Stand: 22.12.2020 12:00 Uhr

Robustes Material statt Hightech-Waffen?

von Björn Müller
Zwei Schützenpanzer vom Modell Puma bei einer Schau. © NDR Foto: Holger Hollemann
Der neue Schützenpanzer Puma bei einer Übung. Auch nach vielen Jahren ist das Waffensystem nicht einsatzreif.

Für den obersten Soldaten der Bundeswehr,  Generalinspekteur Eberhard Zorn, haben viele Waffensysteme der Streitkräfte ein zentrales Problem: Durch die immer komplexeren elektronischen Systeme ist  das militärische Gerät inzwischen extrem anfällig für Störungen. Im Einsatz kann das aber fatal sein. Die Bundeswehr brauche daher robustes Material, sagte der Vier-Sterne-General kürzlich der Deutschen Presse-Agentur. "Militärisches Handeln ist nicht auf Ausbildung in einem Feldlager beschränkt, sondern umfasst Gefechtssituationen und kriegerische Auseinandersetzungen. Unsere Fahrzeuge müssen verlässlich und einsatzbereit sein. Einfache Bedienung und technischer Fortschritt müssen miteinander harmonieren. Unsere Autos müssen noch fahren, selbst wenn sie schon mal angeschossen wurden." Dabei hat die Bundeswehr mit ihren gepanzerten Fahrzeugen bereits besondere "Autos" – um in der Sprache des Generalinspekteurs zu bleiben.

Schützenpanzer Puma als Negativbeispiel

Ein Paradebeispiel für durch aufwendige Elektronik besonders anfälliges Gerät ist der neue Schützenpanzer Puma. Seine Einsatzreife verzögert sich seit Jahren. Die Sensoren und elektronischen Sicherheitssysteme des Schützenpanzers Puma erzeugen immer wieder Fehlermeldungen – sehr zum Verdruss der Soldaten. Eine Sprecherin des Verteidigungsministeriums räumt gegenüber NDR Info ein, diese Fehlermeldungen schränkten die Funktionalität des Gesamtsystems zeitweise ein und "erfordern teils auch einen Neustart von Software". Fehlermeldungen während eines Feuergefechts – für die Besatzung des Schützenpanzers wäre das ein Albtraum.

Komplexe Systeme besser schützen

Ein Verzicht auf leistungsfähige elektronische Systeme ist allerdings auch keine Lösung. Franz-Stefan Gady, Militärexperte am "International Institute for Strategic Studies" IISS in London verweist darauf, dass ohne Vernetzung und einer weiteren Digitalisierung "von Plattformen und Systemen erhebliche Nachteile auf dem Gefechtsfeld für die Bundeswehr in Zukunft entstehen werden." Der Schlüssel sei Resilienz. Die Widerstandfähigkeit müsse gestärkt werden. Gady empfiehlt mehr Geld in aktive Cyber-Defence und elektronische Kriegsführung zu investieren, "um Systeme – nicht weniger komplex – aber eben robuster zu machen".

Trend zur vernetzten Operationsführung

Die Frage ist allerdings wie. Tatsache ist: Weltweit arbeiten die Militärmächte  an einer sogenannten "Multi-Domain"-Operationsführung. Das heißt: die in unterschiedlichen Räumen eingesetzten Waffensysteme sind alle miteinander vernetzt – also die Systeme in der Luft, auf dem Land, auf See bis hin zum Cyber-Raum. Das angestrebte Ziel: Das Erstellen eines umfassenden Lagebilds, um so das schnelle und optimale Zusammenwirken der Waffen bei der Bekämpfung des Gegners zu ermöglichen. Das geht allerdings nur über eine leistungsstarke Elektronik für diverse Sensoren, Jammer und andere Technologien. Streitkräfte, die diesen Weg nicht gehen, verpassen den Anschluss an die moderne Kriegsführung.

Soldat mit Schlüsselrolle

Ausrüstung © Bundeswehr Foto: Jana Neumann
Auch die bisher sehr robusten Sturmgewehre werden inwischen technisch immer komplexer.

Um Ausfälle solcher Hochtechnologie in Waffensystemen zu kompensieren, ist für den Militärexperten Franz-Stefan Gady der Soldat ein entscheidender Faktor. "Wenn es um die Integration von komplexen Systemen geht, ist vor allem eine gute Ausbildung wichtig." Das werde oft nicht erwähnt. Letztendlich könnten nur die Soldaten und Soldatinnen dafür sorgen, dass ein Auftrag trotz Ausfall von irgendwelchen komplexen Systemen wirklich erfüllt werden könne.

