Biber in Vorpommern: geliebt und gehasst

Stand: 15.04.2021 11:25 Uhr

Es ist eine Erfolgsgeschichte des Artenschutzes: Biber haben sich in Vorpommern fast flächendeckend verbreitet. Wie Biberdämme für Streit sorgen, wie Bibermanager arbeiten - Thema im Podcast Dorf Stadt Kreis.

von Claudia Arlt

Der Frust ist groß: Im Januar finden Ehrenamtliche vom NABU an der Swinow bei Karlsburg einen Biber. Tot. Das streng geschützte Tier ist gefangen mit einer Drahtbügelfalle. Zuvor seien bereits mehrfach Dämme der im Naturschutzgebiet Karlsburger/Oldenburger Holz ansässigen Biberfamilie zerstört worden, sagt der ehrenamtliche Gebietsbetreuer des Nabu, Axel Buhl – ohne eine entsprechende Genehmigung. Täter unbekannt. An die Swinow grenzen Weiden und Felder. Bis in den Dezember steht hektarweise Grünland unter Wasser. Rund 40 Heuballen verfaulen im Wasser, der Landwirt kann sie nicht von der Weide holen. Die Situation zwischen Landnutzern und Naturschützern ist angespannt. So angespannt, dass nicht einmal mehr das beratend tätige Bibermanagement des Landes als Mediator akzeptiert werde, erzählt der Geschäftsführer des Wasser- und Bodenverbandes Untere Peene, Jens Uhthoff. Sein Verband pflegt und unterhält die Swinow neben vielen weiteren Gewässern in Vorpommern.

Ein Biber liegt im Wald und schläft. © NDR Foto: Klaus Haase aus Ostseebad Prerow
AUDIO: Folge 26 - Biber in Vorpommern (40 Min)

Deutsche Bahn investiert 150.000 Euro

In den vergangenen vier Jahren hat Uhthoff mit dem Verband 410.000 Euro ausgeben müssen, um abgebrochene Uferböschungen zu richten, um verstopfte Rohrleitungen wieder frei zu räumen, um Biber zu vergrämen oder um Bibertäuscher - eine Drainage im Biberdamm - zu bauen. 12 Prozent des Jahresbudgets muss er mittlerweile aufwenden. Er wünscht sich, dass das Land langfristig für die hohen Kosten aufkommt. Bislang hat es eine Unterstützung von 250.000 Euro für 2020 und 21 zugesagt. Eine Summe, die sich alle WBV des Landes teilen müssen. Auch die Deutsche Bahn wendet große Summen auf, um ihre Anlagen vor Bibern zu schützen. Gerade seien in Salchow 150.000 Euro investiert worden, sagt Uhthoff, der das Projekt begleitet hat. Ein Bett aus Steinen und ein Drahtgeflecht entlang des Bahndamms sollen ihn nun schützen. Biber hatten sich in den Damm gegraben und ihn unterhöhlt.

Vorpommern: mit dem Biber leben lernen

Wenn die Maßnahme funktioniere, sei das ein „tolles Modell“ dafür, wie Bahnanlagen vor dem Biber geschützt werden können, meint der Geschäftsführer der Deutschen Wildtier Stiftung, Hilmer Freiherr von Münchhausen. Die Gesellschaft gebe Geld für die verschiedensten Ziele aus, auch der Arten- und Naturschutz habe seine Berechtigung und sollte mitfinanziert werden. Geld sei notwendig, um vielleicht auch wegzukommen von der althergebrachten Arbeitsweise der Wasser- und Bodenverbände. „Aus Sicht des Naturschutzes ist nicht gerade glücklich, was dort gemacht wird.“

Biberwissen zum Weitersagen

Die streng geschützten Tiere sind Spezialisten auf ihrem Gebiet:

  • Biberzähne sind mit orangefarbener Eisenverbindung verstärkt – für einen festen Biss.
  • Ein Tier schafft in einer Nacht einen 30 Zentimeter dicken Baumstamm.
  • Biber fällen Bäume, auch um an leckere Knospen heranzukommen
  • Sie sind reine Vegetarier: bis zu 300 verschiedene Pflanzenarten stehen auf ihrem Speiseplan
  • Wegen ihres schuppigen Schwanzes galten Biber als Fisch und wurden von Mönchen in der Fastenzeit verspeist.
  • Biber sind die größten Nagetiere Europas
  • Mit etwa 23.000 Haaren pro Quadratzentimeter haben Biber die 38-fache Haarmenge eines Menschen.
  • So klingen Biber: Die Diplom-Biologin Geranda Olsthoorn aus Groß Polzin hatviele Biber-Aufnahmen auf ihrer Internetseite veröffentlicht

Der Biber ist eine Schlüsselart. Mit seiner Bautätigkeit schafft er neue Biotope, die Lebensraum für zahlreiche Arten wie Amphibien und Libellen sind. Außerdem sorgen Biber dafür, dass Wasser in der Landschaft gehalten wird. „Ich glaube, wir müssen anfangen, mit dem Biber zu leben und schauen, wo können wir ihn die Landschaft gestalten lassen, wo müssen wir ihn zurückdrängen und wo sind die Konflikte so hoch, dass wir ihn entnehmen müssen“, so von Münchhausen.

Zu wenig Platz für zu viele Biber?

Für den Biber gebe es nicht genügend Platz, sagt Kai Schmidt vom Büro Umweltplan in Stralsund. Fast jeder Quadratmeter in Deutschland gehöre irgendjemandem. Seit 2017 ist Schmidt als Bibermanager im Land unterwegs und hatte bereits 250 Konflikt-Fälle auf dem Tisch. Auch er hat sich Gedanken gemacht, ob und wie die Probleme gelöst werden könnten. Was Kai Schmidt aber auch Umweltminister Backhaus vorschlagen, ist zu hören im neuen Podcast Dorf Stadt Kreis – Starke Geschichten aus dem Norden. Zu finden auch in der ARD-Audiothek.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 15.04.2021 | 16:00 Uhr

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Ein Biber liegt im Wald und schläft. © NDR Foto: Klaus Haase aus Ostseebad Prerow
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Folge 26 - Biber in Vorpommern

Geliebt oder gehasst - Die streng geschützten Biber haben sich in Vorpommern gut vermehrt und sorgen zunehmend für Konflikte. Welche Lösungen gibt es? 40 Min

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