Stand: 13.05.2020 15:00 Uhr

Falsche Vorbilder - Hängepartie um Marseille-Kaserne

von Julia Weigelt
Marseille-Kaserne © Bundeswehr Foto: Noehmer
Laut einer Umfrage wollen die Soldaten der Marseille-Kaserne am liebsten am Namen festhalten.

Er war ein Vorzeige-Soldat der Nazis: gutaussehend, jung, verwegen. Auf Fotos ist der Jagdflieger Hans-Joachim Marseille häufig von bewundernden Wehrmachtskameraden umringt. Die Nazi-Propaganda verleiht Marseille gar den Titel "Stern von Afrika". Im Juni 1942 berichtet die Deutsche Wochenschau über seinen Besuch im Führerhauptquartier. Hitler habe dem Oberleutnant anlässlich seines 101. Luftsieges das Eichenlaub mit Schwertern zum Ritterkeuz des Eisenen Kreuzes verliehen. Marseille gelte als der gefürchtetste deutsche Jagdflieger in Nordafrika.

Eigentlich kein Namensgeber für die Luftwaffe

Und wie hat der junge Pilot den Rummel um seine Person selbst gesehen? Für Oberstleutnant Thomas Schmitz, Militärhistoriker im Kommando Luftwaffe der Bundeswehr, hat sich Marseille vermutlich darüber gar keine Gedanken gemacht, weil für ihn nur das Fliegen gezählt habe. Aber genau das wolle man in der Bundeswehr nicht. "Wir wollen ja, dass der Soldat sich Gedanken darüber macht, wofür er kämpft. Und das ist bei ihm eben nicht erkennbar gewesen. Und das können wir als Namensgeber und für unsere Traditionspflege der Luftwaffe nicht mehr nutzen."

Kein Problembewusstsein 1975

Das sah die Bundeswehrführung 1975 allerdings noch ganz anders. Damals erhielt die Kaserne in Appen ihren Namen. Oberstleutnant Schmitz erklärt sich das mit der Wehrmachtsvergangenheit vieler Luftwaffenoffiziere von damals. Auch die Neufassung des Traditionserlasses der Bundeswehr sieben Jahre später im September 1982 änderte nichts an der Benennung der Kaserne nach einem Wehrmachtspiloten - obwohl der Erlass klarstellte: Namensgeber müssen sich durch ihr gesamtes Wirken oder eine herausragende Tat um Freiheit und Recht verdient gemacht haben. Auf Marseille trifft das nicht zu. Eine Einsicht, die Jahrzehnte später auch im Verteidigungsministerium angekommen ist.

Kritik der Verteidigungsministerin

2017 erklärt die damalige Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, es herrsche in der Truppe offensichtlich große Handlungsunsicherheit in Bezug auf den Traditionserlass von 1982. Das habe zu tun mit einer unzweifelhaften Unschärfe des 35 Jahre alten Erlasses, aber auch mit einer Inkonsequenz beim Umgang mit dem Traditionsverständnis. "Wir verbannen zu Recht Wehrmachtshelme aus der Stube; doch am Tor der Kaserne stehen nach wie vor Namen wie Hans-Joachim Marseille oder Helmut Lent." Lent ist ein weiterer Wehrmachtspilot, nach dem eine Kaserne im niedersächsischen Rotenburg (Wümme) benannt ist. Von der Leyen kritisierte, beide Namensgeber seien nicht mehr sinnstiftend für die heutige Bundeswehr. "Sie gehören zu einer Zeit, die für uns nicht vorbildgebend sein kann."

Luftwaffe tut sich schwer mit Umbenennung

Schlagbaum und Wache der Lent-Kaserne. © NDR Foto: Charlotte Horn
Die Lent-Kaserne wird demnächst von-Düring-Kaserne heißen.

Die zum Heer gehörende Lent-Kaserne wird daher demnächst umbenannt. Zunächst hatte es dagegen allerdings bei den Soldaten und den Lokalpolitikern erheblichen Widerstand gegeben. Bei der Luftwaffe tut man sich mit der Umbenennung der Marseille-Kaserne ebenfalls schwer - offenbar bis heute.  Seit der Kritik der damaligen Verteidigungsministerin sind immerhin schon drei Jahre vergangen. Was ist seitdem passiert? Kurz nach der von der Leyen-Rede beauftragte die Führung der Luftwaffe den Kommandeur der Unteroffiziersschule, eine Umfrage zur Namensgebung zu starten. Das Ergebnis war damals, dass die Soldaten in Appen eine Umbenennung ablehnten. Die Luftwaffenführung habe das dann auch erst mal so hingenommen, sagt Oberstleutnant Schmitz. "Für mich als Historiker war das schon befremdlich, weil man von der Bewertung her auch den Traditionserlass von 1982 schon anders hätte deuten können."