Überprüfungsinstrument bei Bundeswehr

Der Ansatz von Generalinspekteur Zorn ist,  bei der Planung neuer Systeme schon frühzeitig zu klären, welche  Forderungen vital sind und welche nicht. Dafür wird nach Angaben des Verteidigungsministeriums  ein – so wörtlich -   "strenges Forderungscontrolling durchgeführt". Das soll die Hochtechnologie reduzieren und das Gerät robuster machen. Mit dem Druck,  dieses Forderungscontrolling zu verbessern, steht die Bundeswehr nicht allein da. Jack Watling, Experte für Landkriegsführung am Royal United Services Institute RUSI in London verweist auf Syrien. Dort hätten es einige NATO-Länder mit den russischen Streitkräften zu tun. "Dort lässt sich eine intensive elektronische Kriegsführung beobachten und dass Systeme plötzlich nicht mehr funktionieren." Weltweit versuchten daher Streitkräfte herauszufinden, welche elektronischen Systeme besser geschützt werden müssten, welche verzichtbar seien und welche sich vereinfachen ließen.

Bundeswehr im Nachteil

Für diesen Findungsprozess hat man allerdings nicht viel Zeit. Der Vorlauf für die Einführung neuer Großwaffensysteme beträgt mindestens zehn Jahre. Für die ab 2030 auszuliefernden Waffensysteme müssen die Entscheidungen über die genauen Anforderungen also jetzt gefällt werden. Bei der Bundeswehr geht es zum Beispiel um einen neuen Kampfpanzer als Nachfolger des Leopard 2. Bei der Frage, wie sie ihre Hightech-Waffen effektiver konfigurieren kann, hat die Bundeswehr gegenüber anderen NATO-Streitkräften einen großen Nachteil, sagt der  Militärexperte Jack Watling.

Aufgrund der Zurückhaltung Deutschlands bei Kampfeinsätzen, sind die Möglichkeiten der Bundeswehr eingeschränkt, um zu erfahren und zu lernen, wie sich ihre elektronischen Systeme im Einsatz behaupten. So testen auf dem syrischen Kriegsschauplatz Russland, die USA und Großbritannien die Verwundbarkeit ihrer Waffen beim gegnerischen Einsatz von Störsendern, also sogenannten Jammern – aber auch bei Drohnenangriffen. Die Bundeswehr dagegen konzentriert sich bei ihrem Beitrag zur Anti-IS-Koalition in erster Linie auf die Luftbetankung – ein weitgehend unproblematischer Einsatz.

Beschaffungspolitik als Hindernis

Ausrüstung © Bundeswehr Foto: Schmidt
Die Panzerhaubitze 2000 war in Afghanistan im Einsatz.

Für den britischen Militärexperten Jack Watling haben die Waffensysteme der Bundeswehr zudem ein weiteres grundsätzliches Problem. "Deutschland hat in der Vergangenheit Rüstungsvorhaben teils so betrieben, dass sie eher darauf ausgelegt waren, ökonomische Bedürfnisse zu befriedigen anstatt einsatzbereites Gerät zu liefern  oder effektive militärische Fähigkeiten aufzubauen." Als Beispiel nennt er die deutsche Panzerhaubitze. "Es ist viel Geld in exquisite und komplexe Fähigkeiten investiert worden, unter anderem, um die entsprechende Ingenieursexpertise zu erhalten."

In der Tat steht die Beschaffungspolitik der Bundeswehr traditionell unter der Ägide, eine eigene Rüstungsindustrie zu stärken und zukunftsfähig zu  machen. Das galt besonders in den Jahren, in denen im Verteidigungshaushalt massiv gespart werden musste. Das führte jedoch paradoxerweise beim Gerät zu sogenannten Goldrandlösungen  – d.h. bei den Anforderungen wurde immer wieder draufgesattelt; die Folge: es wurden keine Waffensysteme entwickelt, die pragmatisch auf Einsatzreife ausgelegt waren.

Frommer Wunsch des Generalinspekteurs

Bis heute gibt es ein Deutschland eine Beschaffungspolitik und Rüstungskultur, die dem Ziel des Generalinspekteurs entgegenstehen, Projekte auf das militärisch Notwendige zu beschränken und damit den Rückgriff auf komplexe und störanfällige Hochtechnologie möglichst zu vermeiden. Kurz: Vor diesem Hintergrund  dürfte das Ziel von Generalinspekteur Eberhard Zorn, die Truppe mit robustem Gerät auszustatten, ein frommer Wunsch bleiben.

Weitere Informationen
Die Füße und der Schatten eines Soldaten auf sandigem Gelände © NDR

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Streitkräfte und Strategien | 27.12.2020 | 12:35 Uhr