Stand: 11.09.2019 15:05 Uhr

Politik vernachlässigt digitale CO2-Bilanz

Programmiercode mit Matrix, Computer und abstraktem technischen Hintergrund in blau. © picture alliance / Klaus Ohlenschläger Foto: Klaus Ohlenschläger
Auch die Nutzung von digitaler Technik hinterlässt einen "CO2-Fußabdruck".

Das Klimakabinett der Bundesregierung bereitet noch die Klimaschutz-Maßnahmen vor, die sie Mitte September vorstellen will - und die wohl vor allem auf die Bereiche Verkehr, Gebäude und Landwirtschaft zielen werden. Parallel prüfen die Verbraucher, wie sie zum Klimaschutz beitragen können: zum Beispiel den Plastikverbauch einschränken oder weniger fliegen - und mehr Radfahren. Über die Klimabilanz der "digitalen Welt" reden Politiker und Bürger dagegen eher wenig. Warum eigentlich?

Erst langsam wird vielen Menschen bewusst, dass auch die Nutzung digitaler Technik einen CO2-Fußabdruck hat. Nimmt man etwa die weltweite Google-Nutzung pro Sekunde, dann müsste man im gleichen Zeitraum 23 Bäume pflanzen, um den Klimaschaden wieder auszugleichen. Und ein französischer Klima-Thinktank hat errechnet: 2018 kam allein das Video-Streaming auf 300 Millionen Tonnen Treibhausgas - so viel wie das gesamte Land Spanien ausstieß.

"CO2-Fußabdruck" des Internets wird immer größer

Insgesamt kommen verschiedene Institute nun zu dem Ergebnis: Die Digitaltechnik ist derzeit für knapp vier Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich. Mehr als der weltweite Flugverkehr. 2030 dürften es mindestens acht Prozent sein.

Jens Gröger vom Freiburger Öko-Institut wundert sich daher über die Debatte hierzulande: "Es gibt zwei Debatten: eine heißt Digitalisierung, die andere Klimaschutz.  Und interessanterweise berühren die sich nur sehr wenig. Und wenn sie sich berühren, dann wird von der Digitalisierung erwartet, dass sie praktisch der Retter in allen Bereichen des Klimaschutzes ist. Also: Durch Digitalisierung flutscht plötzlich der Verkehr wieder, es gibt keine unnötigen Emissionen im Verkehr, durch Telemedizin werden Fahrten zu den Ärzten überflüssig - und durch Videokonferenzen werden Dienstreisen überflüssig."

Das Gegenteil sei aber häufig der Fall: Wenn E-Mails ausgedruckt werden oder die Videotelefonie nicht die Dienstreise, sondern nur die analoge Audio-Telefonie ersetzt. Dann werde durch Digitalisierung eher weniger eingespart, viel aber komme oben drauf.

Weitere Informationen
Ein Smartphone-Bildschirm zeigt einen Video-Startbutton © imago images/ZUMA Press

Energiesparen klappt auch im Internet

Bislang steht die digitale Technik nicht im Mittelpunkt der Klimadebatte. Doch auch Handys und Computer verbrauchen viel Strom. Wie kann jeder Einzelne seinen Bedarf reduzieren? mehr

Es fehlt an Öko-Auflagen für die Digitaltechnik

Dieser Klima-Effekt müsse zumindest berücksichtigt werden, so Gröger. Denn die Einsparpotenziale sind riesig. Am größten sicher bei den Herzkammern der Digitaltechnik: den Rechenzentren. Fabrikhallen, gefüllt mit Computern und Servern, die über Datennetze die Anfragen der Nutzer erhalten und verarbeiten.

Einige Banken, Versicherungen und Software-Hersteller setzen bei ihren Rechenzentren immerhin schon konsequent auf Ökostrom. Viele Unternehmen aber auch nicht. Denn Auflagen wie in anderen Bereichen - etwa mit der Gebäudeeffizienzrichtlinie - gibt es nicht. Nur erste vage Pläne, wie etwa von Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) im Frühsommer: "Wir sehen, dass wir zunehmend optimierte Hardware-Systeme haben im IT-Bereich, aber dass bei der Software noch nicht darauf geachtet wird, dass unnötige Rechneroperationen zum Beispiel vermieden werden. Deswegen wollen wir jetzt auch einen 'Blauen Engel' für ressourceneffiziente Software erarbeiten."

"Es findet keine ökologische Begleitforschung statt"

Ein konkreter Umsetzungstermin ist nicht bekannt. Fachleuten ist längst klar, dass Software, im Sinne des Klimas, schlank programmiert sein sollte, um unnötige Rechenleistungen zu vermeiden - den sogenannten digitalen Müll.

Die Bundesregierung habe es aber bisher weitgehend verschlafen, die Digitalisierung umweltpolitisch zu gestalten, so die Einschätzung von Gröger. Ein weiteres Beispiel sei der Breitbandausbau mit dem Stichwort "Schnelles Internet": "Dort findet keinerlei ökologische Begleitforschung oder so etwas statt. Es wird nicht geschaut, dass diese vier Milliarden, die investiert werden, wirklich in energieeffiziente, nachhaltige Technik investiert wird, sondern an dieser Stelle wird Geld mit der Gießkanne ausgegeben."

Wenn das Klimakabinett Mitte September den Kurs der deutschen Klimapolitik festlegt, werde das Thema "GreenIT" - also nachhaltige Digitaltechnik - wohl allenfalls am Rande erwähnt.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Infoprogramm | 11.09.2019 | 06:50 Uhr

Schlagwörter zu diesem Artikel

Computer

Netzwelt

Netzpolitik

Ein Smartphone mit einem eingeblendeten NDR Screenshot (Montage) © Colourbox Foto: Blackzheep

NDR Info auf WhatsApp - wie abonniere ich die norddeutschen News?

Informieren Sie sich auf dem WhatsApp-Kanal von NDR Info über die wichtigsten Nachrichten und Dokus aus Norddeutschland. mehr

Mehr Nachrichten

Bundeskanzler Olaf Scholz (rechts) trägt sich in das Goldene Buch von Norderney ein, daneben steht Frank Ulrichs, Bürgermeister von Norderney. © dpa-Bildfunk Foto: Sina Schuldt/dpa

SPD-Treffen auf Norderney: Der Kanzler kommt per Hubschrauber

Bei der Klausurtagung auf der Ostfriesischen Insel waren mehr als 70 Bundestagsabgeordnete aus Niedersachsen und NRW dabei. mehr