Stand: 24.01.2020 11:00 Uhr

Marineauftrag an die Niederlande – ein Sündenfall?

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Das Mehrzweckkampfschiff MKS 180 soll Ende 2027 ausgeliefert werden.

Die Deutsche Marine soll vier Mehrzweckkampfschiffe bekommen. Die sogenannten MKS 180 sollen für alle militärische Szenarien gerüstet sein -  von der Flugabwehr bis zur U-Boot-Bekämpfung.  Der Auftrag hat ein Volumen von mehr als fünf Milliarden Euro. Er wurde europaweit ausgeschrieben. Bisher wurden alle Großschiffe der Marine von deutschen Werften gebaut. Überraschend bekam die niederländische Damen-Werft den Milliarden-Auftrag. Die Kieler German Naval Yards ging dagegen leer aus.

Einspruch aus Kiel

Die Kieler Werft will diese Entscheidung nicht hinnehmen. Das Unternehmen fühlt sich benachteiligt und kündigte rechtliche Schritte an. Es gebe „erhebliche Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Entscheidung“. Bei dem Vergabeverfahren hatte die Bundeswehr zahlreiche Kriterien vorgegeben. Z.B. die Geschwindigkeit, die Größe, Ausbaureserven und Elektronik. Von mehreren tausend Spezifikationen ist die Rede. Was letztlich den Ausschlag für die niederländische Werft gegeben hat, ist bisher nicht bekannt. Nach einem Bericht des Handelsblatt war Damen das „einzige Unternehmen, das alle Anforderungen erfüllte“. Mit dem Einspruch aus Kiel wird sich die Vergabekammer des Bundeskartellamtes befassen. Außerdem muss der Bundestag der Auftragsvergabe noch zustimmen.

Schiffe werden in Deutschland gebaut

Die Damen-Werft kooperiert mit der Bremer Lürssen-Gruppe. Damen kündigte an, die vier Kampfschiffe in Hamburg bauen zu lassen. 80 Prozent des Auftragsvolumens würden in Deutschland investiert. Die Schiffe sollen unter anderem in Hamburg bei Blohm & Voss gebaut werden. Die Traditionswerft gehört seit einiger Zeit zu Lürssen.  Es heißt, auch die Peene-Werft in Wolgast würde von dem Auftrag profitieren.

Schlüsseltechnologie als Ausweg?

Die schleswig-holsteinische Landesregierung kritisiert die Vergabe des Auftrags an ein niederländisches Unternehmen. Gefordert wird, den Überwasserschiffbau schnell zur Schlüsseltechnologie zu erklären. Damit bestünde die Möglichkeit, Aufträge nur national auszuschreiben. Im Koalitionsvertrag zwischen den Unionsparteien und der SPD von 2018 ist ein solcher Schritt vereinbart worden. Umgesetzt wurde diese Forderung bisher jedoch nicht. Sie steht auch im Widerspruch zum Bekenntnis der Bundesregierung, die Märkte zu öffnen und im Zuge der Stärkung der europäischen Verteidigungspolitik die Rüstungszusammenarbeit in Europa zu verbessern. Hinzu kommt, dass inzwischen kein nationales Unternehmen in der Lage ist, allein komplexe Waffensysteme zu entwickeln und zu bauen. Das ist nur noch im internationalen Rahmen möglich.

Zufriedenheit bei der Marine

Die Deutsche Marine ist mit dem Ergebnis der Ausschreibung zufrieden. Der Inspekteur Andreas Krause begrüßte in einem Tagesbefehl die Entscheidung.  Sie sei „ein weiterer, wichtiger Schritt zur Modernisierung unserer Flotte und für die Zukunftsfähigkeit der Deutschen Marine“. Mit dem Bau von Marineschiffen durch nationale Werften haben die Seestreitkräfte in der Vergangenheit eher schlechte Erfahrungen gemacht.

Problem-Fregatte F125

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Auf die erste F125 Fregatte musste die Deutsche Marine jahrelang warten.

So wurde die Fregatte “Baden-Württemberg“, das Typ-Schiff der neuen F125 Klasse, im vergangenen Jahr erst mit vierjähriger Verspätung ausgeliefert. Immer wieder gab es Probleme mit dem Neubau. Die Marine hatte schließlich wegen gravierender Mängel die Abnahme verweigert – ein einmaliger Vorgang in der Deutschen Marine. Außerdem wurde einvernehmlich ein größerer Teil des Kaufpreises einbehalten.  Die Rede ist von einem dreistelligen Millionenbetrag.

Der ehemalige Marineoffizier Heinz-Dieter Jopp beobachtet schon seit Jahren die Entwicklung beim Marineschiffbau. Er beklagt, dass sich die deutschen Werften zuletzt nicht immer mit Ruhm bekleckert haben. Die Korvette K130 ist dafür ein Beispiel. Es gab unter anderem erhebliche Probleme mit dem Getriebe.

Porträt-Heinz Dieter Jopp © Heinz Dieter Joop Foto: privat

Jopp: Zweifel an den Qualitätsstandards der Hersteller

NDR Info -

Der frühere Marineoffizier Heinz-Dieter Jopp geht davon aus, dass die Bundeswehr der niederländischen Werft mehr zutraut als dem Mitbewerber aus Kiel.

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Damen-Werft auch eine Chance?

Konkurrenz belebt das Geschäft. Die Bundeswehr sieht daher europaweite Ausschreibungen durchaus positiv. Damit verbindet sich die Erwartung, dass bestellte Waffensysteme pünktlich und ohne Mängel an die Streitkräfte übergeben werden. Das ist bei der Marine schon lange keine Selbstverständlichkeit mehr. Der frühere Marineoffizier Jopp sieht in der Entscheidung für die Damen-Werft zugleich eine Chance, gegebenenfalls mit einer niederländisch-deutschen Gemeinschaftsproduktion die nächste Fregatte der Niederländer zu bauen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Streitkräfte und Strategien | 25.01.2020 | 19:20 Uhr