Neuer Erlass fordert Wertebindung

Ein Jahr später, im März 2018, wurde der mehr als 30 Jahre alte Traditionserlass schließlich überarbeitet. Darin heißt es jetzt:

"Die Bundeswehr ist freiheitlichen und demokratischen Zielsetzungen verpflichtet. Für sie kann nur ein soldatisches Selbstverständnis mit Wertebindung, das sich nicht allein auf professionelles Können im Gefecht reduziert, sinn- und traditionsstiftend sein. Die Bundeswehr pflegt keine Tradition von Personen, Truppenverbänden und militärischen Institutionen der deutschen (Militär-)Geschichte, die nach heutigem Verständnis verbrecherisch, rassistisch oder menschenverachtend gehandelt haben."

Für Oberstleutnant Thomas Schmitz vom Kommando Luftwaffe war damals sofort klar: In Sachen Marseille gibt es nun endgültig keinen Entscheidungsspielraum mehr. Lange hatte man in der Kaserne in Appen - aber offenbar auch bei der Führung der Luftwaffe - auf Zeit gespielt, versuchte,  das Problem auszusitzen. Doch glaubt man Oberstleutnant Schmitz, ist es damit jetzt vorbei. An der Unteroffiziersschule der Luftwaffe werde es schon bald einen neuen Meinungsbildungsprozess geben, "der aber nicht mehr die Entscheidung hat ´Ich will oder ich will nicht umbenennen´, sondern der die Entscheidung herbeiführt: Welcher neue Name soll es sein. Die Entscheidung der Aberkennung ist längst getroffen."

Schumann statt Marseille?

Oberstleutnant Schmitz hat auch schon einen Vorschlag für einen neuen Namensgeber: Den Lufthansa-Kapitän Jürgen Schumann. Seine Maschine wurde 1977 von Terroristen entführt, wobei Schumann erschossen wurde. Der Militärhistoriker ist für Schumann, auch weil er früher Starfighter-Pilot bei der Luftwaffe war. Er war während seiner Ausbildung auch in Appen stationiert, wo es damals ein Fluganwärter-Regiment gab.

Kritik am Verfahren

Weg mit dem Namen Marseille - das fordert auch der Militärhistoriker Wolfram Wette. Er kritisierte bereits die Namensgebung der Kaserne 1975 als merkwürdige Entscheidung. Das hätte schon damals nicht passieren dürfen, kritisiert Wette die verantwortlichen Bundeswehroffiziere. "Sie blenden leider aus, dass unsere Republik heute andere Aufgaben hat als Kriege zu führen. Es gibt ein Friedensgebot des Grundgesetzes, und damit haben Marseille & Co wenig zu tun, gar nichts zu tun."

Wette kritisiert die lange Verfahrensdauer der Umbenennung. Gänzlich ungeeignet sei dabei das bisherige Prozedere, nach dem ein neuer Vorschlag aus der Truppe kommen müsse. Eine Einschätzung, die auch Klaus-Dieter Brügmann von den Linken teilt. Er ist Mitglied des Pinneberger Kreistages - zu diesem Landkreis gehört Appen. Der Kommunalpolitiker geht davon aus, dass der Umbenennungsprozess bewusst verschleppt worden ist.

Umbenennung noch in diesem Jahr?

Wie geht es nun weiter?  In Appen werden erneut Arbeitsgruppen gebildet, die einen neuen Namensgeber suchen sollen, sagt Oberstleutnant Schmitz vom Kommando der Luftwaffe. Der Name muss dann vom Inspekteur der Luftwaffe genehmigt werden - und auch die Gemeinde Appen werde beteiligt. Der Militärhistoriker erwartet noch in diesem Jahr einen Vorschlag. Vielleicht komme man Ende des Jahres zu einer Entscheidung. Das sei allerdings nur eine Prognose.

Jagdflieger aus Erstem Weltkrieg weiter traditionswürdig

Sicher ist das also nicht. Denn die Luftwaffe tut sich mit der Traditionspflege weiterhin schwer. Inzwischen hat sich zwar die Erkenntnis durchgesetzt, dass Jagdflieger des Zweiten Weltkrieges nicht traditionswürdig sind. Aber was ist mit den Namensgebern aus dem Ersten Weltkrieg?  Kasernen und Geschwader sind benannt nach den Jagdfliegern Manfred von Richthofen, Oswald Boelke und Max Immelmann. Dabei sagt der Traditionserlass, dass militärische Exzellenz allein nicht genügt, um Vorbild zu sein.  Die Luftwaffenführung sieht das allerdings anders. Auf Anfrage von NDR Info teilte ein Sprecher mit:  "In der Luftwaffe steht lediglich der Name 'Marseille-Kaserne' nicht im Einklang mit dem Traditionserlass."

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Die Füße und der Schatten eines Soldaten auf sandigem Gelände © fotolia Foto: Getmilitaryphotos

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Streitkräfte und Strategien | 16.05.2020 | 19:20 Uhr