Stand: 05.08.2020 12:00 Uhr

Klimakiller Militär?

von Jerry Sommer
Klimamilitär Panzerhaubitze © Bundeswehr Foto: Marco Dorow
Militärische Aktivitäten haben Folgen für das Klima.

Erstmals sind im vergangenen Jahr zwei wissenschaftliche Studien über die CO2-Emissionen des US-Militärs veröffentlicht worden. Die Konfliktforscherin Neta Crawford von der Bostoner Universität kam zu dem Ergebnis, dass im Haushaltsjahr 2018 das US-Verteidigungsministerium 56 Millionen Tonnen an CO2 Emissionen verursacht hat. "Damit gehört das Pentagon zu den 50 größten Kohlendioxid-Verursachern der Welt. Die Emissionen des US-Militärs sind größer als die von Dänemark, Schweden oder Portugal", stellte die Wissenschaftlerin fest.

Weniger Emissionen als vor 15 Jahren

Rechnet man noch den jährlichen CO2-Fußabdruck der US-Rüstungsindustrie hinzu, beträgt der jährliche CO2-Ausstoß laut Neta Crawford sogar über 200 Millionen Tonnen. Allerdings sind zwei Dinge zu berücksichtigen. Zum einen machen die auf militärische Aktivitäten zurückzuführenden Emissionen nur einen kleinen Teil der gesamten CO2-Emissionen der USA aus – weniger als vier Prozent. Zum anderen hat das Pentagon seine Emissionen in den vergangenen 15 Jahren deutlich reduziert: Von 85 Millionen Tonnen im Jahr 2005 auf 56 Millionen Tonnen 2018, dem letzten Jahr, für das Zahlen zur Verfügung stehen.

Treibhausgase durch Militäroperationen

In einer anderen Studie analysierten britische Wissenschaftler den Kauf von Öl und Gas durch die "Defense Logistics Agency Energy" – einer speziellen Pentagon-Behörde, die weltweit für die Energieversorgung des US-Militärs zuständig ist. Der Autor Oliver Belcher von der englischen Universität in Durham kommt zu dem Schluss, dass das US-Militär seit 2001, also "seit dem Beginn des 'Kriegs gegen den Terror', 1,2 Milliarden Tonnen an Treibhausgasen verursacht hat. Rund ein Drittel davon, 400 Millionen Tonnen, sind auf die US-Kriegseinsätze in dieser Zeit zurückzuführen."

Kaum Transparenz

Das Pentagon ist nicht sonderlich transparent, wenn es um den Ausstoß der CO2-Emissionen geht, hat der Klimaforscher Oliver Blecher festgestellt. Von anderen Staaten, wie Russland und China, ist in dieser Sache allerdings noch viel weniger zu erfahren. Präzise Aussagen über den weltweiten CO2-Fußbabdruck des Militärs sind deshalb nur schwer möglich. Doch wie Oliver Belcher geht auch der Politkwissenschafter Karl-Heinz Peil von der "Informationsstelle Militarisierung" in Tübingen davon aus, dass die USA weltweit den Löwenanteil der militärisch bedingten Treibhausgase emittieren – nicht nur, weil auf die USA mehr als ein Drittel der weltweiten Rüstungsausgaben entfallen, sondern ihre aufwendige Militärlogistik sowie Waffensysteme wie Kampfjets und Flugzeugträger permanent weltweit im Einsatz seien. Außerdem gibt es mehr als 700 militärische Stützpunkte außerhalb der USA.

 Deutliche Reduzierungen bei der Bundeswehr

Bundeswehr Sonnenenergie © Picture Alliance Foto: Patrick Pleul
An einigen Standorten setzt die Bundeswehr auch auf erneuerbare Energien.

Nicht nur das US-Militär, auch die Bundeswehr hat in den vergangenen Jahren die Treibhausgasemissionen reduziert, sagt Daniel Nitsch vom Bundesverteidigungsministerium. "2005 waren es 2,66 Millionen Tonnen CO2- Äquivalente und 2019 waren es noch 1,45 Millionen Tonnen CO2. Das entspricht einer Reduktion von etwas mehr als 45 Prozent." Die deutliche Verringerung der von der Bundeswehr verursachten Treibhausgase hat verschiedene Ursachen: Zum einen ist sie zurückzuführen auf die klimaeffiziente Modernisierung von Gebäuden bzw. energiesparende Neubauten. Eine große Rolle dürfte auch die Reduzierung der Truppenstärke gespielt haben: 2005 hatte die Bundeswehr noch einen Umfang von rund 250.000 Soldatinnen und Soldaten – heute sind es rund ein Viertel weniger.

