Stand: 23.07.2018 16:32 Uhr

#FakeScience - Fragen und Antworten

Zu der Recherche zu #FakeScience haben die beteiligten Redaktionen verschiedene Fragen erreicht. Hier beantworten sie einige davon.

Wie kam der Hashtag #FakeScience zustande?

Unsere Berichterstattung zielte darauf, einen gravierenden Missstand zu beleuchten, ein Geschäftsmodell, das unseriöse Wissenschaft befördert. Darauf bezieht sich der Begriff "Fake Science".

Wir verwenden den Begriff "Fake Science", um deutlich zu machen, dass es sich bei den veröffentlichten Publikationen um scheinwissenschaftliche Publikationen handelt - das heißt um Publikationen, die vorgeben ("faken"), wissenschaftlich ("science") zu sein, indem sie angeben, den Prozess des "Peer Review" durchlaufen zu haben.

Der Begriff kritisiert "Wissenschaft", die tatsächlich keine Wissenschaft ist. Die Anbieter dieses Geschäftsmodells untergraben damit das Vertrauen in seriöse Forschung. Wenn etwas Fake ist, muss man es auch Fake nennen.

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Dossier: Das Geschäft mit der Wissenschaft

In den vergangenen Jahren hat sich eine akademische Scheinwelt entwickelt: Schlechte oder sogar gefälschte Studien werden als Wissenschaft ausgegeben. Eine investigative Recherche. mehr

Wir verstehen, dass sich viele Wissenschaftler angegriffen fühlen. Auch die oft konstruktive Kritik spricht dafür, dass Kontrollmechanismen der Wissenschaft funktionieren. Unser Ziel ist es ganz sicher nicht, die Wissenschaft unter Generalverdacht zu stellen. Doch mehr Wachsamkeit, Selbstkontrolle und grundsätzliche Debatte über wissenschaftliche Standards sind unserer Meinung nach notwendig, um das Phänomen der Raubverleger und Pseudo-Wissenschaft einzudämmen. Also öffentlich machen, wenn man selbst auf so einen Verlag hereingefallen ist und dadurch Kolleginnen und Kollegen warnen.

Dennoch nehmen wir den Einwand unserer Kritiker ernst. Gerade in diesen Zeiten sind eine sorgsame Abwägung und eine ruhige Sprache journalistische Pflicht. Wir glauben diesen Standard angesichts der dargelegten Beweggründe bei unserer Formulierung "Fake Science" beachtet zu haben.

Sind alle Studien gefälscht, die bei Raubverlegern erschienen sind?

Nein. Niemand weiß, ob die Studien  gut, mittelmäßig, schlecht oder falsch sind, weil es oft von niemandem geprüft wurde. Die Wissenschaft hat sich selbst strenge Regeln auferlegt. Zum wissenschaftlichen Publizieren gehört unter anderem, ein "Peer Review" zu durchlaufen, das heißt, die eigene Publikation von Kollegen des gleichen Faches prüfen zu lassen und gegebenenfalls nachzubessern.

Ist die Existenz von Raubverlegern nicht längst bekannt?

Hier muss man unterscheiden, wem diese Raubverleger und Scheinkonferenzen bekannt sind. Vielen engagierten Akademikern bestimmt. Doch viele Professorinnen und Professoren, Forschungsabteilungen und Institute haben erst durch unsere Recherchen von der Geschäftspraxis von Omics, Waset und anderen erfahren. Auch in der akademischen Welt ist das Problem also nicht allen bekannt. Und unsere Recherchen richten sich an die breite Öffentlichkeit, die von diesem Problem noch nie oder wenig gehört hat und die bei der Suche im Internet auf gefährliche Therapien, übertriebene Wirksamkeit von Medikamenten oder Leugnung des Klimawandelns mit wissenschaftlichem Anschein stoßen, die scheinbar gleichberechtigt neben seriöser Wissenschaft stehen. Neu ist im Übrigen das Ausmaß des Phänomens, das wir durch unsere Datenanalyse und Recherchen deutlich machen konnten.

Auf welcher Datengrundlage basiert die Recherche?

Die veröffentlichten Zahlen basieren auf einer groß angelegten Analyse von unterschiedlichen Plattformen scheinwissenschaftlicher Verlage. Dazu haben wir - vereinfacht - folgende Schritte gemacht.

1. Wir haben möglichst große, relevante Raubverleger ausgewählt anhand von Blacklisten wie der Cabbell's List und der Beall's List und anhand von Expertengesprächen. Die Auswahl der relevanten Verlage erfolgte dann nach der Anzahl der veröffentlichten Artikel. Das heißt, wir haben uns die Anzahl der veröffentlichten PDF-Dokumente auf den unterschiedlichsten Plattformen angeschaut.

2. Danach haben wir, gemeinsam mit unseren internationalen Partnern, unzählige Fake-Artikel eingereicht. Meistens waren das computergenerierte Artikel mit Hilfe von "Scigen". Zum Teil auch beim gleichen Verlag, in unterschiedlichen Journalen, zu unterschiedlichen Themen. Wenn wir damit durchgekommen sind, haben wir noch weitere Belege und Anzeichen dafür gesammelt, dass es sich bei den Verlagen auch tatsächlich um sogenannte Raubverleger handelt. Anzeichen sind zum Beispiel: eingereichte Non-Sense-Publikationen von anderen, wenn nicht kenntlich ist, wo der Verlag sitzt, es zum Beispiel nur Briefkasten-Adressen gibt, wenn Behörden bereits ermitteln.

