Stand: 14.04.2018 07:00 Uhr

Flensburgs Mittelalter-Kaufhaus steht noch immer

Menschen ändern sich, Gewohnheiten ändern sich, Stadtbilder ändern sich. Die Autoren von NDR.de besuchen sieben Städte in Schleswig-Holstein, um diesen Wandel zu zeigen. Sie tauchen ein in die Stadtarchive von Lübeck, Flensburg, Rendsburg, Pinneberg, Ratzeburg, Husum und Itzehoe - und fördern dabei persönliche Geschichten und historische Aufnahmen zu Tage, die teilweise in großem Kontrast zur Gegenwart stehen.

von Werner Junge

Kaum eine Stadt im Norden hat den Zweiten Weltkrieg so "heil" überstanden wie Flensburg. Bis heute ist das historische Wachsen in der Stadt an der Förde ablesbar: der mittelalterliche Kern, der Aufstieg in der Rum- und Zuckerzeit - und schließlich die Gründerzeit, die auch Flensburg über die ehemaligen Stadtmauern hinaus die Fördehänge hoch ins Umland wachsen ließ. Das alles ist in Flensburg dicht beieinander erhalten und erlebbar.

Eine aktuelle Aufnahme von Flensburg. © NDR Foto: Werner Junge Eine historische Aufnahme von Flensburg. © Stadtarchiv Flensburg

Die historische Impression aus dem 19. Jahrhundert zeigt den Schrangen - Flensburgs Kaufhaus des Mittelalters - in strahlendem Weiß. Die getünchte Farbe galt als schicker als der Backstein. Erst mit dem Aufkommen des Denkmalschutzes Ende des 19. Jahrhunderts änderte sich das. Der Schrangen wurde zwischen 1928 und 1935 wieder zur "Backsteinschönheit".

Mit dem Schieberegler auf diesem und den weiteren Bildern können Sie leicht vergleichen, wie Flensburg früher erstrahlte - und wie die Stadt heute aussieht.

Gebäude gehört der Kirche

Wer mit Stadtarchivar Broder Schwensen in alten Flensburg-Bildbänden sucht, findet deshalb viele Motive, bei denen der Früher-Heute-Vergleich leicht ist. Allerdings auch solche, in denen Wachstum und Veränderung deutlich werden. So der Blick auf das Südtor der Stadt, das schon 1872 abgerissen wurde. Aber auch Wohlbekanntes überrascht. Etwa das Bild des "Schrangen" am Nordermarkt aus dem 19. Jahrhundert.

Das Haus mit seiner prägenden breiten Arkade strahlte damals weiß. Heute entfaltet das Gebäude in der Innenstadt immer noch seine Pracht, aber es ist rot-gelb gemauert. Es gehört der Evangelischen Kirche, die darin unter anderem einen Veranstaltungssaal hat. Angefangen hat im Schrangen jedoch alles mit Brot und Fleisch.

Eine aktuelle Aufnahme eines Fachwerkhauses in Flensburg. © NDR Foto: Werner Junge Eine historische Aufnahme eines Fachwerkhauses in Flensburg. © Stadtarchiv Flensburg

Die von der Achse zwischen Südermarkt und Nordertor vor allem zur Förde abgehenden großen Höfe sind typisch für Flensburg. Ende der 1970-er Jahre wurden die Flensburger sich dieses Schatzes bewusst. So scheint auch im Hof Norderstraße 22 die Zeit stehen geblieben zu sein. Ende des 19. Jahrhunderts waren die Höfe noch für Handel und Handwerk bestimmt. Heute wohnt man dort schön in der Altstadt.

Angebot im Schrangen begrenzt

Die Menschen im Mittelalter gingen auf den Markt. Dort konnten sie Nahrung und Güter des täglichen Gebrauchs erwerben oder tauschen. Was es dort nicht gab, wurde aus der Werkstatt direkt beim Hersteller, also Handwerker, bestellt. Läden kamen erst im 19. Jahrhundert auf. Einzige Ausnahme nicht nur in Flensburg: die Schrangen. Die Lesart, es seien die Kaufhäuser des Mittelalters, findet Stadtarchivar Schwensen zwar bildhaft, jedoch nur annähernd richtig. Schwensen weist darauf hin: Anders als später im Kaufhaus war das Angebot der Schrangen begrenzt und streng reguliert. Sie dienten dazu, Brot und Fleisch zentral anzubieten - und zwar nur dort.

