Stand: 09.09.2017 19:20 Uhr

Streit um Rotenburger Lent-Kaserne

Bild vergrößern
Die Lent-Kaserne könnte schon bald einen neuen Namen bekommen - gegen den Willen der Soldaten und Kommunalpolitiker.

Die Debatte um eine Umbenennung der Lent-Kaserne gibt es bereits seit längerer Zeit. Eine größere Aufmerksamkeit bekam sie in diesem Jahr, nachdem die Öffentlichkeit über mögliche rechtsextremistische Tendenzen in der Bundeswehr diskutierte. Anlass war die Festnahme eines Oberleutnants, der ein Doppelleben führte, und möglicherweise einen Anschlag auf Flüchtlinge plante. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) stellte schnell klar, dass die Wehrmacht nicht sinnstiftend für die Tradition der Bundeswehr sein könne. Ausnahme seien Soldaten, die im Widerstand waren.

Von der Leyen gegen Lent

In einer Rede beim Reservistenverband machte von der Leyen im Mai klar, dass der Name der Lent-Kaserne nicht zum Traditionsverständnis der Bundeswehr passt. Außerdem nahm sie Bezug auf eine andere Kaserne im schleswig-holsteinischen Appen:

"Am Tor der Kasernen stehen nach wie vor Namen wie Hans-Joachim Marseille oder Helmut Lent. Beide Namensgeber sind nicht mehr sinnstiftend für die heutige Bundeswehr. Sie gehören zu einer Zeit, die für uns nicht vorbildgebend sein kann."

Die Verteidigungsministerin kündigte zudem die Überarbeitung des Traditionserlasses von 1982 an. Der Grund: Sie sieht in der Truppe eine große Unsicherheit über die Handhabung des Erlasses. Außerdem habe er eine "gewisse Unschärfe". Schließlich sei er inzwischen 35 Jahre alt.

Rotenburger und Soldaten gegen Umbenennung

Die Stadt Rotenburg (Wümme) hat sich bereits im vergangenen Jahr im Stadtrat mehrheitlich dafür ausgesprochen, an der Bezeichnung "Lent-Kaserne" festzuhalten. Im Juni votierte auch der Rotenburger Kreistag für die Beibehaltung des Namens - trotz der klaren Positionierung der Verteidigungsministerin. Auch die Soldaten des Standortes sind gegen die Änderung des Namens.

Kathrin Rösel (CDU) vertritt Rotenburg (Wümme) im Bundestag. Sie hält die Entscheidung der Kommunalpolitiker für richtig. Die Region und die Soldaten könnten sich mit dem Namen Lent identifizieren. Die Bundestagsabgeordnete sieht keine Notwendigkeit, die Positionen zu ändern. Lent ist für Rösel kein Nazi. Der Name Lent sei nicht gleichzusetzen mit dem Nazi-Regime. Die CDU-Politikerin geht davon aus, dass Stadt und Landkreis auch nach der Überarbeitung des Traditionserlasses an dem bisherigen Kasernen-Namen festhalten werden.

Porträt Kathrin Rösel. © NDR Fotograf: Charlotte Horn

Rösel: Die Voten der Stadt und der Truppe stehen

NDR Info - Streitkräfte und Strategien -

Die CDU-Bundestagsabgeordnete Kathrin Rösel setzt sich für die Beibehaltung des Kasernen-Namens Helmut Lent ein - auch nach einer Überarbeitung des Traditionserlasses.

1,39 bei 54 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Download

Meinungsbildung von unten nach oben

Die Benennung von Kasernen und militärischen Liegenschaften ist in der Bundeswehr genau geregelt. Normalerweise gilt in Streitkräften das Befehlsprinzip. Bei der Namensgebung muss die Initiative jedoch zunächst von der Truppe vor Ort ausgehen. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums gibt es dafür eine eigene Vorschrift. Danach stimmt der Kasernenkommandant den beabsichtigten Namensvorschlag mit den Kommandeuren und Dienststellenleitern der in der Kaserne untergebrachten Truppenteile und Dienststellen ab.

"Besteht bei der Truppe Einvernehmen zu einem Namensvorschlag, so ist die Zustimmung des Inspekteurs des zuständigen militärischen Organisationsbereiches auf dem Dienstweg einzuholen. Anschließend ist die Stadt oder Gemeinde, bei der sich die Kaserne befindet, zu beteiligen."

Diese Schritte sind schon vor geraumer Zeit erfolgt. Nach der Truppe haben sich Stadtrat und Kreistag für die Beibehaltung des Namens ausgesprochen. Rotenburgs Bürgermeister Andreas Weber (SPD) verteidigt die getroffene Entscheidung. Er sieht keine Notwendigkeit, diese zu korrigieren. Der Ball liege jetzt bei der Bundeswehr. 

Porträt Andreas Weber © NDR Fotograf: Charlotte Horn

Weber: Verteidigungsministerium ist am Zug

NDR Info - Streitkräfte und Strategien -

Für Rotenburgs Bürgermeister Andreas Weber soll der Name Helmut Lent unter anderem daran erinnern, unter welchem Druck die Menschen damals gestanden haben.

