Stand: 02.11.2019 19:20 Uhr

Panzerprojekt - nicht offen für alle EU-Länder?

von Björn Müller
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Das 2018 vorgestellte Modell ist ein Mix aus den Kampfpanzern Leopard (links) und Leclerc (rechts).

Das sogenannte Main Ground Combat System – kurz MGCS - soll Mitte der 2030er Jahre nicht nur den Leopard-2 der Bundeswehr und Frankreichs Hauptkampfpanzer Leclerc ersetzen. Das neue Waffensystem soll auch der Standard-Panzer in Europa werden, so der Anspruch von Berlin und Paris. Gegenwärtig finden sich in den Streitkräften der europäischen Länder 17 verschiedene Panzer-Modelle. Das zeigt, wie heterogen und zersplittert das Militär-Potenzial der Europäer ist. Ein einheitlicher Kampfpanzer von Polen bis Portugal wäre ein entscheidender Fortschritt beim Vorhaben der EU, Europa zu einer ernstzunehmenden Militärmacht zu machen.

Polen als Testfall

Für die Öffnung der deutsch-französische Initiative  zu einem europäischen Panzer-Projekt wäre Polen ein entscheidender Testfall. Das Land an der Ostflanke der NATO spielt angesichts des Konfliktes mit Russland  bei der Verteidigung der Militärallianz und der EU eine wichtige Rolle . Die Regierung in Warschau strebt den Aufbau einer starken Panzerstreitmacht an. Sie hat bereits ihren Wunsch deutlich gemacht, sich an dem deutsch-französischen Rüstungsprojekt zu beteiligen. Allerdings haben die Polen Zweifel,  ob Deutschland und Frankreich es mit der in Aussicht gestellten Beteiligung Dritter wirklich ernst meinen. So sieht es jedenfalls Marcin Terlikowski – Rüstungsexperte beim Polnischen Institut für Internationale Angelegenheiten in Warschau. Sein Vorwurf: "Die Rüstungsindustrie in Frankreich und Deutschland sollen ihren Marktanteil in Europa vergrößern - auf Kosten der Wehrindustrie in anderen Ländern wie Polen."

Polen braucht mehr als 500 Kampfpanzer

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Polen setzt zurzeit auf den Leopard, möchte seine Streitmacht jedoch vergrößern und modernisieren.

Tatsächlich sind Deutschland und Frankreich bisher vor allem darauf fixiert, die jeweiligen Anteile an der Produktion eines neuen Kampfpanzers zwischen der deutschen und französischen Rüstungsindustrie aufzuteilen. Dabei könnte Polen zugunsten einer Beteiligung durchaus in die Waagschale werfen, ein künftiger Hauptabnehmer des Zukunftspanzers zu sein. Der Rüstungsexperte Marcin Terlikowski geht davon aus, dass Polen demnächst einen Bedarf von mindestens 500 Kampfpanzern hat.

 Warschau will Zugang zu westlicher Rüstungstechnologie

Das Problem der polnischen Streitkräfte ist, dass die Panzerverbände zum großen Teil noch immer mit älteren Typen aus der Zeit der Sowjetunion ausgerüstet sind. Die modernsten Panzer sind veraltete deutsche Leopard-2 Versionen. Doch Polen ist nicht nur an einer Beteiligung am deutsch-französischen Kampfpanzer interessiert. Die Regierung in Warschau denkt bereits viel weiter, sagt der polnische Rüstungsexperte Marcin Terlikowski. "Unsere Verteidigungsindustrie ist nicht ausgerichtet auf die europäische Rüstungskooperation. Wir sind nicht an europäischen Projekten beteiligt. Im Mittelpunkt steht immer noch die sowjetische Technologie. Und das ist der Grund, warum wir Zugang zu westlicher Expertise haben wollen. Wir wollen so unsere industriellen Fähigkeiten weiterentwickeln."

Mittelosteuropäische Staaten  wie Polen sind bis heute keine Partner bei großen europäischen Rüstungsvorhaben wie dem Transportflieger A400M. Hier dominieren die westeuropäischen Länder mit ihren Großkonzernen wie Airbus. Für Marcin Terlikowski vom Warschauer Institut für Internationale Angelegenheiten wäre das deutsch-französische Panzerprojekt Main Ground Combat System daher eine große Chance für Polen, diese Ausgrenzung zu überwinden. Polen hat daher ein großes Interesse, am deutsch-französischen Kampfpanzer-Projekt MGCS beteiligt zu werden.

Vorbehalte gegen polnische Absichten

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Frankreichs Kampfpanzer Leclerc der Firma Nexter soll durch einen neuen Panzer ersetzt werden.

Doch  ein Einstieg ist kein Selbstläufer. Speziell von französischer Seite gibt es Vorbehalte gegen Polen. Gaëlle Winter - Sicherheitsexpertin der Stiftung für Strategische Studien in Paris - weist daraufhin, dass sich die bilateralen Beziehungen seit 2014 verschlechtert haben. Außerdem stellt sich die Frage, wie Polen zum Projekt Main Ground Combat System beitragen könnte. Denn beim kommenden Zukunftspanzer wünschen sich die deutschen und französischen Militärs nicht nur eine verbesserte Version bewährter Panzertechnik wie beim Leopard 2. Es geht darum, ein Hightech-System zu entwickeln, bei dem Robotik und Waffen wie Hochgeschwindigkeitsraketen eine entscheidende Rolle spielen.  Das neue Waffensystem soll sozusagen ein militärischer "Gamechanger" werden. Christian Mölling, Forschungsdirektor der Gesellschaft für Auswärtige Politik in Berlin, ist skeptisch, ob die Polen hierzu einen Beitrag leisten können, indem sie eine dafür notwendige Rüstungsstrategie verfolgen. Der Wissenschafter verweist dabei auf den Trend, die polnische Verteidigungsindustrie zu zentralisieren. Für Mölling ist das möglicherweise nicht zielführend. Vor diesem Hintergrund warnt der Sicherheitsexperte Christian Mölling vor zu hohen Erwartungen an  eine polnische Beteiligung beim deutsch-französischen Panzer-Projekt.

Unterschiedliche Interessen schwer zu überwinden

Das Beispiel Polen zeigt deutlich, wie schwierig es wird, das deutsch-französische Kampfpanzer-Projekt zu einem europäischen Rüstungsvorhaben zu machen, an dem sich auch andere EU-Staaten beteiligen können. Wie so oft gibt es auch hier eine Kluft zwischen dem verkündeten Ziel einer gemeinsamen europäischen Verteidigungs- und Rüstungspolitik und den nationalen Interessen und Möglichkeiten der Akteure. Diese zu überwinden, ist eine politische Herkules-Aufgabe.

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Streitkräfte und Strategien | 02.11.2019 | 19:20 Uhr