Stand: 11.06.2020 15:00 Uhr

Problemfall Seefernaufklärer Orion

von Christoph Prössl
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Seefernaufklärer sind aus Sicht der Marine weiterhin sehr wichtig.

Im Dezember 2019 teilte die NATO mit, dass das Militärbündnis besorgt sei über zahlreiche russische U-Boote im Nordatlantik. Bei einer Operation rund um Norwegen im Oktober habe die Allianz bis zu zehn russische U-Boote gleichzeitig gezählt. Aktuellere Zahlen hat die NATO nicht veröffentlicht. Auf Anfrage teilte das Militärbündnis mit, in den vergangenen Jahren habe man eine deutliche Zunahme der russischen Aktivitäten verzeichnet. Die NATO reagiert darauf mit mehr Übungen. Die Allianz begrüße, dass einige Mitglieder in Flugzeuge zur U-Boot-Jagd investierten, teilte die NATO-Sprecherin Oana Lungescu NDR Info mit. Deutschlands Seefernaufklärer seien ein wichtiger Beitrag zur gemeinsamen Sicherheit der Allianz.

Kauf gebrauchter Flugzeuge

Die Bundeswehr verfügt über acht sogenannte Seefernaufklärer, die U-Boote aufspüren, aber auch bekämpfen können. Stationiert sind die Maschinen vom Typ P-3C Orion in Nordholz bei Cuxhaven. Kommandeur Thorsten Bobzin verweist darauf, dass russische, aber auch andere Streitkräfte ihre U-Boot-Flotten ausbauen. "Sie werden keinen Flottenchef finden, der seine wichtigsten Einheiten in ein Gebiet einlaufen lassen wird, in dem sich nicht lokalisierte gegnerische U-Boote befinden." Deswegen werden die Seefernaufklärer immer wichtiger. Doch die Marine hat nur wenige einsatzfähige Maschinen. Der Grund: Die Flugzeuge wurden 2004 gebraucht von der niederländischen Marine gekauft, waren jedoch in einem schlechten Zustand. Sie mussten instandgesetzt und aufgerüstet werden. Damit beauftragte die Bundeswehr Airbus – obwohl der US-Konzern Lockheed die Seefernaufklärer hergestellt hatte. Die Arbeiten sind bis heute nicht abgeschlossen.

Viele Einsätze, wenig einsatzbereite Maschinen

Es stünden inzwischen stets weniger Luftfahrzeuge als vorgesehen für den operativen Auftrag zur Verfügung. Und das Problem werde sich weiter verdichten, sagt Kapitän zur See Thorsten Bobzin. "Um die P3-C über das Jahr 2025 hinaus zu fliegen, sind umfangreiche strukturelle und missionsspezifische Anpassungen nötig. Der Gesamtaufwand ist so komplex, dass es bei der Umsetzung erhebliche Schwierigkeiten bei der Betreuungsindustrie gibt, um den Zeit- aber auch den Kostenrahmen einzuhalten. Dies verursacht – zumindest mir – erhebliche Bauchschmerzen."

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Von den acht Orion-Maschinen sind in der Regel maximal drei einsatzbereit.

Dem Kommandeur der Marineflieger stehen oft nicht mehr als zwei bis drei Maschinen zur Verfügung. Anfang Juni startete eine P-3C Orion erstmals zu einem Einsatz im Rahmen der Mission Irini im Mittelmeer. Dabei geht es darum, das Waffenembargo der Vereinten Nationen gegen Libyen durchzusetzen und verbotene Transporte aufzuspüren. Außerdem nimmt eine Maschine an der NATO-Übung Baltops teil. Und: Die Bundeswehr stellte regelmäßig einen Seefernaufklärer für die Mission Atalanta.

Belastung wird zunehmen

Das Verteidigungsministerium melde Fähigkeiten wie die Aufklärung durch die Marineflieger auch deswegen gerne für Einsätze an, weil diese Tätigkeit innenpolitisch kaum umstritten sei, heißt es im Bundestag. Zu einem Lagebild beizutragen ist vielen Wählerinnen und Wählern noch vermittelbar - ein Einsatz, bei dem geschossen werden könnte, hingegen weniger. Nach Angaben von Thorsten Bobzin wirkt sich die hohe Einsatzrate bei gleichzeitig geringer Verfügbarkeit auch auf die Schulungskapazitäten und den Personalumfang aus. "Insofern mache ich mir mehr Sorgen um die kommenden Jahre als um die aktuelle Situation."

Eigentlich sollten alle acht Maschinen vom Typ P-3C Orion bis 2023 modernisiert und fertig sein. Doch Zweifel sind angebracht  Auf Anfrage teilte das Verteidigungsministerium mit, dass der Zeitbedarf für die Projektumsetzung aufgrund der Verzögerungen bei der Industrie noch abgestimmt werde. Einen Termin, wann die Flugzeuge also fertig sein werden, nennt das Ministerium nicht. Und auch zu den Kosten gibt es aus Berlin keine Angaben.

