Stand: 18.01.2018 15:53 Uhr  | Archiv

Als ich Trumps Twitter-Profil löschte

von Martin Motzkau, Kathrin Schmid, NDR Info

Seit seinem Amtsantritt gilt bei US-Präsident Donald Trump offenbar nicht nur "America first", sondern auch "Twitter first". Der Kurzmitteilungsdienst ist wohl sein beliebtestes Kommunikationsmittel: Knapp 3.000 Tweets hat er während seiner Präsidentschaft bisher abgesetzt. Besonders groß war die Aufmerksamkeit allerdings auch, als der Account @realdonaldtrump kurzzeitig gesperrt war. Der dafür verantwortliche - und nun ehemalige - Twitter-Mitarbeiter berichtete NDR Info über seinen wohl aufregendsten Arbeitstag und die Regeln bei Twitter.

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"Keine Absicht, sondern ein Versehen": Bahtiyar Duysak legte Trumps Twitter-Account kurzzeitig lahm.

Elf Minuten unfreiwillige Sendepause für den US-Präsidenten füllen Anfang November 2017 für Stunden bis Tage die weltweiten Nachrichten. "Das war schon so ein kleines Lebensereignis, um ehrlich zu sein. Da gab es schon sehr viel Wirbel", erzählt Bahtiyar Duysak, ehemaliger Twitter-Mitarbeiter im Kundensupport in San Francisco. "Ich war auf einmal ein gesuchter Mann und musste mich quasi verstecken. Nicht weil ich etwas verbrochen hatte, sondern nur, um das Leben wie gewohnt weiterzumachen."

Ein Versehen - kein politisches Statement

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Fast 47 Millionen Twitter-Nutzer verfolgen, was US-Präsident Trump twittert.

Nach seinem etwas leichtfertigen Umgang mit dem Herzstück der trump'schen Kommunikation sprach das Unternehmen zunächst von einem menschlichen Fehler - begangen von einem Mitarbeiter an dessen letztem Arbeitstag. Später hieß es, es könnte sich doch um Absicht gehandelt haben.

Nein, beteuert der in Paderborn wohnende Duysak inzwischen in Interviews. Keine Absicht, kein politisches Statement. Schlicht ein Versehen - und eine Verkettung unglücklicher Zufälle: "Zunächst hatte ich überhaupt nichts gemerkt, bis ich das dann später von den Medien mitbekam. Da wurde irgendein Prozess ausgelöst, was nicht hätte passieren dürfen. An dem Arbeitstag habe ich nicht sorgfältig genug gearbeitet. So war es. Aber dafür hatte ich mich auch entschuldigt."

Trumps Stellenwert für Twitter

Der türkischstämmige Deutsche bleibt bewusst vage, lässt aber durchblicken: Er hatte in den vergangenen Monaten viele Berater, die ihn Sätze wie diesen formulieren lassen: "Das Ganze muss jetzt so sorgfältig wie möglich gemanagt werden."

Klar ist: US-Präsident Trump hat einen ganz besonderen Stellenwert für Twitter. Er setzt täglich sechs bis acht Tweets ab - häufig provokant, bisweilen auch abfällig in Richtung des politischen Gegners oder der Medien. Damit erreicht er auf Twitter fast 50 Millionen Follower. "Keine andere Marke wird so oft in Verbindung mit dem US-Präsidenten gebracht wie Twitter. Seinen Account zu löschen oder stummzuschalten - trotz seiner Regelverstöße -, das wäre meiner Meinung nach wirklich kontraproduktiv", sagt Duysak.

Spitzenpolitiker genießen Sonderrechte

Das Unternehmen hat kürzlich seinen Umgang mit den Accounts ranghoher Politiker konkretisiert. Demnach gibt es für sie eine Sonderbehandlung. Twitter-Konten von Staats- und Regierungschefs etwa werden auch dann nicht eingeschränkt, wenn sie mit ihren Tweets gegen die Regeln des Netzwerks verstoßen.

Twitter - so heißt es zur Begründung - wolle helfen, die öffentliche, weltweite Konversation voranzutreiben und zu befördern, schreibt das Unternehmen. Für Duysak ist das verständlich: "Tatsächlich ist es ja so, dass Spitzenpolitiker eine besondere Stellung einnehmen aufgrund der Wichtigkeit und der Nachrichtenrelevanz. Außerdem muss man im Hinterkopf haben, dass es sich bei Twitter um eine Aktiengesellschaft handelt. Das heißt, marktwirtschaftliche Ziele haben einen viel höheren Stellenwert als irgendwelche politischen oder moralischen Vorstellungen."

Ein "Held" mit vielen Jobangeboten

Solche politischen oder moralischen Motive hatten Anfang November viele mit Duysak in Verbindung gebracht. Sie hatten ihn zum Helden stilisiert; vereinzelt wurde er gar als geeigneter Träger des nächsten Friedensnobelpreises genannt.  Zu viel der Ehre, so Duysak, denn es sei ja, wie gesagt, nur ein Versehen gewesen. "Ich kann mich natürlich nicht beschweren, wenn man gelobt wird, aber ich finde das jetzt nicht verdient. Auf keinen Fall! Aber: Das Ganze hatte einen positiven Einfluss auf mein Leben."

Zurück in Deutschland hat er schon von einigen der vielen Jobangebote, die ihm seine kurze Berühmtheit einbrachte, Gebrauch gemacht. Allerdings nicht mehr in einem großen Tech-Konzern, sondern in kleinen Start-up-Projekten.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Netzwelt | 19.01.2017 | 09:20 Uhr

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