Eine aktuelle Aufnahme des Hafens in Flensburg. © NDR Foto: Werner Junge Eine historische Aufnahme vom Hafen in Flensburg. © Stadtarchiv Flensburg

Blick von Westen über die Flensburger Förde nach Jürgensby. Die mittelalterliche Stadt ist schon in der frühen Kaiserzeit über die Stadtmauern hinausgewachsen, die Gründerzeit lässt grüßen. Die Hänge hoch und oben auf der Kante stehen schon wilhelminische Neubauten. Sie sind noch heute da, das Ufer ist aber dichter bebaut und auch das Ostufer mit Spundwänden und Beton gezähmt.

Gehandelt wurde nur im Freien

Der Schrangen am Nordertor ist der letzte erhaltene in Schleswig-Holstein. Der Bau war 1592 beschlossen worden. Drei Jahre später war das mächtige Backsteinhaus mit seiner breiten, offenen Arkade zur Straße fertig. Gehandelt wurde nur im Freien unter der Arkade. Fleisch und Brot lagen auf hohen Bänken - den sogenannten Schrangen, die dem Gebäude seinen Namen gaben. Erst mussten die Knochenhauer genannten Schlachter und die Bäcker dort ihre Ware anbieten. Die Preise waren strikt reguliert. Hohe Rippchen kosteten bei jedem Knochenhauer dasselbe. Das galt auch für die Brotlaibe der Bäcker.

Doch schon kurz nachdem der Schrangen in Betrieb war, begann in Flensburg der Wandel. Nur zehn Jahre waren die Bäcker "schrangenpflichtig". Schon von 1605 an verkauften sie direkt aus ihren Backstuben oder auf dem Markt. Die Fleischer blieben noch bis Ende des 18. Jahrhunderts an den Schrangen gebunden. Die hohen und strikten Auflagen und Vorschriften lockerten sich jedoch zusehends.

Schlichtes Weiß gilt als prächtig

Der Schrangen am Flensburger Nordermarkt war als repräsentatives Backsteingebäude ausgeführt. Große rote und gelbe Steine strukturierten und schmückten das Gebäude. Mit dem aufkommenden Pietismus im 18. Jahrhundert und schließlich dem Klassizismus galt das nicht mehr als schön. In den Kirchen wurden die reich bemalten Innenräume gekalkt, bald sollte auch in der Stadt die schlichte Pracht des Weißen dominieren. Deshalb wurde das prächtige Mauerwerk des Schrangens am Flensburger Nordermarkt gekalkt.

Mühsam abgekratzt und abgewaschen wurde das Gebäude erst wieder am Ende des 19. Jahrhunderts. Dafür sorgte nun der neue Denkmalschutz und die damit einhergehende Euphorie für das (erst) originale und dann (auch) nachgebaute Mittelalter. Der Denkmalschutz sorgte im Übrigen auch dafür, dass Flensburg noch heute sein Nordertor hat.

Eine aktuelle Aufnahme von Flensburg. © NDR Foto: Werner Junge Eine historische Aufnahme von Flensburg. © Stadtarchiv Flensburg

An dieses Bild vom Nordertor erinnern sich selbst viele ältere Flensburger nicht mehr. Die ans Tor angebauten Häuser wichen Ende des 19. Jahrhunderts einem etwas abgesetzten Sparkassengebäude. Erst als die Phänomenta vor einigen Jahren wieder direkt an das 1595 vollendete Nordertor baute, war die alte Bausituation wieder da - die Aufregung in Flensburg darüber groß.

Erste "Läden" im 19. Jahrhundert

In Flensburg gab es zwei Schrangen - der zweite stand auf dem Südermarkt. Allerdings nicht als solider, fester Bau, sondern als eine eher große Marktbude mit übrigens durchaus wechselnden Standorten. Deshalb ist der Schrangen auf dem Nordermarkt der letzte verbliebene im nördlichsten Bundesland. In Lübeck erinnert nur noch der Straßenname "Am Schrangen" an das "Kaufhaus des Mittellalters".

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Heinrich Lorenzen - genannt "Hein Amerika" - in den 1920-er Jahren vor seinem Kellergeschäft. Noch fehlen Schaufenster. Was Hein bietet, ist bei gutem Wetter vor dem Laden zu sehen.

Bis ins 19. Jahrhundert dauerte es, bevor es die ersten "Läden" gab. Noch nicht solche mit großen Schaufenstern, wie noch bis nach dem Ersten Weltkrieg der Laden von Heinrich Lorenzen in der Angelburger Straße in Flensburg zeigt. Draußen vor der Kellertür von Lorenzen hingen Kälberstricke und Petroleumlampen, lehnten Forken, Rechen und weiteres Gerät an der Wand und standen Körbe vor dem Laden. Der aus Angeln anreisende Landbewohner sah: bei "Hein Amerika" gab es, was er für Haus und Hof brauchte.

