Stand: 07.02.2020 11:00 Uhr

Streit um Lent-Kaserne - Neuanfang mit von Düring

von Charlotte Horn
Bild vergrößern
Die Lent-Kaserne soll bald den Namen "von Düring" tragen.

An einem Freitagmittag in der Fußgängerzone von Rotenburg (Wümme) rund 90 km südwestlich von Hamburg. Angesprochen auf die Lent-Kaserne haben die Passanten ganz unterschiedliche Ansichten. Sie wisse nicht genau, wer dieser Lent gewesen sei. Er sei irgendwie verantwortlich für größere Aktionen im Nationalsozialismus gewesen, sagt eine Frau. Deswegen brauche man unbedingt einen neuen Namensgeber. Anderen Befragten ist das ziemlich egal. Eine Kaserne solle grundsätzlich keinen Namen haben.

Namen im Widerspruch zum Traditionserlass

In einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken-Bundestagsfraktion hatte das Bundesverteidigungsministerium im Oktober vergangenen Jahres geschrieben, dass die Benennung der Rotenburger "Lent-Kaserne" die Voraussetzung des Traditionserlasses nicht erfülle. Damit bezieht sich das Ministerium auf den neuen 2018 in Kraft getretenen Traditionserlass. In dem Schreiben über den Wehrmachtspiloten Helmut Lent heißt es:

Aufgrund seiner erbrachten militärischen Leistungen wurde die Liegenschaft 1964 nach ihm benannt. Heute aber kann nur ein soldatisches Selbstverständnis mit Wertebindung, das sich nicht allein auf professionelles Können im Gefecht reduziert, sinn- und traditionsstiftend sein, weswegen die „Lent-Kaserne“ umzubenennen ist.

Soldaten wollten zunächst an Lent festhalten

Bild vergrößern
Bürgermeister Weber ist inzwischen für eine Kasernenumbenennung. Vor einiger Zeit wollte er noch an dem Namen Lent festhalten.

Doch so eindeutig, war die Position des Verteidigungsministeriums nicht immer. 2017 hatte ein Vertretergremium der Kaserne für die Beibehaltung des Namens gestimmt und das Ministerium sah sich nicht veranlasst, dem zu widersprechen. Ein Jahr zuvor hatten auch lokale politische Vertreter in Rotenburg (Wümme) mehrheitlich für die Beibehaltung des Namens der Lent-Kaserne gestimmt.  Auch Rotenburgs Bürgermeister Andreas Weber (SPD) vertrat diese Position, schließlich sei Helmut Lent prägend für die Region gewesen. Seine Nazi-Vergangenheit sei ihm nicht nachzuweisen. Und so stimmte auch die Mehrheit aus SPD und CDU dafür.

Neuer Name wird begrüßt

Den neuen Namensvorschlag "von Düring-Kaserne" bewertet Bürgermeister Weber positiv. Er sei nicht von oben aus Berlin oktroyiert worden, sondern von den Soldaten aus der Kaserne gekommen. Der Name habe auch einen regionalen Bezug. Der Bürgermeister verweist auf eine Düringstraße in Rotenburg. Außerdem gebe es ein Denkmal. Es erinnere an die aktive Zeit von Dürings als Forstbeamter. Die Menschen in Rotenburg könnten sich mit dem Namen identifizieren.

Kreistagsabgeordneter für neutralen Namen

Ulrich Thiart sitzt im Kreistag Rotenburg als Abgeordneter der Grünen. In der Sitzung vor vier Jahren hatte sich der pensionierte Berufsschullehrer für die Umbenennung der Kaserne eingesetzt. Für ihn ist der ehemalige Jagdflieger Lent als Unterstützer des NS-Regimes nicht tragbar. Thirat versteht nicht, dass die Kaserne mitbestimmen soll. Die meisten Soldaten hätten sich mit der Person Lent und dem neuen Namen nicht beschäftigt.

