Stand: 24.01.2019 13:49 Uhr

Unrühmliches Ende der "Gorch Fock"?

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Die "Gorch Fock" wurde 1958 getauft. Sie ist das älteste Schiff der Deutschen Marine.

Das Segelschulschiff "Gorch Fock" ist mittlerweile 60 Jahre alt und damit das älteste Schiff der Marine. Die Bark wurde 1958 gebaut - für acht Millionen DM. Das Schiff dient der Marine zur Ausbildung ihrer Offiziersanwärter. Inzwischen sind mehr als 15.000 Kadetten darauf ausgebildet worden. Die Zeit auf dem Schiff soll das Teambuilding der Offiziersanwärter fördern. Die Kadetten leben auf engstem Raum zusammen, sind aufeinander angewiesen. Außerdem lernen sie die Naturgewalten auf hoher See kennen. Anders als die Deutsche Marine halten viele andere NATO-Seestreitkräfte ein Segelschulschiff für diese Art der Ausbildung nicht für notwendig. So verfügen weder die US-Navy noch die Royal Navy über ein Segelschulschiff.

Aus Sicht der Deutschen Marine ist die "Gorch Fock" für die Ausbildung jedoch unabdingbar. Für die Marineführung stand sie bisher nie zur Disposition. Vereinzelte Stimmen, die sich für Alternativen einsetzen, fanden kein Gehör.

Fass ohne Boden

Mit zunehmendem Alter ist die "Gorch Fock" immer reparaturanfälliger geworden. In den vergangenen 15 Jahren musste das Schiff sieben Mal in die Werft. Die Aufenthalte dort werden immer länger. Inzwischen wird das Segelschulschiff seit mehr als drei Jahren saniert. Die Kosten sind explodiert. Bei Beginn der Arbeiten Ende 2015 war noch von 10 Millionen Euro die Rede, dann von 76 Millionen Euro und im März vergangenen Jahres wurden die Kosten auf 135 Millionen Euro beziffert. Doch ob diese Summe ausreicht, darf mittlerweile bezweifelt werden. Das Schiff ist offenbar ein Fass ohne Boden.

Verteidigungsministerin von der Leyen gibt Pressekonferenz vor der zerlegten Gorch Fock. © dpa-Bildfunk Foto: Mohssen Assanimoghaddam

Von der Leyen: Gorch Fock in schwerem Fahrwasser

NDR Info - Infoprogramm -

Wie geht es weiter mit der Sanierung des Segelschulschiffes? Es seien noch viele Fragen offen, sagte Verteidigungsministerin von der Leyen in Bremerhaven nach einem Besuch der "Gorch Fock".

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Arbeiten ruhen zurzeit

Nachdem bekannt wurde, dass ein Mitarbeiter des Marinearsenals in Wilhelmshaven, der mit der "Gorch Fock" zu tun gehabt haben soll, unter Korruptionsverdacht steht, hat das Verteidigungsministerium Ende vergangenen Jahres einen Zahlungsstopp verhängt - bis zur Aufklärung der Vorgänge. Die Bundeswehr hat bisher allerdings schon knapp 70 Millionen Euro an die Werft gezahlt. Am 21. Januar machte sich die Verteidigungsministerin in Bremerhaven selbst ein Bild von dem maroden Segelschulschiff.

Vorwürfe des Bundesrechnungshofs

Für die Kostenexplosion hat der Bundesrechnungshof das Verteidigungsministerium mitverantwortlich gemacht. In dem in diesem Monat bekanntgewordenen Bericht bemängeln die Rechnungsprüfer, dass die Instandsetzung nicht angemessen vorbereitet worden sei. Die Bundeswehr habe keine Wirtschaftlichkeitsuntersuchung durchgeführt. Mit den Instandsetzungsarbeiten sei begonnen worden, bevor "die Befundung auf Mängel abgeschlossen war". Damit sei vor Beginn der Arbeiten nicht geklärt gewesen, ob die Instandsetzung der "Gorch Fock" sich insgesamt wirtschaftlich lohnen würde. Der Bundesrechnungshof hat dem Verteidigungsministerium zudem nahegelegt, "Abbruchkriterien zu definieren, um Kostenexplosionen zu vermeiden".

Ministerin in die Irre geführt?

Die seit Ende 2015 andauernden Reparaturarbeiten standen aufgrund der enormen Kostensteigerungen zweimal auf der Kippe. Die Verteidigungsministerin entschied Anfang 2017 und erneut im Frühjahr 2018 aber, die Arbeiten fortzusetzen. Die Entscheidung von Ursula von der Leyen basierte jeweils auf Leitungsvorlagen, die nach Ansicht der Rechnungsprüfer auf falschen Annahmen beruhten beziehungsweise fehlerhaft waren.

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Das Segelschulschiff musste in den vergangenen Jahren immer öfter in die Werft geschleppt werden.

Ende 2016 - das Segelschulschiff war rund ein Jahr in der Werft - hatte sich ein Anstieg der Kosten auf über 60 Millionen Euro abgezeichnet. Der Projektleiter hielt daraufhin eine Entscheidung über das weitere Vorgehen für notwendig. Das zuständige Referat im Verteidigungsministerium ging in seiner Vorlage schließlich von erwartbaren Kosten in Höhe von maximal 75 Millionen Euro aus. Darin sei auch ein "worst case" inklusive Risikozuschlag eingeschlossen. Die Rechnungsprüfer kritisieren, diese Annahme sei falsch, weil nicht alle erwartbaren Kostenschätzungen einbezogen worden waren. Die Instandsetzungsarbeiten wurden aufgrund dieser - fehlerhaften - Leitungsvorlage schließlich fortgesetzt.

