Stand: 17.05.2019 14:15 Uhr

Paten helfen Kindern aus belasteten Familien

von Elisabeth Weydt, NDR Info

Kinder lernen von Vorbildern. Doch was, wenn Eltern kaum Zeit haben? Oder kaum Geld, um ihren Kindern Erfahrungen zu ermöglichen? In manchen Familien ist schon ein Tagesticket mit dem öffentlichen Nahverkehr ein Luxusgut. Die Hamburger Ehlerding Stiftung hat deshalb ein Programm entwickelt, das Kinder aus sozial schwächeren Familien mit einem Paten oder einer Patin zusammen bringt, damit sie regelmäßig Zeit miteinander verbringen können. Die "NDR Info Perspektiven" haben ein solches Patenschaftspaar für einen Nachmittag begleitet und berichten über die Hintergründe.

Das Hamburger Projekt mitKids will die Rahmenbedingungen verbessern, möchte ihnen positive Erlebnisse ermöglichen. Sie setzen schon in den frühen Lebensjahren an und unterstützen Kinder aus schlechter gestellten Familien durch die gezielte Vermittlung von Patinnen und Paten. Ilyassou ist eines von diesen Kindern. Ihre Patin Vera Geiger geht gern mit ihr ins Schwimmbad. Seit einem Jahr treffen sich die beiden regelmäßig einmal die Woche für ein paar Stunden.

Ein Mädchen und ihre Patin verbringen gemeinsam Zeit. © NDR/ Eliesabeth Weydt Foto: Elisabeth Weydt

Gemeinsam Spaß haben und voneinander lernen

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Die Hamburger Ehlerding Stiftung hat ein Programm entwickelt, das Kinder aus sozial benachteiligten Familien mit einem Paten oder einer Patin zusammenbringt.

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Berufstätige Eltern und eine große Familie

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Bei einer Portion "Schwimmbad-Pommes" erzählt Illyasou, was sie diese Woche schon erlebt hat.

Die elfjährige Ilyassou ist Muslima und liebt es, zu schwimmen. Sie lebt in einer großen Familie mit fünf Geschwistern. Ihr Vater stammt aus dem Senegal, ihre Mutter aus einer türkischen Familie. Später bei der obligatorischen "Schwimmbad-Pommes" rot-weiß erzählt Ilyassou, dass ihre Eltern mittlerweile getrennt lebten, aber sich noch ganz gut verstünden. Sie hätten nur so wenig Zeit: "Meine Eltern müssen eben viel arbeiten, und dadurch verlieren sie natürlich auch Zeit für anderes. Wenn mein Vater kommt, muss er sich auch um meine anderen Geschwister kümmern und hat nicht nur Zeit für mich. Das ist eben manchmal so. Meine Eltern arbeiten in der Altenpflege. Der Beruf ist ja auch ziemlich anstrengend und macht sehr müde."

Ehrenamt trotz Vollzeit-Job

Ein Mädchen und ihre Patin verbringen gemeinsam Zeit. © NDR/ Eliesabeth Weydt Foto: Elisabeth Weydt

Hilfe für benachteiligte Kinder

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Ein Programm der Hamburger Ehlerding Stiftung bringt Kinder aus sozial schwächeren Familien mit Patinnen oder Paten zusammen. Ein Beitrag aus der Reihe "NDR Info Perspektiven".

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Vera Geiger ist 28 und auch manchmal kaputt von ihrem 40-Stunden-Job als Personalentwicklerin. Ihre Familie aber lebt in Freiburg, sie hat keine Kinder und deshalb ein bisschen Zeit übrig: "Was mich so angesprochen hat, war, dass ich was ganz Konkretes tun kann, statt einfach etwas zu spenden. Ich mag Kinder total gern und meine Lebenssituation Ende 20, hat nicht so viel mit Kindern, sondern viel mit Karriere und Arbeiten zu tun. Ich finde es klasse, dass es darum geht eine Bereicherung zu sein, auch für die Familie." Ilyassou fand Vera sofort sympathisch und hat sie mit der Zeit mehr und mehr ins Herz geschlossen. Mittlerweile gehöre Vera schon fast zur Familie, erklärt sie.

