv-Talent aus der Bahn

So also landete Mbouhom in Europa. Er war für seine Berater eine Investition in die Zukunft. Eine Geldanlage mit der Aussicht auf tolle Rendite. Aber Mbouhom war eben auch ein Kind, dem die Kindheit genommen wurde. Er stand ständig unter enormem Leistungsdruck, die Angst vor einem Scheitern war sein ständiger Begleiter. Nach seinem Wechsel 2013 nach Frankfurt deutete aber zunächst alles auf eine große Karriere des Kameruners hin. Mbouhom schoss die Eintracht zur deutschen C-Junioren-Meisterschaft und zählte auch in den Jahrgängen danach zu den besten Spielern. Die Hessen statteten eines ihrer größten Talente 2017 mit einem Profivertrag aus. 

"Ich habe Fehler gemacht, die ich nicht hätte machen dürfen." Nelson Mandela Mbouhom über seine Profizeit

Der Offensivspieler hatte es geschafft. So schien es jedenfalls. Aber nur Monate nach der Unterschrift unter den Zweijahreskontrakt riss sich Mbouhom das Kreuzband. Nach der schweren Verletzung fiel er in ein tiefes Loch. "Ich hätte mehr auf mich aufpassen sollen - auch auf meinen Körper. Ich hatte immer eine Ausrede, zum Beispiel, dass ich mich einsam gefühlt habe. Niemand war für mich da in einer Phase, in der ich wirklich Menschen gebraucht hätte", sagt er und gibt freimütig zu: "Ich habe ein paar Fehler gemacht, die ich nicht hätte machen dürfen." 

Pokalsieger mit Frankfurt ohne Einsatzminute

Eintracht Frankfurts Nelson Mandela Mbouhom küsst nach dem Sieg im Finale gegen Bayern München den DFB-Pokal © IMAGO / Jan Huebner
Sein schönster Moment als Profi: Nelson Mandela Mbouhom küsst 2018 nach dem Sieg im Finale gegen Bayern München den DFB-Pokal.

Der DFB-Pokalsieg 2018 entschädigte ihn für seine lange Leidenszeit, auch wenn er nicht zum Einsatz kam. "Das war das schönste Erlebnis, das werde ich nie vergessen", erklärt Mbouhom, der auch in der Saison danach vergeblich auf sein Debüt für die Eintracht-Profis wartete. Der Bundesligist verlängerte seinen auslaufenden Vertrag nicht, sodass der Kameruner plötzlich auf der Straße stand - ebenso verbittert wie enttäuscht.

"Dieses Fußball-Leben ist grausam. Man hat keine Zeit. Wenn irgendetwas nicht passt, dann kannst du Messi sein, und du bist weg. Heutzutage geht es im Fußball nur noch ums Geschäft", sagt der 24-Jährige.

Job als Lieferfahrer

Nach seinem Aus bei der Eintracht blieben sportlich interessante und finanziell lukrative Angebote aus. Mbouhom versuchte sich über Engagements bei den Regionalligisten Sportfreunde Lotte und FC Bayern Alzenau wieder für höhere Aufgaben zu empfehlen. Vergeblich. Bei beiden Clubs blieb er jeweils nur einige Monate. Die Corona-Pandemie sorgte dann zusätzlich dafür, dass der Markt für Fußballer noch schwieriger wurde. Der Ball rollte in Deutschland nur noch in den ersten drei Ligen.

Spieler wie Mbouhom, die zuvor unterhalb der offiziellen Profi-Klassen ihren Lebensunterhalt verdienten und vereinslos waren, mussten sich nun nach anderen Jobs umschauen. Der einstige Junioren-Nationalspieler verdiente sich, während er bei seinem Bruder in Köln wohnte, ein paar Euro als Lieferfahrer dazu. "Das war eine sehr schöne Zeit", sagt der 24-Jährige.

Traum vom Profi-Comeback lebt

Dauerhaft einen anderen Berufsweg einzuschlagen oder eine Ausbildung zu beginnen, kam für ihn dennoch nicht infrage. Der Traum vom Profi-Comeback war und ist größer als die Zweifel, die Rückkehr in den bezahlten Fußball nicht mehr zu schaffen. "Ich würde schon arbeiten gehen. Mir gefällt es auch nicht, wenn ich nur zu Hause bin", sagt Mbouhom. Eine Lehre sei für ihn aber auch mit 24 Jahren noch keine Option: "Ich habe wichtigere Ziele. Und das ist jetzt noch der Fußball."

