Eine Demonstrantin mit einem Herz in Farben der Ukraine mit einer aufgemalten Friedenstaube läuft beim Ostermarsch 2022. © picture alliance/dpa/Julian Stratenschulte Foto: Julian Stratenschulte

Kommentar: Ostern und die Wege zum Frieden

Stand: 09.04.2023 06:00 Uhr

Die Friedensbewegung und der Pazifismus waren durchaus segensreich für die Geschichte Europas. Doch angesichts des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine, werden Pazifisten als weltfremde Narren der Nation verspottet. Auch eine Folge von Putins Brutal-Imperialismus. Umso mehr braucht es jetzt den "kleinen Pazifismus", das Werben um Friedensverhandlungen darf kein Tabu sein.

Porträtbild des Journalisten Heribert Prantl. © picture alliance / Sven Simon Foto:  Anke Waelischmiller/SVEN SIMON
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von Heribert Prantl, Kolumnist und Autor der "Süddeutschen Zeitung"

Ich will ein erstes Geständnis ablegen. Ich bin kein Pazifist. Ich war nach dem Abitur bei der Bundeswehr, ich habe Wehrdienst geleistet. Und ich bin auch heute keiner von denen, die den Einsatz von Waffen immer und überall und unbedingt ablehnen. Nicht mit gutem Zureden, sondern mit Waffen wurden die Nazis besiegt. Aber wer hatte die Nazis groß gemacht? Die Pazifisten etwa? Im Gegenteil! Sie haben dem aufgeblasenen Militarismus die Luft abgelassen. Die Friedensbewegung gehört zur guten Geschichte Europas. Und eine Befriedung des Kontinents ohne eine starke Friedensbewegung ist nicht vorstellbar; sie ist in Zeiten des Ukraine-Krieges wichtiger denn je.

Pazifismus ist nicht Geschwätz, sondern Aufopferung für den Frieden

Porträtbild des Journalisten Heribert Prantl. © picture alliance / Sven Simon Foto:  Anke Waelischmiller/SVEN SIMON
Waffen sind nicht die Wünschelrute für den Frieden, meint Heribert Prantl.

Deshalb mache ich ein zweites Geständnis: Ich bewundere die Pazifisten. Sie setzen das notwendige Gegengewicht in einer Zeit, die mit immer mehr Waffen Frieden schaffen will. Ich bewundere es, wie die Pazifisten es schaffen, ihre Ohnmacht auszuhalten. Ich bewundere sie dafür, wenn sie auch angesichts der Aggression Putins nicht schwankend werden. Ich bewundere sie dafür, dass sie der Gewalt die Gegengewalt verweigern; dass sie nicht auf die Kraft der Waffen, sondern auf die Kraft des Rechts setzen. Sie nehmen aber der Gerechtigkeit das Schwert weg, lassen die Gerechtigkeit also mit der Waage allein.

Ist das recht so? Oder ist das einfach nur schrecklich naiv? "Schwerter zu Pflugscharen", sagen Pazifisten gern. Das ist ein schöner Traum. Aber wenn der Traum zum Moralisieren von außen wird, wird er zum Zynismus. Jeder hat das Recht, lieber Gewalt zu erleiden als Gewalt auszuüben, auch in der Hoffnung, den Gewalttäter damit zu beschämen. Der pazifistische Rat, dem Gewalttäter, der mir auf die eine Wange schlägt, auch die andere hinzuhalten, ist keine Aufforderung zur Passivität; er ist der passive Widerstand der Wehrlosen und soll das Verhalten des Gewalttäters verändern.

Das freilich ist eine verwegene und bewundernswerte Hoffnung, weil sie erst einmal dem Gewalttäter den Weg der Gewalt erleichtert. Ein Pazifist, der mit der Hoffnung, der Gewalt auf diese Weise den Schneid abzukaufen, sterben kann, ist ein Märtyrer. Sein Pazifismus ist nicht Geschwätz, sondern Aufopferung für den Frieden.

Kritik an der Friedensbewegung ist so alt wie die Friedensbewegung selbst

Gleichwohl: Pazifisten gelten als die Narren der Nationen. Sie ziehen Gespött auf sich, ihre Rufe nach Abrüstung gelten als weltfremd und geschichtsvergessen - auch deshalb, weil, wie es heißt, Pazifismus wohl eine individuelle Entscheidung, aber keine Grundlage für das Handeln eines Staates sein könne. Die Kritik an der Friedensbewegung ist daher so alt wie die Friedensbewegung selbst. Daran haben Friedensnobelpreise, daran haben Vorbilder wie Bertha von Suttner, Carl von Ossietzky, daran haben auch ein Mahatma Gandhi und ein Martin Luther King nichts geändert. Pazifisten waren und sind Außenseiter; aber so randständig wie heute waren sie schon lange nicht mehr.

Es fällt ja wirklich schwer, den Zorn auf Putin zu zügeln, den kühlen Kopf nicht durch Hass zu ersetzen. "Liebe deine Feinde", steht in der Bergpredigt. Das schaffe ich nicht, das kann ich nicht. Aber ich weiß, dass Hass Gesellschaften zerfrisst. Der Hass entmenschlicht auch die Hasser. Die vom Hass Getroffenen hassen zurück. Sie hassen auch die Gruppe von Menschen, zu denen man den Täter rechnet, womöglich das ganze Volk, das er dirigiert.

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Eine solche monströse Dynamik darf es nicht geben. Gewiss: Man kann nicht die himmlischen Seligpreisungen zum Handlungsmaßstab der Anti-Putin-Allianz machen. Aber trotz aller Härte gegenüber Putin müssen wir die Zivilgesellschaft in Russland achten. Man kann den Gedanken der Völkerverständigung auf kommunaler Ebene pflegen, auch in Kinos, Theatern und in Konzerthäusern. Das ist der kleine Pazifismus. Er sagt: Waffen sind nicht die Wünschelrute für den Frieden.

Zum kleinen Pazifismus gehört das Bestreben, mit aller Kraft den Weg zu Friedensverhandlungen zu suchen. Wenn die Ostermärsche dafür werben, dann ist das ein gutes Werben. Wer den Frieden will, muss den Frieden vorbereiten. Das zu sagen, das zu fordern - das ist der kleine Pazifismus.

Deshalb ein drittes Geständnis. Ich bin ein Anhänger des kleinen Pazifismus. Frieden liegt nicht als Osterei im Nest. Der Frieden ist im Ukraine-Krieg ein noch ungelegtes Ei. Aber man kann das Nest schon einmal bauen, man kann die Materialien dafür sammeln; man kann also darüber verhandeln, wie man verhandeln könnte, so wie das vor 375 Jahren im Westfälischen Frieden gelungen ist. Ich hoffe auf ein solches Gelingen. Das ist meine Osterhoffnung 2023.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin / des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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NDR Info | Kommentar | 09.04.2023 | 09:25 Uhr