Stand: 27.07.2012 14:47 Uhr  | Archiv

HSV: Generationswechsel in der Nachkriegszeit

von Utz Rehbein, NDR.de
Klaus Stürmer, Uwe und Dieter Seeler (v.l.) bejubeln einen Hamburger Treffer. © imago/kicker Foto: kicker
Klaus Stürmer, Uwe und Dieter Seeler (v.l.) bejubeln einen Hamburger Treffer.

1954, im Jahr des überraschenden WM-Triumphs, ist der Hamburger SV auf einem Tiefpunkt angekommen. Die Saison der Oberliga schließt der erfolgsgewohnte Verein nach fünf Nordmeisterschaften in Folge auf Platz fünf ab. Zudem gibt es Ärger mit dem Fußballbund, weil der HSV sich bei illegalen Handgeldzahlungen erwischen lässt: Mit 10.000 Mark wollen Trainer Georg Knöpfle und die Verantwortlichen den talentierten Nationalstürmer Willi Schröder vom ATSV Bremen 1860 loseisen. Die Aktion kostet Schröder ein Jahr Sperre, den HSV 10.000 Mark Strafe und vier Punkte Abzug (dadurch rutscht er auf Platz elf), Knöpfle den Job. In Fankreisen steht der Coach ohnehin nicht hoch im Kurs. Damals ein Standardsatz auf den Rothenbaum-Stehrängen: "Das Beste, was er für den HSV getan hat, war, Jupp Posipal aus Hannover mitzubringen". Der athletische, in Rumänien geborene Mittelläufer Posipal gehört, wie Stürmer Fritz Laband, zu Sepp Herbergers WM-Kader und kommt im legendären Berner Endspiel gegen Ungarn auch zum Einsatz.

Talente aus dem eigenen Nachwuchs

Uwe Seeler im Jahr 1955 © imago/kicker Foto: kicker
Uwe Seeler im Jahr 1955.

In Hamburg steht ein Generationswechsel an - im Wortsinn: Ganze fünf Jahre sind seit dem letzten Auftritt Erwin Seelers im HSV-Trikot vergangen, sechs seit dem Abschied der Brüder Friedo und Richard Dörfel. Wie auf Bestellung fördert der Vereins-Nachwuchs die dringend benötigten Talente zu Tage. Der gerade 17 Jahre alte Uwe Seeler macht wenige Wochen vor dem Triumph von Bern bei einem Jugendturnier so nachhaltig auf sich aufmerksam, dass der gestandene Rundfunkjournalist Rudi Michel fragt: "Warum fährt der Mann nicht mit zur Weltmeisterschaft?"

Jungstar Uwe Seeler bringt den Aufschwung

Mit Seeler stoßen nach und nach die Altersgenossen Gerd Krug, Jürgen Werner und Uwe Reuter zum Ligakader. Neuer Trainer wird Martin Wilke, dem der frühere Jugendcoach Günther Mahlmann (ab 1956 alleiniger HSV-Trainer) zur Hand geht. Der HSV-Jugendstil zeitigt sofort nachhaltigen Erfolg: Bis zur Einführung der Bundesliga, also neun Jahre lang, wird der Uwe-Seeler-HSV Serien-Nordmeister. Mentale Stärke und eine auch für heutige Verhältnisse außergewöhnliche Physis kennzeichnen den Jungstar, aber auch die anderen Kicker aus der Kriegs- und Nachkriegs-Generation. Schon Vater "Old Erwin" war jegliche Weinerlichkeit verhasst. Uwe Seeler erinnert sich: "Er hat mal mit Wadenbeinbruch durchgespielt. Das ist keine Legende, das ist ’ne Tatsache." Dementsprechend dürfen auch die Söhne, Uwe und Bruder Dieter, bei Sport-Blessuren auf nicht allzu viel Mitleid hoffen.

Keine Schonung für die Jungspunde

Uwe Seeler im Jahr 1955 © imago/kicker Foto: kicker
Trotz aller Strapazen immer gut drauf: Uwe Seeler.

Einen Eindruck von den Verhältnissen, in denen Fußballer in den 50er-Jahren groß wurden, vermittelte der 2011 verstorbene "Gerd" Krug in einem seiner letzten Interviews. Jungmannen-Teamkamerad Seeler habe ihn, aus der Innenstadt kommend, mit dem Rad abgeholt. Rund 20 Kilometer mussten die Jungs zum Trainingsgelände Ochsenzoll zurücklegen, "und wir hatten ein ganz gutes Tempo drauf. Am Ende gab es auf den letzten tausend Metern noch ein Rennen. Mit hochrotem Kopf kamen wir an. Und dann kam der Trainer und sagte: Nun geht’s los." Trainer Mahlmann geht mit den zu Beginn minderjährigen Jungspunden denn auch nicht pfleglich um. Seeler und Co. befinden sich von Anfang an im Dauereinsatz. 1957 scheinen sich erste Verschleißerscheinungen bemerkbar zu machen, vor allem der Rücken quält Uwe. Vereinsarzt Dr. Ernst Küchlin erdreistet sich, im "Spiegel" vom "Raubbau am Fußballer-Nachwuchs" zu sprechen. Sein Rauswurf erfolgt keine zwei Wochen später.

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 29.09.2012 | 22:00 Uhr

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