Stand: 12.03.2009 19:17 Uhr Archiv

Dirty Dozen, Folge 7: Charlie Parker & Dizzy Gillespie "Jazz At Massey Hall"

von Wingolf Grieger
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Dizzy Gillespie

Niemand würde auf die Idee kommen, eine Jazz-Platte zu verfilmen. Was soll man da auch zeigen? Manche haben vielleicht eine ganz interessante Geschichte, aber ob die abendfüllend wäre? Aber, es gibt ein Album, das so voller Geschichten steckt, dass man daraus das Drehbuch zu einem Kinofilm von mindestens zwei Stunden Länge machen könnte.   

Das Exposé könnte etwa so aussehen: Zeit der Handlung - Anfang 1953. Eine Vereinigung von kanadischen Jazz-Liebhabern hat die Idee, ein All-Star-Konzert zu organiseren, in dem die großen Musiker des Bebop der 40er-Jahre einmal gemeinsam auf einer Konzertbühne stehen. Der Verein beauftragt einen Bassisten (besetzt von Charlie Mingus), diese Band zusammenzustellen, ein klassisches Bebop-Quintett, und es sollen wirklich die ganz Großen sein. Der Bassist nimmt Kontakt auf mit einem Trompeter (gespielt von Dizzy Gillespie), einem Pianisten (Bud Powell), einem Schlagzeuger (Max Roach). Nur der Saxofonist muss incognito bleiben; nennen wir ihn vorläufig "Charlie Chan".

Der Zufall will es, dass der Bassist ein eigenes Plattenlabel hat und er wird zu dem Konzert ein Tonbandgerät mitbringen. Der Termin wird festgelegt, es ist der 15. Mai 1953. Gebucht ist die Massey Hall in Toronto. Zu spät merken die Veranstalter, dass an diesem Abend auch der Kampf um die Box-Weltmeisterschaft Rocky Marciano gegen Jersey Joe Walcott angesetzt ist. Der Kartenverkauf läuft deshalb ziemlich schlecht. Und noch etwas macht die Veranstalter nervös: Die Musiker gelten als schwierig. Zwei sind in ziemlich schlechter Verfassung. Der Pianist war kurz vor dem Konzert erst aus dem Sanatorium entlassen worden und er ist an dem Abend vor dem Auftritt schon nicht mehr nüchtern. Der Saxofonist ist körperlich und seelisch ausgebrannt, er hat nicht mal ein eigenes Instrument. Das, was er spielen wird, ist ein Altsaxofon aus Plastik, geliehen beim örtlichen Musikalienhändler. Der Trompeter ist ein Spaßvogel und niemand weiß, ob er nicht vielleicht seine Clownerien ausleben wird auf der Bühne.

Wie im richtigen Leben

Dann geht es los. Die Band spielt die alten Bebop-Klassiker. Der Pianist irrlichtert durch die Harmonien und findet erst allmählich seine Spur. Bass und Schlagzeug versuchen, einen soliden Rhythmus zu liefern. Der Trompeter kaspert herum und geht zwischendurch hinter die Bühne - er will wissen, wie der Boxkampf steht. Der Saxofonist findet schließlich zu seiner alten Form zurück. Das Tonbandgerät läuft und nimmt all das auf und es ist großartig. Was niemand gedacht hatte: Die Musiker waren über sich hinausgewachsen. Die Tonqualität ist nicht die allerbeste - der Bass ist schlecht zu hören; der Bassist wird seine Stimme im Studio später noch einmal draufspielen.

1955 erscheint das Album unter dem Titel "Jazz at Massey Hall" mit Dizzy Gillespie, Bud Powell, Charlie Mingus und Max Roach. Aber bis zum Schluss bleibt die Frage, wer sich wohl hinter dem Pseudonym des Altsaxofonisten, "Charlie Chan" verbirgt.

Tja - es wird diesen Film wohl nie geben - aber die Musik, die gibt es. Fragen Sie doch mal im Schallplattenhandel nach "Jazz at Massey Hall"!

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Jazz | 12.03.2009 | 22:05 Uhr