Kritik des Bundesrechnungshofs

Der Bundesrechnungshof hat sich längst mit den Seefernaufklärern P-3C beschäftigt und deutliche Kritik formuliert. 2015 sind mit der Industrie Verträge über 500 Millionen Euro abgeschlossen worden. Später musste das Ministerium einräumen, dass ein zusätzlicher Investitionsbedarf von mindestens 340 Millionen Euro besteht. Die Rechnungsprüfer forderten das Ministerium auf, das Projekt neu zu bewerten. Welche Arbeiten sind angesichts der bis 2035 geplanten Ausmusterung der Flieger noch wirtschaftlich, lautete der Arbeitsauftrag. Der Bundestagsabgeordnete Tobias Lindner, der für die Grünen im Verteidigungs- und im Haushaltsausschuss sitzt, macht für die steigenden Kosten und für die lange Modernisierungszeit auch die Industrie verantwortlich. "Niemand weiß, ob dieses Vorgehen jetzt noch wirklich wirtschaftlich ist, und ob am Ende des Tages diese Flugzeuge dann auch wirklich nutzbar sind. Ich würde vom Verteidigungsministerium erwarten, und der Bundesrechnungshof erwartet dies auch, dass es einen Plan B im BMVg gibt. Dass man sich also jetzt schon umschaut, durch welche Flieger man im Zweifel die P-3C Orion ersetzen kann."

Abbruch-Kriterien gefordert

Der Rechnungshof erwartet, dass das Ministerium Kriterien formuliert, wann das Projekt abgebrochen wird. Außerdem hat das Ministerium keine Konsequenzen aus dem bisherigen Verlauf der Arbeiten und den Kostensteigerungen gezogen, kritisieren die Prüfer in einem öffentlich zugänglichen Bericht vom April 2019. Noch im Juni soll das Verteidigungsministerium den Rechnungsprüfern antworten.

Deutsche-französisches Nachfolgemodell geplant

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Es ist noch offen, welches System künftig anstelle der Orion die Seefernaufklärung übernehmen soll.

Von 2035 an – so die Planungen des Ministeriums – soll ein neues Flugzeug die Aufgaben der Seefernaufklärung und der U-Boot-Jagd übernehmen. Welches Modell das sein könnte, ist noch offen. 2018 haben Deutschland und Frankreich eine Absichtserklärung unterzeichnet und eine Machbarkeitsstudie vereinbart. Geprüft werden soll, welches Flugzeug die Aufgaben übernehmen könnte. Ein Airbus, der umgerüstet wird, oder die Europäer kaufen die P-8 von Boeing. Das Flugzeug des US-Konzerns ist neu auf dem Markt, Großbritannien hat gerade die ersten Maschinen in Dienst gestellt. Es wird aber auch immer wieder über eine Neuentwicklung diskutiert. Dass bis 2035 ein neuer Seefernaufklärer zur Verfügung steht, gilt mittlerweile als eine sehr ehrgeizige Planung. Heinz Dieter Jopp, Kapitän zur See a.D., war Marineflieger. Er weist daraufhin, dass bisher kein Geld planerisch in den Haushalt eingestellt worden ist. "Da auf der Zeitachse gesehen von der Planung bis zur Produktion oder bis zur Fertigstellung mindestens 15 Jahre vergehen, ist eigentlich schon das Jahr 2020 ein sehr kritisches Jahr, um jetzt eine MPA Nachfolge für die Marineflieger endlich anzuschieben.“ MPA steht für Maritime Patrol Aircraft, also Seefernaufklärer.

Fass ohne Boden?

Für die Verzögerung und die steigenden Modernisierungskosten der P-3C gibt es unterschiedliche Gründe: Die Flugzeuge wurden gebraucht erworben, als die Bundeswehr noch massiv sparen musste. Die Marine hoffte, durch Umrüstung schnell einen brauchbaren Seefernaufklärer zu erhalten. Dann setzten die Verzögerungen ein, wegen – so wörtlich – „unzureichender Leistungsfähigkeit des Auftragnehmers“, wie das BMVg gegenüber dem Bundesrechnungshof angab. Eine ungewohnt deutliche Kritik an der Industrie.

Erinnerungen an die Gorch Fock-Affäre werden wach: Immer wieder gibt es neue technische Probleme, die Kosten steigen. Schwierigkeiten im Salami-Rhythmus: Scheibe für Scheibe. Das Verteidigungsministerium hat versäumt, Alternativen zu prüfen und rechtzeitig einen Nachfolger für die P-3C auf den Weg zu bringen. Sehr zum Unmut der Marineflieger. Für den Kommandeur Thorsten Bobzin ist es notwendig, die Expertise und die wichtigen Fähigkeiten zu erhalten, die Seefernaufklärer in das Gesamtportfolio der NATO einbringen. Dazu "brauchen wir nicht immer das modernste Material. Aber doch ausreichend Handwerkszeug".


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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Streitkräfte und Strategien | 13.06.2020 | 19:20 Uhr