Stand: 15.06.2019 19:20 Uhr

Veteranendefinition - nur eine Wortklauberei?

von Julia Weigelt
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Soldaten, die im Gefecht standen, sind Veteranen, aber auch ihre Kameraden, die nie im Auslandseinsatz waren.

Mehr Verständnis und Anerkennung für Soldaten, vor allem für die, die im Auslandseinsatz waren - das wünschen sich nicht nur der ehemalige Hauptmann Christian Weber, sondern viele weitere Bundeswehrangehörige. Dabei helfen soll der Status Veteran, um den in Deutschland jedoch seit Jahren eine emotionale Debatte geführt wird. Vorläufiger Höhepunkt: Die Definition von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen vom November. Sie ordnete per Tagesbefehl an: Veteranen sind alle aktiven und alle ehrenhaft ausgeschiedenen Bundeswehrsoldaten. Das sind - je nach Schätzung - zwischen zehn und elf Millionen Deutsche. Ehemalige Soldaten der Nationen Volksarmee der DDR sind demnach keine Veteranen.

Unmut bei Soldaten

Hauptmann a.D. Christian Weber, der zum Thema "deutsche Veteranen" promoviert hat, kritisiert diese Festlegung. Für ihn ist es "eine Nicht-Definition, die jede Festlegung vermeidet und am Ende elf Millionen aktive und ehemalige Soldaten zu Veteranen macht, die das auch selbst für sich gar nicht in Anspruch nehmen würden." Er glaubt: "Hier wurde eine Definition gefunden, die am eigentlichen Bedarf vorbeigeht."

Auch andere ehemalige und aktive Soldaten sind unzufrieden mit dieser Festlegung. Aber die Verteidigungsministerin wollte wohl einen Schlussstrich unter eine seit Jahren andauernde Debatte ziehen.

 Andere Definition von de Maizière

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Für den damaligen Verteidigungsministser de Maizierè war ein Auslandseinsatz eine Voraussetzung für den Veteranen-Status.

Der frühere Verteidigungsminister Thomas de Maizière scheiterte in mehreren Anläufen, den Begriff Veteran offiziell zu definieren. 2012 hatte der CDU-Politiker zwar erklärt, Veteranen seien für ihn ehemalige Soldaten mit Einsatzbezug. Gleichzeitig besorgte das Verteidigungsministerium hoffnungsvoll 10.000 Veteranenabzeichen - doch die lagern bis heute in dunklen Kellern. Denn de Maizière konnte sich mit seinen Vorstellungen nicht durchsetzen.

Angst vor Spaltung

Es gab Bedenken, seine Definition könnte zu einer Spaltung der Bundeswehr führen: in Soldaten, die an Auslandseinsätzen teilgenommen haben, und Soldaten, die lediglich an Standorten in Deutschland ihren Dienst ausübten. Widerstand gab es unter anderem vom Bundeswehrverband, der Interessenvertretung der Soldaten. Weber weist darauf hin, dass die Verbände unterschiedliche Interessen verfolgten.

"Der Bund deutscher Einsatzveteranen hat gefordert, dass es nur Soldaten sein sollen, die auch tatsächlich im Auslandseinsatz eingesetzt waren. Der Bundeswehrverband wollte, dass alle Angehörige - das hat ja auch am Ende geklappt - als Veteranen gelten. Und beim Reservistenverband ging es darum, die ehemaligen Soldaten in den Vordergrund zu stellen und auch diejenigen nicht zu vergessen, die auch schon vor den Auslandseinsätzen in der Bundeswehr gedient haben."

Nur nach Auslandseinsatz ein echter Veteran?

Der ehemalige Offizier fordert: Veteranen sollten alle ehemaligen Soldaten sein, die im Auslandseinsatz waren. Das seien in Deutschland rund 500.000 Männer und Frauen. Doch die Verteidigungsministerin hat sich für eine breite Definition entschieden, nach der praktisch jeder ehemalige und aktive Soldat ein Veteran ist.

Doch diese Definition ist umstritten. Der Bund deutscher Einsatzveteranen ist damit nicht einverstanden, sagt deren Sprecher Jan-Philipp Krüger. "Wir hätten gerne, dass alle ehemaligen Soldaten Veteranen sind, und alle ehemaligen Soldaten mit Einsatzerfahrung Einsatzveteranen sind."

Reservistenverband ist zufrieden

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Auch Reservisten sind jetzt Veteranen - mit oder ohne Auslandseinsatz.