Ursula von der Leyen sagte im Januar 2017 nach ihrer Entscheidung, Kosten und Zeitaufwand seien genau abgewogen worden. Man werde schließlich ein  "prachtvolles Segelschiff weit über 2030 haben". Trotzdem stiegen die Kosten weiter an - gegen alle Erwartungen und Berechnungen des Verteidigungsministeriums. Die Bundeswehr musste sich erneut korrigieren.

Neubau auf 170 Millionen taxiert

Im März 2018 ging der zuständige Referent schließlich von Instandsetzungskosten in Höhe von 135 Millionen Euro aus. In einer neuen Vorlage für die Leitung des Verteidigungsministeriums wurden drei Handlungsoptionen vorgelegt:

1. Abbruch der "Gorch Fock"-Instandsetzung und Neubau eines Segelschulschiffes, das bis zu 170 Millionen Euro kosten würde.

2. Fortsetzung der Arbeiten mit einer anderen Werft.

3. Fortsetzung der Arbeit mit der beaufragten Elsflether Werft AG.

Die Verteidigungsministerin entschied sich schließlich für Handlungsoption 3. Das heißt die Arbeiten wurden von der der bisherigen Werft fortgesetzt. Das erschien damals die günstigste Kostenoption zu sein. Das Ministerium teilte im März 2018 mit:

"Das Bundesministerium der Verteidigung hat entschieden, die Instandsetzung des Segelschulschiffes 'Gorch Fock' fortzusetzen. Die geschätzten Gesamtkosten belaufen sich auf bis zu 135 Millionen Euro. Diese umfangreiche Runderneuerung und Modernisierung des Dreimasters ermöglicht eine Nutzungsdauer über das Jahr 2040 hinaus. (…) Das Schiff wird der Marine im ersten Halbjahr 2019 wieder zur Verfügung stehen.“

Im Dezember war dann von Anfang 2020 die Rede. Ob das Schiff überhaupt wieder in See stechen wird, ist inzwischen allerdings zweifelhaft.

Falsche Annahmen auch in neuer Vorlage

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Die "Gorch Fock" hat immer wieder Windjammer-Paraden angeführt und war ein Publikumsmagnet.

Für den Bundesrechnungshof war auch die Leitungsvorlage vom März 2018 zweifelhaft. Kritisiert wird insbesondere die Annahme, ein neues Segelschiff würde bis zu 170 Millionen Euro kosten. Anders als von den Ministeriumsplanern angeführt gebe es keineswegs die Notwendigkeit, das neue Schiff mit Kojen statt mit Hängematten auszustatten. In diesem Zusammenhang war auch mit einem größeren Schiff kalkuliert worden - einem Viermaster. Die Rechnungsprüfer verwiesen zudem darauf, dass das Ministerium 2002 einen Neubau noch auf lediglich 25 Millionen Euro beziffert habe. Kritik übten sie auch an der Annahme des Ministeriums, bei einem Wechsel der Werft müsse die weitgehend zerlegte "Gorch Fock" wieder in einen verlege- und schleppfähigen Zustand versetzt werden, um sie zu dem neuen Auftragnehmer zu bringen. Der Hintergrund: Das Segelschulschiff liegt in einem Dock in Bremerhaven, das nicht der Elsflether Werft gehört. Wenn sich der Betreiber dieses Docks und eine neue Werft einigten, könne die "Gorch Fock" aber an seinem gegenwärtigen Standort verbleiben, so die Rechnungsprüfer. Ihre Bewertung der Leitungsvorlage: Es habe entweder "eine völlige Verkennung der Sachlage oder den unbedingten Willen zum Weiterbetrieb der Gorch Fock" gegeben.   

Stammbesatzung ohne Aufgabe

Der Rechnungshof rügt in seinem Report außerdem, dass ein großer Teil der rund 160 Frauen und Männer umfassenden "Gorch Fock"-Stammbesatzung während der Instandsetzungsarbeiten weiterhin am Schiff verbleibt. Begründet wird dies von der Marine unter anderem mit Wach- und Sicherungsaufgaben. Wöchentlich sind zwischen 40 und 80 Besatzungsangehörige vor Ort. Untergebracht sind sie auf dem Wohnschiff "Knurrhahn" der Marine. Die Rechnungsprüfer haben festgestellt, dass "nur wenige Personen aktiv" zur Instandhaltung der "Gorch Fock" beitragen können. Angesichts des Personalmangels in anderen Bereichen wurde die Marineführung daher aufgefordert, den Umfang der Besatzung während einer Werftliegezeit auf ein Minimum zu begrenzen.

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Die Reihe Streitkräfte und Strategien setzt sich kritisch mit Fragen der Sicherheits- und Militärpolitik auseinander. 14-tägig sonnabends um 19.20 und sonntags um 12.30 Uhr. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Streitkräfte und Strategien | 26.01.2019 | 19:20 Uhr