Stand: 18.03.2018 13:50 Uhr  | Archiv

Amok: Sind wir geschützt?

von NDR Newcomernews (Ein Medienbildungsprojekt des NDR Landesfunkhauses MV mit Schülerinnen und Schülern.)

Laut Spiegel Online gab es in den vergangenen Jahren sieben Amokläufe an deutschen Schulen. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit für den Einzelnen äußerst gering ist, jemals in so einen Amoklauf hinein zu geraten, machen sich viele Menschen in Deutschland Gedanken zum Thema. Sie fragen sich: Wie sicher sind Kinder und Jugendliche in der Schule? Wie verhält man sich eigentlich, wenn es in der Schule zu einem Amoklauf kommt? Wie sieht ein typischer Alarmplan für diesen Fall aus? Das ist das Thema der NDR Newcomernews Online-Reporter Pauline, Hagen und Celine vom Innerstädtischen Gymnasium Rostock.

Schulleiter Markus Riemer © NDR Foto: NDR Newcomernews

Was tut die Schule bei einem Amoklauf?

Immer wieder kommt es an Schulen zu Amokläufen. Die NDR Newcomernews Reporter vom Innerstädtischen Gymnasium in Rostock haben nachgefragt, wie ihre Schule gewappnet ist.

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Die 15-jährige Greta sitzt an einem Computer in der Bibliothek ihrer Schule. Der März geht langsam zu Ende, trotzdem ist es draußen eisig kalt - der Winter hat noch mal zugeschlagen. Greta tippt "empfohlen ab Klasse zehn" auf einen Entwurf im Rechner, sie arbeitet an einem Programmheft für ein Theaterstück, das sie zusammen mit Schülerinnen und Schülern vorbereitet. In der Inszenierung soll es um einen jungen Menschen gehen, der auf die schiefe Bahn gerät und schließlich in den Extremismus abrutscht. Die Geschichte endet in einer Katastrophe, die Hauptfigur des Stücks zündet in der Aula ihrer Schule eine Bombe.

Kommentar

"Schulen sind nicht vorbereitet"

Fluchtwege, Alarmsignale, Notfallpläne - wie sicher ist unsere Schule im Falle eines Amoklaufs? Ein Kommentar von Hagen. mehr

"Ein Amoklauf? Das kann jedem passieren"

Greta hat sich in den letzten Wochen viel mit dem Thema beschäftigt, in ihrem Theaterprojekt haben sie und die anderen Stück für Stück den Charakter der Hauptfigur erarbeitet, dessen Leben und Probleme. "Das hat mein Bild vom typischen Täterprofil verändert. Ich habe mir das immer so klischeehaft vorgestellt. Wir haben am Anfang an Schläge und Missbrauch gedacht. Aber eine überfürsorgliche Mutter kann das eben auch bewirken." Greta ist inzwischen überzeugt: abzurutschen, eine Tat zu begehen, vielleicht sogar Amok zu laufen - das kann wirklich jedem passieren.

Große Schule, großes Risiko?!

Greta geht in eine zehnte Klasse des Innerstädtischen Gymnasiums in Rostock. Das Schulgebäude liegt zwischen dem Bahnhof auf der einen Seite und dem Stadtzentrum auf der anderen. 1930 wurde der Bau zum ersten Mal eingeweiht - damals als reine Mädchenschule. Heute kommen hier jeden Tag um die 800 Mädchen und Jungen zusammen - zwischen Klasse sieben und zwölf. Ein Sicherheitsrisiko?! Ist es nicht so, dass ein Amokläufer an so einer großen Schule auch viel mehr Kinder, Jugendliche, Lehrer und Familien treffen kann?

Innerstädtisches Gymnasium Rostock © NDR Foto: NDR Newcomernews

Angst vor einem Amoklauf? Das sagen die Schüler

NDR 1 Radio MV

Am Innerstädischen Gymnasium in Rostock gibt es ein spezielles Warnsignal für Amokfälle. Wie sicher fühlen sich die Schüler? NDR Newcomernews Reporter haben sich umgehört.

