Stand: 10.03.2009 15:10 Uhr  | Archiv

Dirty Dozen, Folge 1: Miles Davis "Kind of Blue" (1959)

von Marianne Therstappen
Miles Davis, Jazz-Musiker © picture alliance Foto: Binder
Miles Davis

Für ein ganz junges Ding wie mich damals war der Film "Fahrstuhl zum Schafott" 1957 nicht wegen der irre spannenden Story, nicht wegen der Schauspieler, nicht wegen des Mercedes mit den Flügeltüren ein Schlaf raubendes Erlebnis, sondern wegen der Musik - der Musik des Trompeters Miles Davis. Dann kam knapp ein Jahr später seine Interpretation von Gershwins Oper "Porgy And Bess" heraus. "Summertime," von Miles Davis interpretiert, hob auch George Gershwin in mein altkluges oder frühreifes Verständnis von Jazz.

Ich hatte als Schülerin nie das Geld, überhaupt auch nur ein Album zu kaufen, aber zum Jazzhören kam ich nach der Schule fast jeden Tag in einen inzwischen längst verschwundenen Hamburger Plattenladen, der noch mit hölzernen Einzelkabinen ausgestattet war. Und immer fand ich einen Stapel der Neu-Erscheinungen vor. Eines Tages war das Album "Kind of Blue" dabei. Und "Kind of Blue" wurde für mich zum Inbegriff dessen, was ich fortan mein Leben lang hören wollte. Ich konnte meine Liebe zu dieser Musik damals nicht erklären, nicht analysieren. Zwar las ich die "Liner Notes" auf der Plattenhülle. Aber der Text interessierte mich noch nicht so sehr. Mit geschlossenen Augen gab ich mich dem Fluss der Improvisationen hin, von einem Titel zum nächsten. Kein exzessiver Ausbruch sorgte für den inneren Aufruhr. Der entstand eher durch die verhaltene Spannung innerhalb der Musik.

Töne treffen Sehnsüchte

Es beginnt - fast suchend - nur mit dem leisen Dialog zwischen dem Pianisten Bill Evans und dem Bassisten Paul Chambers; Schlagzeuger Jimmy Cobb gesellt sich dazu, die Suche mündet im Zweiton-Schritt "So What!"  Bei angezogenem Tempo folgt das Bläser-Trio: Julian "Cannonball" Adderley, Altsaxofon, John Coltrane, Tenorsaxofon, und Miles Davis, Trompete, mit demselben Zweitonschritt, im Wechsel auch eine Tonart höher. Und dann tritt Miles als Solist hervor, Bass und Schlagzeug geben deutlich mehr Druck, während das Klavier noch verhalten bleibt.

Auch die Saxofonisten, ganz eigenen Linien folgend, bannen den Zuhörer. Die Töne treffen Sehnsüchte - nach etwas Großem, Weitem - Unerklärlichem. Und die Musik schwingt. Manchmal schwebt sie, kehrt zurück zum Thema. "So What" endet mit einer Ausblende. Der Rhythmus bei "Freddie Freeloader" holt mich auf den Boden zurück. Einzig bei dieser Komposition sitzt Wynton Kelly statt Bill Evans am Klavier. Die Soli der Bläser heben mich wieder empor. Bei dem lyrischen "Blue in Green" kommen die zwei Farben ins Spiel. Monochrome Bilder wie die des Malers Mark Rothko erwachen im Geiste. Die Musik verlangt nach viel Raum.

All that blues

Miles Davis: Kind of Blue, CD-Cover (Ausschnitt) © picture alliance
Miles Davis

In einer ehemaligen Kathedrale an der 30. Straße in New York wurde von Columbia Records ein Studio eingerichtet. Dort fanden am 2. März 1959 die ersten drei Aufnahmen dieses Albums statt. Aus Zeitgründen wurden die übrigen Titel wie "All Blues" - einer der schönsten Blues im Dreivierteltakt - und "Flamenco Sketches" erst einige Wochen später, am 22. April 1959, aufgenommen. Und längst wissen wir: "Kind of Blue" ist ein Gesamtkunstwerk, fast eine Suite. Das Album erschien erstmals 1960 bei CBS und ist inzwischen auch auf CD erhältlich.

Im Jahr 2000 veröffentlichte Ashley Kahn ein lesenswertes, reich bebildertes, auch ins Deutsche übersetzte Buch über die Entstehung der Musik, "Kind of Blue." Auf einer DVD dokumentiert, begründen namhafte Jazzgrößen, warum gerade dieses Album den einmaligen Stellenwert im Jazz hat.  

Bei einer Pressekonferenz mit Miles Davis in den 80er-Jahren in Den Haag stellte eine extrem junge Dame, außer mir die einzige Frau im Kreise männlicher Kollegen, die Frage: "Miles, what, do you think, is jazz?" Miles presste den Zeigefinger an seinen Nasenflügel, schnob, blickte hinter den überdimensionalen Gläsern seiner obligaten Sonnenbrille in eine andere Richtung und sagte trocken und heiser: "Next question, please!"

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Jazz | 10.03.2009 | 22:05 Uhr

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