1,33 bei 60 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Download

Blockade des Verteidigungsministeriums

Das Ministerium gibt sich mit der von den Soldaten vor Ort getroffenen Entscheidung nicht zufrieden. Offenbar hatte man auf ein anderes Ergebnis gehofft und will den Beschluss der Truppe in Rotenburg nicht akzeptieren. Denn das Verteidigungsministerium teilte NDR Info mit:

"Ein abschließendes Votum der Soldatinnen und Soldaten, die an dem Meinungsbildungsprozess am Standort Rotenburg (Wümme) beteiligt sind, liegt bisher nicht vor. Eine Bewertung und Positionierung des Ministeriums wird nach Abschluss des Meinungsbildungsprozesses noch im laufenden Jahr erfolgen."

Bild vergrößern
Frühestens Ende des Jahres ist klar, wie es im Namensstreit weitergeht.

Die Soldaten am Standort wollen sich hierzu nicht äußern. Möglicherweise müssen sie sich erneut mit der Umbenennung befassen. Die Erwartung des Ministeriums ist dabei, nicht an dem Namen Lent festzuhalten. Dabei hatte die Verteidigungsministerin nach Angaben der CDU-Bundestagsabgeordneten Rösel im vergangenen Jahr noch persönlich bestätigt, dass über die Beibehaltung des Namens "Lent-Kaserne" vor Ort in Rotenburg entschieden werden könne. Das  sei der Stand des letzten Jahres, sagt Rösel heute.

Kritik an der Entscheidung der Stadt

Der Beschluss der Kommunalpolitiker, an der Bezeichnung Lent-Kaserne festzuhalten, ist umstritten. Er wurde keineswegs einstimmig gefasst. Im Kreistag votierten neben Abgeordneten der Grünen auch viele SPD-Vertreter für eine Umbenennung der Kaserne. Heftige Kritik kommt auch von Manfred Damberg von der Linkspartei.

Porträt Manfred Damberg © NDR Fotograf: Charlotte Horn

Damberg: "Als sei Lent kein Nazi gewesen ..."

NDR Info - Streitkräfte und Strategien -

Für den Vorsitzendes des Linken-Kreisverbandes, Manfred Damberg, stehen der Landrat und der Bürgermeister in der Causa Lent-Kaserne unter starkem Druck der Region.

4,68 bei 62 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Download

Für Damberg geht bereits aus dem aktuellen Traditionserlass von 1982 hervor, dass die Lent-Kaserne umbenannt werden müsse. In dem Erlass heißt es:

"Kasernen und andere Einrichtungen können mit Zustimmung des Bundesministers der Verteidigung nach Persönlichkeiten benannt werden, die sich durch ihr gesamtes Wirken oder eine herausragende Tat um Freiheit und Recht verdient gemacht haben."

Hochdekorierter Pilot während der NS-Zeit

Lent war im Zweiten Weltkrieg ein hochdekorierter Luftwaffenpilot. Er hat mehr als 100 Kampfflugzeuge abgeschossen, vor allem viermotorige Bomber. Er war Mitorganisator der sogenannten Nachtjagd, nachdem alliierte Bomber begonnen hatten, regelmäßig ihre Luftangriffe über Deutschland zu fliegen. Die NS-Propaganda baute Lent zum Helden auf und sorgte dafür, dass er sehr populär wurde. Lent starb 1944 mit 26 Jahren nach einem Flugunfall.

Nachdem die Briten in den 1960er-Jahren die Kaserne in Rotenburg räumten und für die Bundeswehr freimachten, bekam sie den Namen Lent-Kaserne. Für den Militärhistoriker Wolfram Wette war Lent zwar ein exzellenter Krieger. Das reiche aber nicht für einen Namensgeber und eine Vorbildfunktion. Der Historiker geht davon aus, dass die Truppenführer in Rotenburg Traditionalisten sind und eine Umbenennung verhindern wollen.

Das Ergebnis der Abstimmung vor Ort wundert ihn nicht. Eine Entscheidung der Basis widerspreche den Prinzipien des Militärs. Allerdings: "Wer etwas verhindern will, der fragt die sogenannte militärische Basis., die es ja eigentlich gar nicht gibt. Denn der ganze Apparat funktioniert nach dem Prinzip von Befehl und Gehorsam und die Soldaten werden, um nicht negativ aufzufallen, auch immer das machen, was sie meinen, dass die Offiziere das wünschen." Wette hält daher eine klare Entscheidung von oben für notwendig - gegen die Bezeichnung Lent-Kaserne.

Weitere Informationen
mit Video

Rotenburg will Lent-Kaserne nicht umbenennen

Die NS-Propaganda hat aus Pilot Helmut Lent einen Helden gemacht. Noch heute ist die Kaserne in Rotenburg nach ihm benannt. Und nach Ansicht des Kreistags kann das so bleiben. mehr

Streitkräfte und Strategien

Die Reihe Streitkräfte und Strategien setzt sich kritisch mit Fragen der Sicherheits- und Militärpolitik auseinander. 14-tägig sonnabends um 19.20 und sonntags um 12.30 Uhr. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Streitkräfte und Strategien | 09.09.2017 | 19:20 Uhr