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Warnsignale und Notfallpläne sollen helfen

"Unsere Schule ist genauso sicher wie alle anderen Schulen", sagt der Leiter des Innerstädtischen Gymnasiums, Markus Riemer. Er ist der Ansicht, dass seine Schule auf einen eventuellen Amoklauf gut vorbereitet ist. Es gebe zum Beispiel einen Warnton und eine Ansage, die beschreibt, was jeder im Notfall tun sollte. Zwar seien die Lehrer nicht auf alle Eventualitäten vorbereitet, denn niemand wisse, wie so ein Amoklauf dann tatsächlich ablaufe, aber: "Die Wahrscheinlichkeit, dass uns so etwas wie in den USA passiert, ist natürlich im Vergleich nicht so hoch. Zum Glück haben wir in Deutschland generell eine andere Einstellung zum Thema Waffenbesitz. Aufmerksam und wachsam müssen wir aber dennoch sein."

Schulleiter: "Wir sind eine offene Schule"

Sicherheitsfachleute empfehlen im Internet spezielle Türschlösser: Sie haben einen Knopf auf der Innenseite, wer ihn drückt, sorgt dafür, dass die Tür von außen nur noch mit einem Schlüssel geöffnet werden kann. Schuldirektor Riemer: "Wir sind eine offene Schule - solche Türschlösser haben wir hier nicht. Wir konzentrieren uns lieber auf die Schüler selbst und arbeiten eng mit Eltern, Sozialarbeitern und Jugendämtern zusammen - damit es gar nicht erst zum Äußersten kommt."

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Schulsozialarbeiterin Ira Leithoff rät von Heldentaten ab.

Von speziellen Übungen, die einen Ernstfall an der Schule simulieren, hält der Schulleiter vorerst wenig. Er sei nicht sicher, ob dieses Training den gewünschten Effekt hat. Außerdem wolle man niemanden auf dumme Gedanken bringen und vor allem keine Ängste unter den Schülerinnen und Schülern schüren.

Bloß keine Heldentaten, rät die Schulsozialarbeiterin

Ira Leithoff ist die Schulsozialarbeiterin am Innerstädtischen Gymnasium in Rostock. Sie berät Kinder und Jugendliche in Krisensituationen. Manchmal geht sie in die Klassen, redet mit ihnen über Gruppendynamik, hilft, Stress abzubauen, kümmert sich beispielsweise um Erste-Hilfe-Projekte. Angesprochen auf das Thema Amokläufe, sagt sie: "Ich bin mir gar nicht sicher, ob alle Schüler wissen, wie der Amok-Signalton klingt. Der hört sich nämlich anders an als der Feuerwehrton."

Extremismus und Amok bleiben Fiktion

Leithoff findet, es sei eine gute Idee, ein neues, umfassendes Merkblatt für alle zum Thema Amok aufzulegen. "Da müsste auf jeden Fall draufstehen, was Schülerinnen, Schüler und Lehrer in dieser Situation zu machen haben. Sich verbarrikadieren, Türen abschließen, wenn möglich, sich von den Fenstern fernhalten, sich verstecken - hinter Tischen oder Schränken." Von Heldentaten rät die Schulsozialarbeiterin ab. Schon weil man nicht wisse, wie viele Täter dann tatsächlich unterwegs sein könnten.

Die 15-jährige Greta wird in den kommenden Wochen weiter an dem Programmheft für ihren Theaterkurs arbeiten, Eintrittskarten gestalten und dann Zuschauer zwischen den Szenen herumführen. Für sie bleiben Extremismus und Amok trotzdem Fiktion. "Vielleicht kommt mir ein Amoklauf deshalb noch viel abwegiger vor, weil ich mich damit beschäftigt habe."

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Dieser Artikel ist durch Schülerinnen und Schüler im Rahmen eines Workshops des Medienbildungsprojekts NDR Newcomernews des NDR Landesfunkhauses entstanden.

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/radiomv/Amok-Sind-wir-geschuetzt,newcomerisgrostock100.html

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