Anders der Reservistenverband: Er hat kein Problem mit der ministeriell verordneten Definition. Fabian Forster, der beim Reservistenverband für das Thema Fürsorge zuständig ist, glaubt, dass "der wesentliche Vorteil an der jetzigen Definition ist, dass niemand ausgeschlossen wird. Niemand verliert etwas, alle gewinnen etwas."

Forster ist zufrieden, dass sich die Bundeswehr jetzt endlich zu einer Definition durchringen konnte. Das sei aber keineswegs das Ende der Diskussion. Im Gegenteil: Es sei der Anfang. Denn für den Reservistenverband muss es jetzt als nächsten Schritt konkrete Maßnahmen für eine bessere Versorgung und mehr Anerkennung von Veteranen geben.

Kritiker: Definition bringt nichts

Der früheren Hauptmann Weber glaubt allerdings, dass das Ministerium mit der Definition seinem Ziel, Soldaten mehr Anerkennung zu verschaffen, kaum näher gekommen ist. Denn es sei unklar, was jetzt nach der Definition passieren solle.

Als Beispiel wird die Versorgung körperlich und seelisch verwundeter Soldaten genannt. Zwar haben diese nach dem Ausscheiden aus den Streitkräften das Recht, auf Wunsch wieder eingestellt zu werden, sagt der ehemalige Offizier. Das garantiere finanzielle Sicherheit und ärztliche Versorgung. "Aber es gibt ja auch viele Soldaten, die sagen: 'Eigentlich möchte ich mit der Bundeswehr gar nichts mehr zu tun haben, weil das die Organisation ist, die mir das angetan hat.' Und auch die Familien sagen: 'Wir wollen nicht, dass unser Mann, Freund, Vater wieder zur Bundeswehr geht.' Und für die ist es tatsächlich schwer, außerhalb der Bundeswehr Hilfe zu bekommen."

Veteranentag gefordert

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Viele Soldaten in Auslandseinsätzen vermissen eine Wertschätzung ihres Dienstes durch die Gesellschaft.

Um die gesellschaftliche Wertschätzung und Anerkennung der Soldaten zu verbessern, plädiert Jan-Philipp Krüger vom Bund deutscher Einsatzveteranen für die Einführung eines Veteranentages, "der aber nicht so sein soll, dass Paraden stattfinden, sondern dass man einen Bürgerdialog und Aufklärung betreibt. Dass man zum Beispiel darüber spricht: Was hat man im Kosovo getan, was hat man in Afghanistan getan?"

Auch der Reservistenverband setzt auf einen Veteranentag. Der Vorschlag ist nicht neu. Auch der frühere Verteidigungsminister de Maizière hatte so einen Tag bereits angeregt. Ein Veteranentag wäre zwar ein Symbol der Anerkennung – ob sich damit gesellschaftlicher Wandel erzielen ließe, ist jedoch fraglich.

Veteranenabzeichen als öffentliches Zeichen

Das Anliegen der Veteranen ist, in der Öffentlichkeit sichtbar werden. Forster vom Reservistenverband fordert die Einführung eines Veteranenabzeichens. "Dabei geht es nicht um einen Orden, sondern darum, Personen, die in der Bundeswehr gedient haben, die also Veteran sind, die Möglichkeit zu geben, das auch öffentlich zu zeigen."

Neues Gremium Veteranenrat

Um weniger gegen und mehr miteinander zu arbeiten, hat sich der Reservistenverband mit drei kleineren Vereinen zu einem sogenannten Veteranenrat zusammengetan. Die Erwartung ist, auf diese Weise zumindest den vorhandenen Gemeinsamkeiten mehr Nachdruck verleihen zu können. Der Bundeswehrverband, die Interessenvertretung der Soldaten, der sich mit seiner Forderung nach einem umfassenden Veteranenbegriff beim Verteidigungsministerium durchsetzen konnte, macht bei dem neuen Gremium nicht mit. Das Bundesvorstandsmitglied Oberstabsfeldwebel a.D. Armin Komander begründet das auf Nachfrage von NDR Info damit, dass der Verband sich bereits bei einem "Beraterkreis Veteranen" des Verteidigungsministeriums engagiere. Eine Parallelorganisation zu etablieren, hält der Verband für nicht zielführend.

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Streitkräfte und Strategien | 15.06.2019 | 19:20 Uhr