Ein Satz, der erst einmal fast absurd klingt aus dem Munde eines Sechstliga-Spielers. Doch im globalisierten Fußballmarkt können sich schnell Türen öffnen - selbst für einen Amateurkicker. Das zeigt das Beispiel von Edin Bahtic. Der Österreicher strandete nach Profistationen in seiner Heimat 2019 ebenfalls in Schwerin. "Er war in keinem guten Zustand, wir haben ihm aber wieder auf die Beine helfen können", erzählt Coach Lau.

Nach einer guten Hinrunde im FCM-Trikot erhielt Bahtic die Chance, sich beim bulgarischen Erstligisten Lokomotiv Plovdiv vorzustellen. Er packte sie beim Schopfe, bekam einen Vertrag, wurde mit dem Club später Pokalsieger und kam sogar im Europapokal zum Einsatz.

Coach Lau: "Struktur in sein Leben bekommen"

Trainer Stefan Lau (l.) vom FC Mecklenburg Schwerin und Nelson Mandela Mbouhom © Hanno Bode
Trainer und väterlicher Freund von Mbouhom in Schwerin: Stefan Lau (l.).

Seinem Beispiel will Mbouhom folgen. Beinahe hätte es bereits im vergangenen Sommer geklappt. Zwar konnten auch seine Tore und Vorlagen die Schweriner nicht vor dem Oberliga-Abstieg bewahren, doch der beidfüßige Edeltechniker hatte nachhaltig auf sich aufmerksam gemacht. "Es gab Interesse vom Berliner AK und einem französischen Zweitligisten", berichtet Lau.

Ein Wechsel kam jedoch nicht zustande. Und das war nach Meinung des FCM-Trainers auch gut so: "Nelson muss erst bereit für den Sprung nach oben sein. Es geht auch darum, Struktur in sein Leben zu bekommen. Da ist er aber dabei."

Trotz Nackenschlägen immer positiv gestimmt

Lau steht auf dem Rasenplatz des Sportparks Lankow, während er über seinen besten Fußballer spricht. Im Hintergrund lässt die schmucke Tribüne mit dem noblen VIP-Raum beinahe vergessen, dass hier nur Amateurfußball gespielt wird. Mbouhom holt sich sein Mittagessen ab - Nudeln mit Soße. Und Mbouhom strahlt mal wieder mit der an diesem Nachmittag scheinenden Sonne um die Wette. Eigentlich strahlt die "Frohnatur" (Lau) den ganzen Tag. Selbst nach hohen Niederlagen versuche Mbouhom immer, das Positive zu sehen, berichtet sein Coach.

"Du kannst aber nicht immer fröhlich sein. Da, wo er hingehört - in die Zweite Liga - ist es nicht lustig", sagt Lau. Manchmal, so ergänzt der Übungsleiter, fehle Mbouhom auch ein wenig "der Biss". Themen, an denen er mit dem feinen Fußballer arbeitet. In kleinen Schritten will Lau den 24-Jährigen für die Rückkehr ins Profigeschäft vorbereiten.

"Schwerin soll nicht mein letzter Verein sein"

Der Weg dorthin, das ist dem früheren Frankfurter Talent bewusst, wird steinig. "Durch eine gute Saison werde ich nicht so einfach nach oben kommen. Das funktioniert so nicht mehr. Es geht im Fußball nur noch um Kontakte", erklärt Mbouhom. Er lässt seine Interessen inzwischen von seinem Bruder vertreten. Sein Part bei der Mission "Rückkehr in der Profifußball" ist es, auf dem Platz konstant gute Leistungen zu bringen, die dann irgendwo in Deutschland oder dem Ausland das Interesse anderer Clubs wecken.

Die Endstation sollen Schwerin und die kleine Wohnung direkt an den Bahngleisen für Mbouhom jedenfalls nicht sein. Daran lässt er keinen Zweifel: "Schwerin soll nicht mein letzter Verein sein. Aber Schwerin soll für mich ein Ort sein, an den ich immer wieder zurückkomme. Es ist für mich schon wie ein Zuhause. Ich fühle mich sehr, sehr wohl hier."

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Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 15.10.2023 | 22:45 Uhr

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