Stand: 13.12.2018 15:15 Uhr

Meinungsaustausch zu Ehren von Helmut Schmidt

Am 23. Dezember wäre der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt 100 Jahre alt geworden. Das war der Anlass für ein Kolloquium an der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr. Bis zu seinem Tod 2015 wurden seine Worte gesucht und gehört.

Bild vergrößern
Helmut Schmidt hat sich als Wehrexperte bereits in den 1950er-Jahren mit strategischen Fragen beschäftigt.

Helmut Schmidt hatte den Nimbus eines Elder Statesman. Er wurde zum Weisen und Ratgeber der Nation, wie eine Teilnehmerin des Kolloquiums formulierte. Er trat bis zuletzt selbstbewusst auf, zugleich war ein pessimistischer Grundton über die weitere politische Entwicklung nicht zu überhören, sagte Giovanni di Lorenzo.

Der Chefredakteur der Wochenzeitung "Die Zeit" hatte regelmäßig Kontakt zu Schmidt: "Mit seinem Rückzug, und dem von gleich zwei, drei anderen auf der Welt, endete die Ära jener Staatsmänner, die die Welt hätten retten können. Das schwang immer so ein bisschen mit. Es war eine Grundskepsis gegenüber jedem anderen, der da kam, schon zu spüren - insbesondere während der Eurokrise." Nur der Chef der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, sei gut weggekommen, so di Lorenzo.

Großbritannien zunächst mit Schlüsselrolle

Während Schmidts Kanzlerschaft von 1974 bis 1982 legte er sich den Ruf eines Krisenmanagers und Machers zu. Helmut Schmidt hat die europäische Integration in seiner Amtszeit maßgeblich vorangetrieben. Da ist es überraschend, dass der junge Schmidt 1957 nicht für die Römischen Verträge  gestimmt hatte. Der SPD-Politiker enthielt sich damals, denn Schmidt hatte von Anbeginn ein besonderes Verhältnis zu den Briten. Eine Europäische Gemeinschaft ohne Großbritannien, das war für den jungen Schmidt der falsche Weg.

Diese starke Bindung an Großbritannien änderte sich aber während der 1960er-Jahre. Schmidt habe begonnen, eine strategische Sicht auf die Außenpolitik zu entwickeln, sagte Mathias Häussler von der Universität Regenburg: "Im Rahmen dieser strategischen Überlegungen wird Schmidt zunehmend die zentrale Bedeutung Frankreichs und der Europäischen Gemeinschaft für Deutschlands Außenpolitik und Zukunft bewusst. Europapolitik als deutsche Interessenspolitik."

Männerfreundschaft mit Giscard d'Estaing

Frankreich spielte für Schmidt während seiner Kanzlerschaft eine entscheidende Rolle. Das lag auch an dem damaligen französischen Staatspräsidenten Giscard d'Estaing, konstatierte bei dem Kolloquium in Hamburg Matthias Waechter vom Institut Européen des Hautes Etudes Internationales in Nizza: Schmidt sei für Giscard d'Estaing das Modell des modernen europäischen Staatsmanns gewesen: "Sie schätzen gegenseitig ihre ökonomische Expertise, sie meinen beide von sich selbst und voneinander, dass sie große Ökonomen sind, sie sehen sich als kongenial an in ihrer Sichtweise, was die richtigen ökonomischen Strategien in der Krise der 70er-Jahre sind."

Missverständnis NATO-Nachrüstung

Mit keiner Entscheidung ist der Name des SPD-Polikers so eng verbunden wie mit dem sogenannten NATO-Doppelbeschluss von 1979. Zwei Jahre zuvor hatte Schmidt in einer Rede in London auf die Folgen der Stationierung von sowjetischen SS-20-Mittelstreckenraketen in Europa hingewiesen. Die westliche nukleare Abschreckung, so die Befürchtung, drohte unglaubwürdig zu werden Die USA reagierten prompt.

Aber anders als von Schmidt eigentlich beabsichtigt, stellte der Rüstungsexporte Ulrich Kühn vom Hamburger Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik fest. Denn "anstatt Schmidts Anstoß für Rüstungskontrolle aufzunehmen, missverstand Washington die Kanzlerrede als Aufruf zur nuklearen Aufrüstung in Europa. Obwohl sich Schmidt im Verbund mit den anderen Europäern erfolgreich für einen dualen Ansatz aus Aufrüstung und einem gleichzeitigen Rüstungskontrollansatz einsetzte, musste die Rüstungskontrolle letztlich noch zehn Jahre warten." Bis 1987, als zwischen den USA und der Sowjetunion der INF-Vertrag unterzeichnet wurde. Alle landgestützten Mittelstreckenraketen mit einer Reichweite zwischen 500 und 5.500 Kilometern mussten verschrottet werden.

