Stand: 22.01.2018 12:00 Uhr

Nachgefragt: Dirigent Carlos Miguel Prieto

Er stammt aus Mexico City: der charismatische Dirigent Carlos Miguel Prieto. Im Januar feiert er mit einem Ginastera-Abend sein Debüt in der Elbphilharmonie Hamburg.

Mit Werken des argentinischen Komponisten Alberto Ginastera kehrt der mexikanische Dirigent Carlos Miguel Prieto zurück zum NDR Elbphilharmonie Orchester. Der Ginastera-Kenner verrät im Gespräch mit Julius Heile, welche lateinamerikanische Preziosen bei dem Sonderkonzert - und seinem Debüt in der Elbphilharmonie - zu hören sind.

Herr Prieto, nach Ihrem Debüt 2014 mit der "Noche Latina" auf Kampnagel ist dies Ihr zweites Konzertprojekt mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester und Ihr erster Auftritt in der Elbphilharmonie. Worauf freuen Sie sich?

Carlos Miguel Prieto: Ich habe so viele wunderschöne Erinnerungen an mein erstes Gastdirigat, dass ich es kaum erwarten kann, hierher zurückzukehren. Das Orchester war fabelhaft und ungeheuer interessiert an der lateinamerikanischen und spanischen Musik, die ich mitgebracht hatte. Meine gute Freundin Gabriela Montero elektrisierte die Zuhörer sowohl mit ihrer Interpretation des Klavierkonzerts Nr. 2 von Rachmaninow als auch mit ihren berühmten Improvisationen. Und am Ende des Konzerts spielte das Publikum auf Kampnagel geradezu verrückt vor Begeisterung!

Von der Elbphilharmonie habe ich von Freunden wie Yo-Yo Ma und anderen schon so viel gehört, dass ich nun sehr neugierig bin, den Saal selbst kennenzulernen. Ich finde es nur schade, dass dieses Konzert nur einmal stattfindet.

Das Konzert ist Teil eines zweitägigen Porträts des argentinischen Komponisten Alberto Ginastera. In Deutschland ist dessen Musik zum Großteil unbekannt. Wie sieht es in Ihrer Heimat Mexiko bzw. in ganz Lateinamerika aus? Ist Ginastera dort populärer?

Prieto: Ginastera ist ein Komponist, den ich außerordentlich bewundere und mit dem ich mich mein ganzes Leben lang beschäftigt habe. Ich habe ihn nie getroffen, kenne aber seine Familie gut. Es überrascht mich zu hören, dass ein so großer Komponist in Deutschland so selten gespielt wird, wo er doch in Amerika - insbesondere in Argentinien, Brasilien und Mexiko, zum Teil auch in den USA - wirklich gut bekannt ist.

Allerdings kennt man ihn auch dort nur für eine Handvoll Werke (vor allem "Estancia", "Variaciones Concertantes" und das Harfenkonzert), die stark auf Rhythmen argentinischer Folklore basieren. Dabei hat Ginastera so viele faszinierende Facetten, die einem erst bewusst werden, wenn man seine anderen Werke spielt.

Er war ein echter Intellektueller und sein Schaffen hat ganz verschiedene Seiten. Da gibt es etwa eine zwölftönige Phase (das Klavierkonzert Nr. 1 oder das Cellokonzert Nr. 1), eine experimentelle Phase (die "Estudios sinfónicos", die Bestandteil unseres Programms sind) oder auch die sehr "gallische" Ausrichtung seiner ersten Werke (das Ballett "Panambí" op. 1 ist so etwas wie eine Antwort auf Ravels "Daphnis et Chloé"). Es gibt noch so viele Werke, die es unbedingt verdient hätten, bekannt zu werden. Daher bin ich hocherfreut über das Interesse des NDR an Ginastera und über die Bereitschaft, hier zwei Werke (die "Glosses" und die "Estudios") zu präsentieren, die praktisch in der Versenkung verschwunden sind.  

Welchen Zugang haben Sie denn ganz persönlich zu Ginastera? Erinnern Sie sich noch, wann Sie das erste Werk von ihm gehört oder gespielt haben?