Auslandseinsätze nicht berücksichtigt

Kritiker der Ökobilanz der Bundeswehr wie Karl-Heinz Peil erkennen an, dass beim Einsatz von zivilen Elektro-Fahrzeugen die Bundeswehr eine Vorbildfunktion hat. Aber er bemängelt, dass die Bundeswehr in ihren Berichten den CO2-Ausstoß bei Auslandseinsätzen unberücksichtigt lässt. Und er warnt davor, einzelne Vorzeigeobjekte zu überschätzen. "Die Bundeswehr hat derzeit 1.500 Liegenschaften mit 34.000 Gebäuden, und in den letzten Nachhaltigkeitsbericht der Bundesregierung ist davon die Rede, dass man 34 Photovoltaik-Anlagen dort installiert hat. Diese Zahl muss man allerdings vor dem Hintergrund sehen, dass in Deutschland insgesamt 1,7 Millionen Photovoltaikanlagen installiert sind."

Synthetische Kraftstoffe als langfristiges Ziel

Das Verteidigungsministerium plant, den CO2-Ausstoß entsprechend dem Klimaschutzprogramm der Bundesregierung beim Energieverbrauch für die Bundeswehr-Liegenschaften noch weiter zu reduzieren. Doch darüberhinausgehende konkrete Reduktionsziele für die Emissionen durch die Bundeswehr insgesamt gibt es nicht. Trotzdem arbeite man an einem postfossilen Zeitalter für die deutschen Streitkräfte, sagt Daniel Nitsch vom Verteidigungsministerium. Ein großes Ziel sei, "dass wir uns sehr intensiv dem Einsatz synthetisch erzeugter Kraftstoffe, das heißt CO-2-neutral erzeugter Kraftstoffe, widmen und das intensiv untersuchen, um einfach unsere Versorgungslage sicherzustellen und auch eine gewisse Autarkie zu erreichen." Allerdings: Der Einsatz von synthetischen Kraftstoffen für spritfressende Kampfflugzeuge und Panzer ist noch Zukunftsmusik. Und der bisher geplante Aufwuchs der Bundeswehr um 20.000 Soldatinnen und Soldaten wird sich ebenfalls negativ auf die Klimabilanz des Militärs auswirken.

Militäroperationen wichtiger als Klimaschutz?

Klimaflugzeug über Ölfeld © Picture Alliance Foto: AKG Images
Militäreinsätze und Kampfhandlungen haben oftmals auch Folgen für die Umwelt.

Das Ziel einer klimafreundlicheren Bundeswehr dürfe man ohnehin nicht überbewerten, meint Stefan Bayer vom sicherheitspolitischen Thinktank der Bundeswehr, dem "German Institute for Defence and Strategic Studies" GIDS in Hamburg. Denn die Hauptaufgabe der Bundeswehr sei, Sicherheit zu produzieren. Und der Klimawandel werde die deutschen Streitkräfte ganz anders fordern als bisher. Mehr Einsätze seien sowohl im Inneren bei Katastrophen möglich oder im Ausland, zum Beispiel im Zusammenhang mit Migrationsströmen, sagt Stefan Bayer. Die Folge könnten mehr Einsätze sein und damit auch möglicherweise auch mehr Emissionen. "Und wenn das mit weniger Umweltschutz einhergeht, ist das eine lässliche Sünde." Einen höheren Ausstoß an Treibhausgasen durch mehr Militäreinsätze könne man in Kauf nehmen, so Stefan Bayer. Denn das Ausmaß der militärischer Emissionen sei insgesamt sehr gering. So argumentiert auch das Pentagon.

Weniger Militär als Beitrag gegen den Klimawandel?

Die Bostoner Politologin Neta Crawford kritisiert eine solche Sichtweise.Das Pentagon ignoriere die eigenen CO2-Emissionen als eine der Ursachsen des Klimawandels. "Wenn das Verteidigungsministerium einen Beitrag leisten wollte, könnten es zum Beispiel Stützpunkte in den USA schließen. Die US-Militärs schätzen selbst, dass dort jeder fünfte überflüssig ist. Und das Pentagon könnte die Auslandsbasen reduzieren - außerdem See- und Luftpatrouillen zum Beispiel im Persischen Golf. Das würde den CO2-Ausstoß des US-Militärs um 25 Prozent vermindern." Weniger Soldaten und weniger Militäreinsätze – so könnte das Militär seinen Beitrag leisten, um die Klimaerwärmung zu stoppen. Diese weitreichende Forderung unterstützt der britische Politikwissenschaftler Oliver Belcher.

Weltweite Transparenz gefordert

Kurzfristig verlangt er vor allem mehr Transparenz von den Militärs -  und zwar weltweit. "Das wichtigste wäre erst einmal, dass das Militär mehr Daten über den Treibstoffverbrauch und die CO2-Emissionen veröffentlichen muss. Jede militärische Operation verursacht CO2-Emissionen. In der Debatte um Militäreinsätze und Kriege müssen dann diese ökologischen Kosten eine große Rolle spielen", sagt Oliver Belcher.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Streitkräfte und Strategien | 08.08.2020 | 19:20 Uhr