3. Die fünf Raubverleger, die wir für die Datenrecherche am Schluss ausgewählt haben waren: Omics, Waset, Science Publications (SciPub), Sciencedomain und IOSR Journals. Mit Hilfe von Python-Programmen und dem Framework von "Scrapy" haben wir die Verlage zunächst "gescrapt". Das heißt, wir haben alle Metadaten der Artikel, die auf diesen Plattformen veröffentlicht wurden, herunter geladen - zum Beispiel die Titel der Artikel, Autor(en), Institution(en), Land und Jahr.

Wie wurden die Daten ausgewertet?

Die Daten wurden zunächst in einer Datenbank aufbereitet, um Doppelnennungen von Autoren, falsche Schreibweisen und Scrapingfehler zu bereinigen. Mit Hilfe der Programme "Linkurious" und "Tableau" wurden die Daten analysiert. "Linkurious" hilft dabei, Netzwerke und Verknüpfungen unter Autoren zu erkennen. Tableau ist ein reines Statistikprogramm, das die Aufschlüsselung nach Ländern und Institutionen aber auch Jahresverläufe möglich macht.

Wie setzt sich die Zahl von "mehr als 5.000" deutschen Wissenschaftlern zusammen?

Die Zahl "mehr als 5.000" Wissenschaftler bezieht sich auf alle Autoren einer deutschen Institution, die bei einem der drei ausgewählten Raubverleger - Waset, Omics oder Sciencedomain - veröffentlicht haben. Nur bei diesen drei Verlagen war eine Datenauswertung nach Ländern ohne weiteres möglich. Es handelt sich um alle deutschen Wissenschaftler, die bei diesen Verlagen in den letzten zehn Jahren veröffentlicht haben. Der größte Anteil stammt von Universitäten, gefolgt von Forschungseinrichtungen, weit dahinter dann von Unternehmen und Behörden. Die Zahl der "mehr als 5.000" ist unserer Ansicht nach sehr konservativ gewählt, weil sie sich "nur" auf drei Raubverleger und ihre Journale bezieht. Die Anzahl der scheinwissenschaftlichen Verlage wird auf mehrere Hundert geschätzt.

Heißt das nun, dass alle diese "mehr als 5.000" betrogen haben?

Nein. Der prozentuale Anteil derer, die dort wissentlich oder unwissentlich veröffentlicht haben, ist uns nicht bekannt. Wir haben allerdings mit zahlreichen Wissenschaftlern darüber gesprochen. Unser Eindruck aus den Gesprächen ist, dass eine überwiegende Anzahl dort unwissentlich veröffentlicht hat, es aber durchaus einige gibt, die gezielt dort veröffentlicht haben, weil es "einfacher" sei oder "schneller" gehe als bei seriösen Journalen.

Aber einige Journale oder Verleger waren vielleicht einmal vor vielen Jahren legitim und "wurden" erst zu Raubverlegern - haben Sie das berücksichtigt?

Ja, es gibt einzelne Journals, auch bei Raubverlegern, die einen funktionierenden Peer Review Prozess haben. Wir nennen sie "Alibi-Journals", mit denen dann die Raubverleger auch Werbung machen. Wir haben diese Journale identifiziert und auch mit den Editoren gesprochen.

Warum wird nicht einfach eine Namensliste der "mehr als 5.000" veröffentlicht?

Aus juristischen Gründen ist das nicht möglich. Wir müssten allen einzelnen Wissenschaftlern die Möglichkeit zur Stellungnahme einräumen. Im Rahmen unserer Recherche haben wir ausgewählte Personen, die dort zum Beispiel sehr oft veröffentlicht haben, angefragt und Institutionen mit den Veröffentlichungen "ihrer Wissenschaftler" konfrontiert. Die Liste der angesprochenen Institutionen ist auf den Webseiten der einzelnen ARD-Anstalten zu finden.

Wie viele Wissenschaftsjournalisten waren im #FakeScience-Team? Wer hat mitgearbeitet?

Sechs der beteiligten Journalisten sind Wissenschaftsjournalisten.

Fünf der beteiligten Journalisten sind Datenjournalisten/ Entwickler.

Die meisten recherchierenden Journalisten in diesem Projekt sind Investigativ-Journalisten.

Was sagen eigentlich die genannten Raubverleger dazu?

IOSR Journals hat auf unsere Anfragen nicht geantwortet.

Omics weist die Vorwürfe zurück und konstatiert, sie würden einen "Peer Review" durchführen. Die größte Verantwortung trügen die Autoren und Herausgeber.

Waset hat auf unsere Anfragen nicht geantwortet.

Scipub hat auf unsere Anfragen nicht geantwortet.

Sciencedomain weist die Vorwürfe zurück und konstatiert, sie würden einen "Peer Review" durchführen. Das alles seien Einzelfälle.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 19.07.2018 | 06:20 Uhr

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