Stand: 24.11.2017 07:00 Uhr  | Archiv

Ärztekammer nimmt Klinik unter die Lupe

Ärzte im OP. © fotolia Foto: derege
Eine in Ludwigslust operierte Herzpatientin konnte offenbar wegen massiver Versorgungslücken nicht ausreichend behandelt werden. (Archivbild)

Die Ärztekammer Mecklenburg-Vorpommern befasst sich nach Informationen von NDR 1 Radio MV mit möglichen Behandlungsfehlern am Krankenhaus in Ludwigslust, dem "Westmecklenburg Klinikum Helene von Bülow". Eine dort operierte Herzpatientin konnte offenbar wegen massiver Versorgungslücken nicht ausreichend behandelt werden. Das belegen Unterlagen, die dem NDR vorliegen. Die Frau hat mit Folgeschäden zu kämpfen.

Routine-Eingriff mit Folgen

Für die dortigen Ärzte war es eigentlich ein Routine-Eingriff: Der 59-Jährigen wurden im August nach einem leichten Herzinfarkt mehrere Gefäßerweiterungen - sogenannte Stents - eingesetzt. In der Nacht darauf - einem Sonnabend - kam es gegen 2.30 Uhr zu einem schweren Herzinfarkt auf der Intensivstation. Die Frau musste sieben Minuten lang wiederbelebt werden, der Schockgeber (Defibrillator) wurde dreimal angesetzt.

Sieben Stunden später nach Lübeck gebracht

Statt in die nahen Herzkliniken nach Schwerin oder Parchim verlegt zu werden, sollte die Frau ins weiter entfernte Universitätsklinikum Lübeck gebracht werden. Der alarmierte Notarzt lehnte nach Angaben der Klinik einen Transport in die Hansestadt aber "grundsätzlich" ab. Da der Leitende Notarzt der Rettungsleitstelle für die Klinik telefonisch nicht zu erreichen gewesen sei, habe man die Gründe nicht erfahren. Wegen schlechten Wetters und ausgebuchter Kapazitäten habe auch ein Hubschrauber nicht eingesetzt werden können. Erst sieben Stunden später brachte ein aus Hamburg kommender Intensivtransport die Frau - quasi an Schwerin vorbei - nach Lübeck. Dort lag sie im Koma.

Ärztekammer ist alarmiert

Die Ärztekammer ist alarmiert von dem Vorfall. Sie legt Wert auf die Feststellung, dass es sich um interne Untersuchungen handele und die Kammer keine Unterlagen dazu herausgegeben habe. Möglicherweise hat die Klinik Ludwigslust gegen Qualitätsvorgaben der Kammer verstoßen. Das werde unter fachlichen Aspekten geprüft, so ein Kammersprecher. Die Richtlinie sieht bei Herzpatienten eine Rund-um-die-Uhr-Bereitschaft mit Herzspezialisten vor. Dienstpläne, die dem NDR vorliegen, zeigen, dass dies in Ludwigslust an mehreren Wochenenden nicht der Fall war - unter anderem auch an dem Wochenende des schweren Zwischenfalls.

Klinik weist Vorwürfe zurück

Die Klinik-Leitung weist die Vorwürfe auf Anfrage zurück. Selbstverständlich erfülle man alle Vorgaben der Kammer. Es habe auch einen Bereitschaftsdienst mit Herzspezialisten gegeben. Die Spitze des Krankenhauses legt Wert auf die Feststellung, dass in der Nacht ein Bereitschaftskardiologe anwesend gewesen sei und die Untersuchung begleitet habe. Wenn diese Bereitschaft an Wochenenden nicht gegeben sei, dann melde man die Herzklinik aus dem Notdienst ab, so Geschäftsführer Jürgen Stobbe. Mit Blick auf die Patientin erklärte die Klinikleitung, es sei von vornherein verabredet gewesen, die Frau bei Komplikationen in die Herzchirurgie nach Lübeck zu verlegen. Warum Transportkapazitäten nicht ebenfalls vorab geklärt wurden, blieb offen.

Intensiv-Behandlung hätte eher erfolgen können

Auch ansonsten scheint die Darstellung zumindest Experten wenig schlüssig. In Lübeck wurde die Frau nicht - wie von der Klinikleitung in Ludwigslust behauptet - in die Herzchirurgie eingewiesen, es war gar keine Operation nötig. Die Herz-Katheter-Ärzte an der Uni-Klinik setzten erneut Stents und trieben unter künstlicher Beatmung die Intensiv-Behandlung voran, auch um wiederkehrendes Fieber zu senken. Diese Behandlung hätte - unter Zeitgewinn - wahrscheinlich auch im nahen Parchim oder in der Helios-Klinik in Schwerin erfolgen können.

Normalerweise werden solche Behandlungen auch in Ludwigslust durchgeführt, aber die Patientin konnte dort in dieser Nacht offenbar nicht voll versorgt werden. Zur Begründung, warum die Frau außerhalb des Bundeslandes weiter behandelt wurde, gab die Klinikleitung in Ludwigslust an, man sei über die Möglichkeiten in Schwerin nicht ausreichend informiert. Nach der gescheiterten und nur zwei Jahre dauernden Kooperation zwischen den Herz-Abteilungen beider Kliniken gilt das Verhältnis als zerrüttet.

Es gab Warnhinweise

Nach Informationen von NDR 1 Radio MV hat die Ärztekammer mehrere Warnhinweise zu dem Fall erhalten. Auch das Wirtschafts- und Gesundheitsministerium in Schwerin ist informiert, es verweist aber an die Zuständigkeit der Ärztekammer. In Schreiben an die Kammer soll davon die Rede sein, dass die Klinik in Ludwigslust nicht die erforderlichen Standards erfülle. Die Klinik-Leitung wies das als Gerüchte zurück. Der medizinische Markt der Herz-Kliniken gilt als hochumkämpft, nicht zuletzt, weil in den Spezialgebieten bei entsprechender Auslastung viel Geld zu verdienen ist.

Ärztekammer verweist auf laufende Ermittlungen

Ärztekammer-Präsident Andreas Crusius wollte sich mit Blick auf ein "laufendes Verfahren" nicht zu dem Fall äußern. Für die Klinik könnte der Fall Konsequenzen haben. Beispielsweise steht die Weiterbildungs-Befugnis auf dem Spiel. Die Klinik in Ludwigslust hat eine besondere Eigner-Struktur. Es wird wie das Partnerkrankenhaus Hagenow vom Landkreis Ludwiglust-Parchim und dem evangelischen Stift Bethlehem als Mitglied des Diakonisches Werkes betrieben. Motto des Krankenhauses: "Gemeinsam.Gesundheit.Nächstenliebe".

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 24.11.2017 | 07:00 Uhr

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