Etwa 150 Menschen beteiligten sich in Ferdinandshof an Protesten gegen den Bau von Windkraftanlagen in der Großen Friedländer Wiese. © Christopher Niemann Foto: Christopher Niemann

Dorf Stadt Kreis: Warum sind Windräder in MV so unbeliebt?

Stand: 07.01.2021 13:29 Uhr

Im Nordosten stehen bereits rund 2.000 Windräder. Der weitere Ausbau aber gerät aufgrund einer zunehmenden Zahl von Gerichtsverfahren ins Stocken - ausgelöst von Windraftgegnern, die klagen.

von Thomas Köhler

Rund 2.000 Windräder stehen in Mecklenburg-Vorpommern auf festem Boden. Sie liefern eineinhalb mal so viel Strom, wie im Land gebraucht wird. Der weitere Ausbau aber stockt. Schuld daran sind unter anderem immer mehr Gerichtsverfahren, in denen Windkraftgegner versuchen, den Bau neuer Anlagen zu stoppen. Aus anfangs einzelnen auf das Land verteilte Bürgerinitiativen ist inzwischen eine Partei heran gewachsen. Der "Freie Horizont" ist zum schärfsten Kritiker grüner Politik geworden.

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Windkraft und Naturschutz teils in Widerspruch

Die Kriminalpolizei in Ueckermünde ermittelt seit Dezember wegen eines verschwundenen Vogelnestes. Am Fliegerdamm in Ferdinandshof wird ein Rotmilan-Horst vermisst. Noch im Sommer hätten dort Rotmilane gebrütet, sagt Thea Funk aus Wilhelmsburg. Sie ist Mitglied des Vereins "Freie Friedländer Wiese" und war selbst bei der Horst-Kontrolle dabei. Brisant: Das Nest befand sich in einem Gebiet, in dem Windräder gebaut werden sollen. Diese dürfen aber nur in einem Mindestabstand von 1.500 Metern von diesen Nestern entstehen. Für den Bau der Windräder läuft zur Zeit das Genehmigungsverfahren. Seit zwei Jahren stehen Thea Funk und ihre Mitstreiter jeden Samstag an der Bundesstraße in Ferdinandshof und halten Mahnwache. "Wir sind für den Naturschutz, nicht in erster Linie gegen Windräder, nur dort wo sie dem Naturschutz schaden", erklärt Ehemann Jens Funk. Ein Satz, der eigentlich das ganze Dilemma sichtbar macht, in das die Politik der erneuerbaren Energien hinein manövriert wurde. 

Die Grünen als Pro-Windrad-Kraft, die ihren Ursprung im Naturschutz haben, sind die neuzeitlichen "Erzfeinde" der Naturschützer vor Ort. Das aber lässt die Grünen-Bundestagsabgeordnete Claudia Müller aus Stralsund so nicht auf sich sitzen. Erneuerbare Energien seien alternativlos. Aber es seien Fehler gemacht worden: "Die Politik hat die Menschen nicht mitgenommen."

Energie- und Umweltminister uneins

Ein Bild, das zuletzt auch die Auftritte von Energieminister Christian Pegel (SPD) und Umweltminister Till Backhaus (SPD) in den Augen der Kritiker verstärkt haben. Während Pegel sich für den Bau der Windräder in Nähe der Friedländer Wiese einsetzt, lehnt Backhaus sie ab. Er plädiert für eine Renaturierung und die Wiederlebung der Moore als CO2-Speicher. In seinem Hause liegt auch die Hoheit über den Bau der Anlagen letztendlich zu entscheiden. Denn die Genehmigungen zum Bau der Windräder werden von den Staatlichen Ämtern für Landwirtschaft und Umwelt (Stalu) erteilt, die dem Backhaus-Ministerium nachgeordnet sind. Dieses ist auch für die Umsetzung der Vogelschutz-Richtlinie der Europäischen Union zuständig. Und diese werde nahezu durch jedes gebaute Windrad konterkariert, meinen die Aktivisten.

Auch Menschen leiden unter Windrädern

Es sind aber nicht nur die Vögel, die unter den Windrädern zu leiden hätten, auch die Menschen, verweist der Co-Sprecher des Freien Horizonts Norbert Schumacher aus Penzlin auf weitere Aspekte. Ein Problem sei auch der Infraschall. Einer der Ärzte in Deutschland, die diese Meinung teilen, ist Heinz Timm aus Penkun. Er hat die Einwohner eines Dorfes befragt, die in direktem Einfluss von Windrädern leben. Das Ergebnis: "Ein Drittel leidet unter gesundheitlichen Störungen." Schlafprobleme seien typisch, auch ein Tinnitus könne auftreten, erklärt Timm. Die Folgen seien nicht absehbar. Ein Thema, das im Bundestag noch nicht ein einziges Mal eine Rolle gespielt habe, bestätigt die Grünen-Abgeordnete Müller. Und das Umweltbundesamt erklärt, dass Infraschall schädlich sein könne, aber nicht der von Windrädern. Bisher habe es zu diesem Thema eine Laboruntersuchung mit 44 Personen gegeben. 

Anlagen nach Jahren Sondermüll

In diesem Jahr - 20 Jahre nach der staatlichen Förderung der ersten Windräder - soll nun eine Studie im Wohnumfeld von Betroffenen vorbereitet werden. Zu einem Zeitpunkt, da die ersten Windräder wieder abgebaut werden müssen, denn ihre Förderung läuft aus und damit werden sie unrentabel. Das meiste Material ist Stahl und Beton, das die Unternehmen auf eigene Kosten entsorgen müssen. Aber in Windrädern wurden auch Kunststoffe in Verbindung mit Carbon verarbeitet. Ein Stoff, der vor allem wenn er brennt, die sogenannten fiesen Fasern freisetzt, die als krebserregend gelten. Fachfirmen, die diese Stoffe entsorgen können, gibt es in Mecklenburg-Vorpommern nicht. Das Energieministerium signalisierte aber Interesse, Technologien dieser Art fördern zu wollen. 

Vergemeinschaftung oder zurück zur Kernenergie?

Wie produzieren wir unsere Energie ohne Windräder? Welche Alternativen gibt es?  Die Kritiker der Windräder verweisen auf die Kernenergie. Russland und China hätten die Forschung weiter vorangetrieben und hätten heute sogar Reaktoren in Betrieb, die den atomaren Restmüll verarbeiten könnten, der in Deutschland Millionen Jahre lang in einem Endlager gebunkert werden muss. "Es würde lohnen zumindest mal darüber zu reden", glaubt Jens Funk. Windräder seien alternativlos, hält Falk Jagszent aus Neustrelitz dagegen. Der Fraktionschef der Grünen im Kreistag Mecklenburgische Seenplatte sieht das Problem ganz woanders: "Die Politik hat dieses wichtige Thema der Kommerzialisierung unterworfen. Was wir brauchen, sind ganz andere Formen, Genossenschaften zum Beispiel."    

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NDR 1 Radio MV | 07.01.2021 | 17:40 Uhr

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