Prieto: Ja, das erste Werk, das ich gespielt habe, waren die "Variaciones Concertantes". Das war 1987, als Konzertmeister eines Jugendorchesters. Das Violinsolo machte mir große Angst, und ich habe seitdem immense Hochachtung vor jedem Geiger, der es spielt! Dann ist "Estancia" nun seit 20 Jahren in meinem Repertoire und ich habe es sehr oft gemacht. Außerdem habe ich alle Instrumentalkonzerte von Ginastera - einschließlich der Wiederaufführung seines wundervollen Cellokonzerts Nr. 2 - dirigiert, sowie im Grunde jedes Orchesterwerk mit Ausnahme der gewaltigen Oper "Bomarzo". Also kann ich sagen, dass ich Ginasteras Œuvre ausgiebig studiert habe.

Und was macht für Sie den besonderen Reiz der Musik Ginasteras aus?

Prieto: Seine rhythmische Energie, seine farbenreiche Orchestration, seine folkloristisch inspirierten Melodien und seine wunderbaren musikalischen Formen. Ich finde es immer wieder faszinierend, wie er die volkstümlichen Elemente genial mit anspruchsvollen musikalischen Techniken verbindet. Seine Meisterschaft der Orchestration kommt wirklich derjenigen von Ravel gleich. Und seine Faszination für Volksmusik ähnelt derjenigen Bartóks. Jeder also, der gerne Strawinsky, Ravel, Bartók oder Messiaen hört, sollte Ginastera besser kennenlernen, denn er ist definitiv ein Komponist, den ich in den engeren Zirkel der ganz großen Meister der Musik des 20. Jahrhunderts einordnen würde und der in jedem Fall ein Festival verdient. Aber nicht nur eines!

Zum NDR Elbphilharmonie Orchester haben Sie ein Programm aus zwei bekannteren und - wie Sie schon erwähnten - zwei völlig unbekannten Werken Ginasteras mitgebracht. Wie kam es zu dieser Auswahl? Was mögen Sie insbesondere an diesen vier Stücken?

Prieto: Ich glaube, wir haben ein gut balanciertes, sehr schönes Programm zusammengestellt, das Ginastera von vielen Seiten zeigt. Jedes der Stücke hat seine eigene Magie. "Estancia" ist ein argentinisches Ballett, dessen Handlung in den Pampas spielt, also im argentinischen Flachland, das die ganze Welt mit Getreide versorgt und in dem die "Gauchos" (eine Art argentinische Cowboys) ausgelassen tanzen. Es ist ein folkloristisches Stück mit sehr direkter Wirkung.

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Ein Meister an der Harfe: Xavier de Maistre spielt den Solo-Part in Ginasteras Konzert für Harfe und Orchester.

Das Harfenkonzert ist ohne Zweifel DAS Meisterwerk für Harfe im 20. Jahrhundert - und der großartige Xavier de Maistre wird den Solopart spielen! Die "Glosses" sind eine Hommage an den berühmten Pablo Casals und insbesondere auch an Katalonien: Ginastera hatte katalonische Wurzeln und war ein großer Bewunderer und Freund dieser spanischen Region. Die "Estudios" wiederum sind ein sehr intellektuelles Werk, im Grunde eine Studie über die denkbar interessantesten und elaboriertesten Orchesterklänge. Ich kann mir keinen besseren Raum dafür vorstellen als die fantastische neue Elbphilharmonie! 

Wenn es nun nicht Ginastera wäre: Welcher andere lateinamerikanische Komponist hätte noch ein Festival in Hamburg verdient?

Prieto: Oh, es gibt so viele Komponisten aus Lateinamerika, die besondere Aufmerksamkeit verdient hätten! Carlos Chávez aus Mexiko und Heitor Villa-Lobos aus Brasilien sind vielleicht die bekanntesten. Aber da sind noch sehr viel mehr zu nennen, die auch noch leben: Juan Orrego-Salas aus Chile, Marlos Nobre aus Brasilien, Mario Lavista, Federico Ibarra Groth und Gabriela Ortiz aus Mexiko oder Celso Garrido Lecca aus Peru. So viele!

Bitte sehen Sie mir nach, dass ich nicht noch mehr aufzähle, denn ich würde damit diejenigen beleidigen, die ich ungerecht ausließe. Es wäre schön, wenn die Welt auf Lateinamerika mit dem Interesse und dem Forschungswillen blicken würde, den es verdient hat. Die Anstrengung des NDR ist dabei ein wunderbarer Anfang. Vielen Dank!

Das Gespräch führte Julius Heile.