Stand: 08.08.2019 15:23 Uhr

Warten auf Imame für Bundeswehr-Soldaten

von Julia Weigelt
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Soldaten besichtigen die blaue Moschee im afghanischen Mazar-e-Sharif.

Bevor Soldaten zum ersten Mal in den Auslandseinsatz gehen, bereiten sie sich und ihre Angehörigen auch auf den Fall vor, dass sie verwundet oder getötet werden könnten. Sie machen ihr Testament, viele auch eine Patientenverfügung. Für muslimische Soldaten ist dieser beängstigende Teil der Auslandsvorbereitung allerdings noch belastender, erzählt Leutnant zur See Nariman Hammouti. "Ich habe bei meinem Afghanistan-Einsatz 2008 eine 'Bedienungsanleitung' für meinen Chef geschrieben - und mein Leichentuch selbst mitgenommen."

Keine Kenntnis über muslimische Riten

Denn die Muslimin wusste: Die Bundeswehr hätte von islamischen Bestattungsvorschriften keine Ahnung gehabt. Sie hätte nicht gewusst, welches Gebet bei der Leichenwaschung gesprochen und wie ihr Körper ohne Uniform in ein weißes Leinentuch gewickelt werden muss. Und selbst um das Tuch musste sich die Marinesoldatin selbst kümmern. Zudem informierte Hammouti einen Imam über ihren bevorstehenden Auslandseinsatz und mögliche Folgen - nicht zuletzt für ihre Eltern, die Angst um ihre Tochter hatten.

Muslimische Soldaten benachteiligt

Es sind belastende Situationen wie diese, weshalb die 40-Jährige fordert: Die Bundeswehr braucht endlich Seelsorger für muslimische Soldaten. Dafür setzt sich Nariman Hammouti auch als Vorsitzende des Vereins "Deutscher Soldat" ein, in dem sich Soldatinnen und Soldaten mit ausländischen Wurzeln organisiert haben. "Wir sind nicht weniger wert als der christliche Kamerad oder die Kameradin", sagt die Offizierin. Und doch seien muslimische Soldaten benachteiligt; etwa, wenn deren Familien eine Todesnachricht überbracht werde. Die Fürsorge für die Angehörigen der muslimischen Kameraden sei in dem Moment nicht gegeben. Ein christlicher Seelsorger könne in dieser Situation einen Imam nicht ersetzen, sagt Leutnant zur See Hammouti.

Staatsvertrag als Voraussetzung?

Die Debatte über Imame bei der Bundeswehr werde seit mehr als 15 Jahren geführt. Lange begründete das Verteidigungsministerium seine Absage an muslimische Soldaten damit, es müsse erst 1.500 Soldaten einer Glaubensrichtung in den Streitkräften geben, bis es für sie einen Seelsorger gebe. Nachdem die Zahl muslimischer Soldaten jedoch zwischenzeitlich auf 3.000 geschätzt wurde, tauchte ein neues Argument auf: Weil muslimische Verbände - anders als Kirchen - keine Körperschaften öffentlichen Rechts seien, könne der Staat mit den islamischen Verbänden keinen Vertrag über die Militärseelsorge schließen.

Eine Argumentation, die Burhan Kesici allerdings nicht gelten lässt. Der Verbandsvorsitzende des Islamrats für die Bundesrepublik Deutschland sagt, wenn der Staat möchte, dann könne er auch in bestimmten Bereichen zusammenarbeiten, auch wenn kein Körperschaftsstatus vorhanden ist. "Diesen Körperschaftsstatus führt man immer an, wenn man nicht kooperieren möchte." Dabei habe es vor rund zwei Jahren zunächst vielversprechend ausgesehen, sagt der Politikwissenschaftler Kesici. 

Pragmatismus gefordert

Ein Grund für die Zurückhaltung könnte allerdings beim Islamrat selbst liegen. Als einer von mehreren islamischen Dachverbänden ist er zwar Teilnehmer der deutschen Islamkonferenz. Einer seiner Mitgliedsvereine ist jedoch die vom Verfassungsschutz beobachtete Organisation Millî Görüş, der radikal-islamistische Positionen vorgeworfen werden.

