Pipeline-Projekte: Wie sich nationale Interessen kreuzen

Stand: 09.11.2020 16:26 Uhr

Mit dem Pipeline-Projekt Baltic Pipe will sich Polen unabhängig von russischem Gas machen. Ein Teil der Röhren soll von Mukran aus geliefert werden - wie auch die für Nord Stream 2.

von Martin Möller

Weiter Stillstand bei Nord Stream 2: Das russische Verlegeschiff "Akademik Tschersky" dümpelt vor der Küste Rügens. Die US-Sanktionen wirken. Wenig spricht dafür, dass Joe Biden (designierter US-Präsident) bald den Bann aufheben wird, der Firmen und Institutionen droht, die beim Fertigbau der Ostseepipeline helfen. Dafür herrscht auf dem weitläufigen Hafengelände in Mukran überraschend viel Bewegung. Emsig schaffen Sattelschlepper die zwölf Meter langen Nord-Stream-2-Röhren weg. Ziel ist ein firmeneigenes Grundstück bei Lubmin. Der Hafen schafft Platz, ausgerechnet für das Konkurrenzprojekt von Nord Stream 2. Das heißt "Baltic Pipe" und wurde von der energiehungrigen Republik Polen erdacht. Investitionskosten: zwei Milliarden Euro. Noch bezieht Polen sein Erdgas über die Jamal-Leitung aus Russland. Allerdings verlangt der staatliche Gazprom-Konzern von keinem anderen Staat in Europa höhere Preise.

Polen kauft Gasfelder

Während die Welt gebannt auf den sich anbahnenden Konflikt um die Ostseepipeline Nord Stream 2 schaute, hat sich die staatliche polnische Energiegesellschaft PGNiG in norwegische Gasfelder in der Nordsee eingekauft. Baltic Pipe soll sie via Dänemark und Ostsee direkt mit dem polnischen Hinterpommern verbinden. Auf der Insel Seeland ist die Baltic Pipe bereits fast fertig, eine Kompressor-Station im Bau. Gerade wurde ein Tunnel gegraben, der die Felsenküste bei Faxe Ladeplads im Südosten Seelands unterquert. Von dort soll die Leitung in weitem Bogen um die deutschen Hoheitsgewässer herum nach Niechorze (Horst-Seebad) führen. Allein die Seestrecke ist 275 Kilometer lang. Ein Teil der Röhren soll von Mukran aus angeliefert werden.

Gasleitung gegen Hoheitsgewässer

Für das Transitland Dänemark ist Baltic Pipe in zweifacher Hinsicht ein gutes Geschäft. Zum einem bekommen die Skandinavier fast kostenlos neue Infrastruktur, an der sie künftig auch noch gut verdienen und zum anderen konnte sich das Königreich territorial vergrößern. Der Hintergrund ist ein jahrzehntelanger Streit mit Polen, das große Teile der Seegewässer zwischen Bornholm und der pommerschen Küste beanspruchte. "Im Gegensatz zu Nord Stream 2 hatten wir bei Baltic Pipe alle Asse im Ärmel", analysiert Trine Villumsen Berling, Sicherheits- und Energieexpertin am dänischen Institut für internationale Studien. Im November 2018 in Berlin, nach einem Treffen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), verkündete der damalige dänische Ministerpräsident Lars Løkke Rasmussen das Ergebnis der Verhandlungen. Polen hatte bei 80 Prozent des umstrittenen Territoriums seine Ansprüche aufgegeben. "Dänemark ist gerade ein ordentliches Stück größer geworden", so der Politiker vor der verblüfften Presse.

Verspäteter Protest

Damals konnten sich nur wenige Experten einen Reim aus dieser Verlautbarung machen. Auch die dänische Öffentlichkeit registrierte Baltic Pipe erst, als die ersten Grundstückseigentümer enteignet wurden und die Bagger anrückten. Bürgerinitiativen wurden gegründet, Proteste organisiert. Ihr Hauptargument: Warum das halbe Königreich für eine Leitung aufgraben, die fossile Brennstoffe transportiert und deren Lebensdauer weit über die Zeit hinausgeht, in der Dänemark klimaneutral sein will?

Die Bürgerproteste blieben bislang wirkungslos. Eine Parlamentsinitiative zum Stopp des Projektes scheiterte. Es ist ein wenig wie bei der Olsenbande. Mächtige Kräfte sind am Wirken. Da ist in erster Linie die EU. Brüssel stuft die Leitung als Projekt mit besonderem europäischem Interesse ein, weil es die Gasimporte der Gemeinschaft diversifiziert. Norwegen gilt im Gegensatz zu Russland als unproblematischer Handelspartner. Der dänische Partner der Polen, der Netzbetreiber energinet, argumentiert: Ohne norwegisches Gas hätte Polen keine Chance, seine klimaschädlichen Kohlekraftwerke wenigstens teilweise abzuschalten. Parallel will Polen künftig die erneuerbaren Energien ausbauen, immerhin ein dänischer Exportschlager.

Inbetriebnahme 2022

Im Gegensatz zu Nord Stream 2 sind die Arbeiten an Baltic Pipe voll im Plan. Ab Oktober 2022 soll norwegisches Gas durch Dänemark und die Ostsee nach Hinterpommern fließen. Dann läuft auch der Liefervertrag aus, den Polen mit dem russischen Energiekonzern Gazprom hat. "Es geht den Polen um Unabhängigkeit vom großen dominanten Nachbarn Russland und zudem ist norwegisches Gas deutlich billiger", so die Energieexpertin Trine Villumsen Berling aus Kopenhagen. Sie glaubt außerdem nicht, dass Nord Stream 2 bald zu Ende gebaut werden kann. "Nord Stream 2 ist im Gegensatz zu Baltic Pipe kein Projekt von europäischem Interesse, sondern ein deutsch-russisches Vorhaben, das in erster Linie Russland nutzt." Beide Leitungen werden sich südlich vor Bornholm kreuzen. Aber das ist nach Angaben der Planer technisch keine besonders komplizierte Aufgabe. Die Schwierigkeiten liegen wohl eher im energiepolitischen Bereich.

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Dieses Thema im Programm:

Nordmagazin | 09.11.2020 | 19:30 Uhr

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