Der Kreistagsabgeordnete hätte einen neutralen Namen wie Wümme-Kaserne bevorzugt. Den neuen Vorschlag "Von Düring-Kaserne" unterstützt er nicht. Wenn von Düring nur Forstbeamter gewesen wäre, hätte er kein Problem gehabt. Thiart stört, dass von Düring ein Jägerbataillon für den Kampf gegen Napoleon gegründet hat. Freikorps hätten später in der Weimarer Republik einen "ziemlich üblen Klang" gehabt.

Entscheidungsprozess bei der Bundeswehr

Nach Angaben des Kommandeurs des Jägerbataillons 91, Maik Münzner, hat das Bundesverteidigungsministerium im Zuge der Überarbeitung des Traditionserlasses die Truppe aufgefordert, die Kaserne umzubenennen. Münzer spricht von einer zentralen Vorgabe. Die Soldaten hatten sich aber  2017 noch  für eine Beibehaltung des Namens Lent ausgesprochen. Münzner räumt ein, dass es unterschiedliche Auffassungen und persönliche Einschätzungen gegeben hat. Aber am Ende habe man von oben einen Auftrag bekommen. "Und der Auftrag ist dann zu erfüllen gewesen."

Portait Maik Münzner © Bundeswehr Foto: Carsten Kahle

Münzner: Alle Soldaten wurden zu Namensvorschlägen aufgerufen

NDR Info -

Laut Bataillonskommandeur Maik Münzner ist der Name von Düring favorisiert worden. Wichtig sei ein Name, mit dem sich Region und Soldaten identifizierten.

2,67 bei 9 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Download

Namensvorschläge von Soldaten

Bild vergrößern
Ein Denkmal erinnert an Johann Christian von Düring.

Die Soldaten hätten die Gelegenheit gehabt, Namensvorschläge einzureichen. In die engere Auswahl seien am Ende "Eichen-Kaserne", "Graf-York-Kaserne" und eben "von Düring-Kaserne" gekommen. Aus Sicht des Kommandeurs Maik Münzner ist es wichtig, dass sich die Region mit dem neuen Namen identifizieren kann - aber auch die Soldaten. Mit dem Namen von Düring sei das sehr gut gelungen. "Denn einerseits hat er sich im Bereich des Forstes um Rotenburg sehr verdient gemacht - und unter anderem hat er den gesamten Forst, in dem sich auch die Kasernen-Anlage befindet, aufgeforstet. Andererseits hat er damals als Kompaniechef für sein Vaterland gekämpft und war damit auch einer der Urväter der heutigen Jägertruppe."

 Warten auf Bestätigung durch Bundeswehrspitze

Auf dem Kasernengelände erinnert die Grabstätte von 1862 an von Düring. Im Zuge der Abstimmung hatten die Soldaten für den neuen Namensvorschlag auch die Zustimmung der Nachfahren von Johann Christian von Düring eingeholt. Am Ende hat ein Vertrauensgremium aus 20 Soldaten der Kaserne mehrheitlich für den Namen "von Düring-Kaserne" gestimmt. Nach der Zustimmung des Kommandos Heer werde jetzt der Name vom Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam geprüft, sagt der Kommandeur des Jägerbataillons 91, Maik Münzner. Er hoffe auf eine zeitnahe Entscheidung. Der Rotenburger Bürgermeister Weber hält eine erneute Abstimmung im Stadtrat nicht für notwendig.

Weitere Informationen

Streitkräfte und Strategien

Die Reihe Streitkräfte und Strategien setzt sich kritisch mit Fragen der Sicherheits- und Militärpolitik auseinander. 14-tägig sonnabends um 19.20 und sonntags um 12.30 Uhr. mehr

Podcast

Podcast: Streitkräfte und Strategien

Die Sendereihe Streitkräfte und Strategien über aktuelle Themen der Sicherheits- und Militärpolitik. Alle 14 Tage sonnabends um 19.20 Uhr und sonntags um 12.30 Uhr. mehr

 

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Streitkräfte und Strategien | 08.02.2020 | 19:20 Uhr