Es ist also kompliziert. Tobias Linder, Bundestagsabgeordneter der Grünen, forderte daher mehr Pragmatismus. Die gesamte Debatte sei ein typisch deutsches Problem. Bei anderen Armeen gehe das ja auch. So gibt es Militär-Imame etwa beim österreichischen Bundesheer. Wenn Deutschland aus rechtlichen Gründen keinen Staatsvertrag mit muslimischen Verbänden schließen könne, müssten halt andere Lösungen her, sagt Lindner. Man könne auch über Gestellungsverträge oder sonstige Konstrukte dafür sorgen, dass Seelsorge für muslimische Soldaten geleistet werden könne. "Die Angehörigen, die muslimischen Glaubens sind, sollen sich auch aufgehoben fühlen in den Streitkräften. Muslime, die in der Bundeswehr dienen, sind ja keine Soldaten zweiter Klasse."

Militärrabbiner schon 2020

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Für jüdische Bundeswehr-Soldaten wird es schon demnächst Rabbiner geben.

Eine Linie, die mittlerweile auch das Verteidigungsministerium vertritt - spätestens nach der Zusage der damaligen Ministerin Ursula von der Leyen (CDU) vom April. Demnach soll es zukünftig neben den rund 100 evangelischen und gut 70 katholischen Militärpfarrern auch muslimische und jüdische Militärseelsorger in den Streitkräften geben.

Schwung in die Debatte brachte im Februar der Wunsch des Zentralrats der Juden, Militärrabbiner für die rund 300 jüdischen Bundeswehrsoldaten einzustellen. Damit solle an eine Tradition aus der Zeit vor dem Nationalsozialismus angeknüpft werden. Einen entsprechenden Staatsvertrag handelt das Verteidigungsministerium nach eigenen Angaben gerade mit dem Zentralrat der Juden aus. Die ersten Militärrabbiner sollen schon nächstes Jahr eingestellt werden.

Voraussetzungen an Militär-Imame

In Sachen Militär-Imame herrscht jedoch weiter Unklarheit. Das Ministerium prüfe Einzelvereinbarungen mit muslimischen Gemeinschaften und Verbänden oder auch mit Einzelpersonen, teilte ein Sprecher auf Anfrage von NDR Info mit. Der Arbeitsbeginn muslimischer Militärseelsorger sei jedoch derzeit nicht absehbar.

Die Voraussetzungen sind jedenfalls klar: Militär-Imame müssen gut Deutsch können, einen in Deutschland anerkannten Hochschulabschluss in islamischer Theologie besitzen und in deutschen Gemeinden Erfahrungen gesammelt haben. Außerdem müssen sie eine Sicherheitsüberprüfung durchlaufen. Was die neue seelsorgerische Vielfalt in den Streitkräften kosten wird, steht laut Ministerium noch nicht fest. Für die christliche Militärseelsorge hat das Verteidigungsministerium im vergangenen Jahr 43 Millionen Euro ausgegeben.

Der Bedarf wird immer größer

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Gerade in Auslandseinsätzen haben Soldaten oft das Bedürfnis, auch mit einem Militärseelsorger zu sprechen.

Leutnant zur See Narima Hammouti ist skeptisch, dass es schon bald Seelsorger für islamische Soldaten geben wird. Sie ist genervt von der Bundeswehrbürokratie im Schneckentempo, während der Bedarf in der Truppe immer größer werde. Etwa, wenn traumatisierte islamische Kameraden aus dem Einsatz zurück nach Deutschland kämen. Sie könnten schnell in die Fänge von Salafisten geraten, wenn sie nach geistigem Beistand oder dem Sinn des Lebens suchten. "Deswegen sollten wir selbst dafür sorgen, dass unsere Soldaten richtig betreut werden."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Streitkräfte und Strategien | 10.08.2019 | 19:20 Uhr