Eine Aufnahme des Flensburger Hafens. © NDR Foto: Werner Junge Eine historische Aufnahme vom Hafen in Flensburg. © Stadtarchiv Flensburg

Ausflüge mit dem Dampfer waren lange das Vergnügen der Flensburger. Die opulente Dampferbrücke war bis zu ihrem endgültigen Abriss 1936 ein beliebtes Ziel. Heute ist die Brücke weg. An gleicher Stelle - allerdings ohne die wilhelminisch verspielte Brücke - liegt immer noch der 1908 gebaute Salondampfer "Alexandra". Er startet von dort zur Fördefahrt.

Automaten-Restaurant setzt sich nicht durch

Schaufenster mit Auslagen, Reklame und allem, was in unseren Augen heute zu einem Laden gehört, kamen auch in Flensburg erst in der Zeit der Industrialisierung an. Nun aber mit Macht. An der großen Straße 18 gab es von 1907 an sogar nach amerikanischem Vorbild ein Automaten-Restaurant. Allerdings hat es sich - zumindest damals - nicht durchgesetzt. Nach nur drei Jahren musste es schließen.

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Ein Automatenrestaurant in Flensburg: 1907 die Sensation, drei Jahre später aber schon wieder eingestellt.

Doch mit der Gründerzeit im jungen deutschen Kaiserreich explodierte die industrielle Produktion. Dinge des täglichen Bedarfs wurden nicht mehr vom Handwerker nebenan gefertigt. Sie kamen aus der Fabrik, hergestellt in Massen, mit der Bahn bis in den letzten Winkel des Deutschen Reiches verteilt.

Die seit 1902 von Nier im Erzgebirge produzierte "Feuerhand Sturmlaterne" draußen am Laden von "Hein Amerika" zeigt schön den Übergang: Die in Massen industriell gefertigte Lampe hängt neben hölzernen Heuharken und Mistgabeln, die noch vom Stellmacher beziehungsweise dem Schmied nebenan kommen.

Eine aktuelle Aufnahme von Flensburg. © NDR Foto: Werner Junge Eine historische Aufnahme von Flensburg. © Stadtarchiv Flensburg

Den Südermarkt erreichte man bis 1872 durch das Rote Tor. Dahinter lag und liegt die Rote Straße. Aus der gerade auf die Stadt zuführenden Straße ist am Neumarkt ein großer Verkehrsknotenpunkt geworden. Nur der Gasthof vorne und St. Nicolai - mit neuem Turm - bieten dem Auge bis heute Anhaltspunkte.

Flensburg hat Deutschlands ersten ZOB

Gerade weil Flensburg den Zweiten Weltkrieg fast unversehrt überstanden hat, lässt sich dort deutlich ablesen, wie stark vor allem das Auto die Stadt verändert hat. Deutlich wird das zwischen Bahndamm und Altstadt. In der Kaiserzeit entstand dort der Bahnhof. Ende der 1920-er Jahre wurde der neue Bahnhof angelegt, der alte im Herzen der Altstadt wechselte seine Funktion: Nun war es der "Gummibahnhof".

Nicht zuletzt durch die 1920 neu gezogene Grenze zu Dänemark setzten Flensburg und sein Umland nun vor allem auf Omnibusse. 1931 begann offiziell der Betrieb auf Deutschlands erstem "Zentralen Omnibusbahnhof". Gewartet und Fahrkarten gelöst wurde aber weiterhin im alten Bahnhofsgebäude. Das Backsteingemäuer ersetzte von 1953 an der neue ZOB mit kreisrundem Café mit Aussicht auf den brausenden Verkehr. 1997/98 schließlich entstand der heutige ZOB.

Nun läuft der Verkehr nicht mehr durch die inzwischen als Fußgängerzone erschlossene Hauptachse von der großen Straße bis zum Holm, vom Süder- zum Nordermarkt. Auch die Straßenbahn hat ausgedient. Der Verkehr fließt nun hinter den Höfen der Altstadt über mehrspurige Pisten parallel zum Damm der Hafenbahn.

Eine aktuelle Aufnahme von Flensburg. © NDR Foto: Werner Junge Eine historische Aufnahme von Flensburg. © Stadtarchiv Flensburg

Die gelben Postbusse nahmen früher auch Briefe mit und Pakete an. Zwischen Gebäude und Bahndamm gab es nach dem Bau des "neuen" ZOB 1953 noch Park- und Spazierraum. Heute läuft auf derselben Fläche sechsspurig der Verkehr. Den heutigen ZOB gibt es in seiner Form seit 1986.

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16.04.2018 10:34 Uhr

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version hieß es, der heutige ZOB sei 1986 entstanden. Korrekt ist aber 1997/98. Die Redaktion bittet für diesen Fehler um Entschuldigung.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Schleswig-Holstein bis 2 | 15.04.2018 | 10:40 Uhr

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