Paten sind im Alltag dabei

Das mitKids-Programm der Hamburger Ehlerding-Stiftung hat in den vergangenen zwölf Jahren rund 400 Patenschaften ermöglicht. Neben Hamburg gibt es auch Standorte in Bremerhaven und Bremen. Projektkoordinatoren besuchen die willigen Paten zu Hause und überlegen, welcher Erwachsene am besten mit welchem Kind harmonieren könnte. Dann gibt es Probetreffen und meistens entsteht eine längere Verbindung. Manch eine besteht schon seit zehn Jahren, andere lösen sich nach dem ersten obligatorischen Jahr wieder auf, erzählt Bettina Jantzen, die Projektleiterin. Aktuell warten rund 80 Kinder auf neue Paten. "Die Kinder, die wir unterstützen, haben es nicht immer ganz einfach im Leben. Paten können einmal in der Woche ein paar Stunden mit einem Kind Zeit verbringen und so die Welt entdecken. Das sind ganz einfache alltägliche Dinge und durch diese gemeinsamen Unternehmungen lernt das Kind Neues kennen und wird ein bisschen mutiger, findet sich dann besser zurecht, traut sich dann auch in anderen Bereichen Neues auszuprobieren", erklärt Jantzen.

Schulische Leistungen verbessern sich

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Am liebsten gehen Patin und Patenkind gemeinsam ins Schwimmbad.

Ilyassou sagt, das merke sie sogar in der Schule, obwohl sie und Vera Geiger eigentlich nie zusammen Schularbeiten machen würden. "Meine Noten haben sich verbessert, weil ich im Unterricht viel mehr aufgepasst habe, und nicht mehr so viel gequatscht habe. Ich glaube, das kommt auch dadurch, dass sich in meiner Umgebung durch Vera auch was verändert hat. " Vera sei eine Person, die ihr zuhöre. Wenn sie sich mit ihr treffe, würde sie ihre Hausaufgaben oft schon vorher erledigen.

Beide Seiten profitieren

Auch Vera Geiger sagt, sie hätte viel gelernt im vergangenen Jahr mit Ilyassou, bei der sie auch manchmal zum Abendessen oder bei Familienfesten vorbei schaut: "Ich habe einen Wahnsinnsrespekt vor Ilyassous Eltern, die mit so viel Arbeit und vielen Kindern trotzdem so ein schönes Familienleben möglich machen. Ich bin wirklich beeindruckt, wie man mit so vielen Kindern und die Familie mit so viel Ruhe durchs Leben navigieren kann. Davon habe ich auf jeden Fall eine ganze Menge gelernt." Vera Geiger freut sich auch darüber, wie offen und herzlich sie von der Familie aufgenommen wurde. Die Dankbarkeit und Freude der Familie ihrem Engagement gegenüber sind eine zusätzliche Motivation für ihre Arbeit.

Herkunft spielt in Deutschland eine große Rolle

Ob die Familie wohlhabend ist oder arm - gebildet oder ungebildet, entscheidet immens darüber, welches Leben man später einmal führen wird. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern kostet der soziale Aufstieg in Deutschland besonders viel Kraft und Anstrengung. Nur wenige meistern ihn. Was man lernt, wie man arbeitet, wie man lebt und selbst wann man stirbt - das alles wird beeinflusst von der Familie, in die man hinein geboren wird.

Das lässt sich auch anhand von Zahlen belegen: Während 79 Prozent der Kinder mit Akademikereltern an die Universität gehen, gelingt das lediglich 27 Prozent der Kinder, deren Eltern keinen Hochschulabschluss haben. Die Zahlen stammen vom Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung. Laut einer OECD-Studie zum Thema dauert es in Deutschland rund sechs Generationen, bis die Nachkommen einer einkommensschwachen Familie das Durchschnittseinkommen erreichen. In Dänemark sind es im Gegensatz dazu nur zwei Generationen.

Das Robert-Koch-Institut wiederum hat die Zahlen acht und zehn ins Feld des sozialen Aufstiegs geführt. Hier geht es um die Lebenserwartung zwischen der untersten Einkommensgruppe und den Spitzenverdienern. Laut einer Studie des Instituts liegen demnach mehr als acht Jahre Unterschied in der Lebenserwartung bei Frauen und mehr als zehn Jahre bei Männern.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | NDR Info Perspektiven | 20.05.2019 | 14:57 Uhr

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