Sendedatum: 19.09.2013 22:05 Uhr  | Archiv

Der Familien-Clan aus New Orleans

von Henry Altmann
Der Saxofonist Branford Marsalis beim Jazz Festival Kattowitz/Polen am 22.11.2009 © dpa - Report Foto: Epa Pap Grygiel
1960 geboren, ist Saxofonist Branford Marsalis (Bild) der ältere Bruder des Trompeters Wynton.

In der letzten Folge der Jazzreihe Dirty Dozen über Familienbande im Jazz geht es um eine musikalische Dynastie: die Familie Marsalis aus New Orleans.

1994 zierte ein cooles Schwarzweiß-Konterfei Wynton Marsalis' das New York Times Magazine. Überschrift: "The New Jazz Age!" Wynton an der Trompete und sein Bruder Branford am Saxofon hatten die Jazzwelt erobert. Sie rochen nicht nach Schweiß sondern nach teurem Parfüm. Mit ihnen, den "Young Lions", war der Jazz ohne Gebrüll gut betucht in die klassische Konzerthalle eingezogen.

Wynton bleibt unbeirrbar

Ihr Vater, der Pianist Ellis Marsalis Junior, hatte schon viele Musiker in New Orleans ausgebildet und geprägt. Seine beiden ältesten Söhne haben einen Paradigmenwechsel eingeläutet - nicht als Rebellen, sondern als Revolutionäre. Im Unterschied zu ersteren, wollen diese nämlich dorthin, wogegen sie opponieren.

Der Trompeten-King Miles Davis hatte den "jungen Löwen" Wynton Marsalis 1986 in Vancouver noch von der Bühne geworfen, als dieser einsteigen wollte. Ein paar Jahre später zog Wynton dann mit einer Entourage von Jazz-Aposteln selbst als "Lion King" des Jazz durch New Yorker Clubs.

Ein Haus für den Jazz

1996 übernahm Wynton im New Yorker Lincoln Center die Jazzabteilung. 2004 bekam er für 150 Millionen Dollar drei Konzertsäle für den Jazz - nebst einem Gehalt von 800.000 Dollar.

"That's the house, that Wynton built", hieß es in der Jazz Community. Und bis heute tobt darin ein Hysteriker-Streit, eine Schlacht um die Deutungshoheit "Was ist Jazz"?

Louis Armstrong sagte noch: Sobald man Jazz definiere, sei es kein Jazz mehr. Wynton Marsalis als selbsternannter "Siegelbewahrer" des Jazz definiert ihn hingegen als "klassische Musik der Afro-Amerikaner" - aber eben nur dessen klassische Stile: New Orleans, Swing, Bebop.

The Marsalis Family: Struttin' with some Barbecue


Ellis Marsalis, (2001)

Ellis Marsalis (Piano), Branford Marsalis (Saxofon), Wynton Marsalis (Trompete), Delfeayo Marsolis (Posaune), Jason Marsalis (Schlagzeug)

Widerspricht Wynton Marsalis' "Blick zurück im Horn" also per se dem Wesen des Jazz als sich ständig erneuernder Musik? Am 4. August 2001 gab es an der University of New Orleans, der Wirkungsstätte von Ellis Marsalis Junior, eine Antwort: ein Familienkonzert des fünfköpfigen Clans. Es spielen Vater Ellis am Klavier, Branford am Saxofon, Wynton an der Trompete sowie die Brüder Delfeayo an der Posaune, Jason am Schlagzeug.

Scharf Gewürztes aus der New Orleans-Küche

Der Titel "Struttin' with some Barbecue" ist nun ein Klassiker, in dem die Stadt, die den Jazz vor 100 Jahren hervorbrachte, zehn Minuten lang "spricht" - mit Kunstfertigkeit und Verve. Aber sie spricht den Jazz auch ohne ihren "N'awlins" Yat-Akzent, sozusagen auf "Hochdeutsch". Dieser Jazz enthält alle seine scharfen und räudigen Zutaten, zubereitet in einer Dreisterne-Küche.

TV-Tatort-Professor Boerne alias Jan-Josef Liefers interpretierte mal ein Gustav-Mahler-Zitat: "Tradition ist nicht das Aufbewahren der Asche, sondern die Weitergabe der Streichhölzer." In diesem Sinne muss die Tradition der Marsalis Family zünden.

 

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Jazz | 19.09.2013 | 22:05 Uhr

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