Enttäuschung über US-Außenpolitik

Die USA unter Führung von Donald Trump sind aus Sicht der Europäer inzwischen zu einem unberechenbaren Faktor in der internationalen Politik geworden. Schmidt erlebte die Wahl von Trump zum US-Präsidenten nicht mehr. Er dürfte sich in seinem Urteil über die USA aber bestätigt fühlen. Obwohl der SPD-Politiker persönliche Sympathien für Amerika hegte, beklagte er sich gleichwohl immer wieder über die seiner Meinung nach unzuverlässige US-Außenpolitik. Und das bereits zu einer Zeit, in der Schmidt noch kein Ministeramt inne hatte.

Der "Spiegel"-Journalist Klaus Wiegrefe sprach bei dem Kolloquium von einer "Enttäuschungsgeschichte Schmidts". Auf die Stetigkeit der US-Politik sei kein Verlass, so die Einschätzung des Politikers: "1968 unkte er sogar, in zehn Jahren oder fünf Jahren ist die NATO zerbröckelt. Amerika hat sich in Vietnam abgenutzt. Und die Bundesrepublik sitzt womöglich als Psychiater am Krankenbett des amerikanischen Präsidenten."

Porträt des "Spiegel"-Redakteurs Klaus Wiegrefe. © Klaus Wiegrefe

Helmut Schmidt und die USA

NDR Info - Streitkräfte und Strategien -

Klaus Wiegrefe hat in seinem Vortrag Schmidts Wahrnehmung der US-Außenpolitik analysiert. Der Altkanzler hatte den USA mangelnde Kontinuität vorgeworfen

4,29 bei 7 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Download

"Die Geschichte einer Normalisierung"

Jahrelang herrschte in den USA zwischen Demokraten und Republikanern ein außenpolitischer Konsens. Dieser zerbrach nach Ansicht von Wiegrefe jedoch mit dem Ende des Wirtschaftsbooms Mitte der 1970er-Jahre. Die Bindewirkung, die der Kalte Krieg auf das deutsch-amerikanische Verhältnis ausgeübt habe, begann nachzulassen: "Und damit wurden nicht nur unterschiedliche außenpolitische Interessen, historische Traditionen, sozioökonomische und institutionelle Gegebenheiten in der Bundesrepublik und in den USA offensichtlich, die vorher verdeckt worden waren."

Für Wiegrefe hat die Gegenwart mit dem Ende dieses außergewöhnlich engen Verhältnisses, wie es sich zwischen Luftbrücke und Ölkrise etabliert hatte, begonnen. Sein Fazit: "Aus dieser Perspektive ist das, was Schmidt als Enttäuschung erlebte, die Geschichte einer Normalisierung."

Wehrmacht prägte Helmut Schmidt

Bild vergrößern
"Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo traf sich regelmäßig mit Helmut Schmidt.

Seinen Offiziershabitus habe er im Gegensatz zu vielen anderen Zeitgenossen nach 1945 nie abgelegt, stellte eine Teilnehmerin des Helmut-Schmidt-Kolloquiums fest. Die Zweite Weltkrieg und die Wehrmacht haben den früheren Oberleutnant geprägt.

Seine soldatische Prägung hat auch dazu geführt, dass Schmidt zunächst mit der "Zeit"-Redaktion nicht gleich warm geworden ist. Der Ex-Kanzler war nach seinem Abschied aus der aktiven Politik rund 30 Jahre bei der Wochenzeitung. Chefredakteur Giovanni di Lorenzo schilderte, wie er mit dem Altkanzler aneinandergeraten sei, als dieser ihm wiederholt vorgeworfen hatte, er könne eine bestimmte Sache nicht verstehen, weil er nicht durch die "Scheiße des Krieges gewatet sei".

Prinzip der Nichteinmischung wichtiger als Menschenrechte

Schmidt war beeindruckt, wie die chinesische Führung versuchte, das mit mehr als einer Milliarde Menschen bevölkerungsreichste Land der Erde zu modernisieren. Er nahm die chinesische Regierung dabei immer wieder gegen Kritik des Westens in Schutz. Das Prinzip der Nichteinmischung war dem Altkanzler besonders wichtig, auch wenn es um Menschenrechte ging. Denn einen allgemein gültigen Masterplan für die Entwicklung der Nationen hat es für den SPD-Politiker nicht gegeben.

Keine Stabilität durch mehr Demokratie?

Der Soziologe Ralf Dahrendorf hat vor einigen Jahren auf einer Veranstaltung der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr vehement für die Demokratie als Exportmodell plädiert, um auf diese Weise die internationale Sicherheit zu verbessern. Die Achtung von Menschenrechten werde zu Frieden und Stabilität führen, so die Annahme. Der bei der Diskussion damals ebenfalls anwesende Altkanzler hatte der These des Professors allerdings massiv widersprochen.

Teilnehmer einer Podiumsdiskussion über Helmut Schmidt. © NDR Foto: Andreas Flocken

Sind Helmut Schmidts Konzepte noch zeitgemäß?

NDR Info - Streitkräfte und Strategien -

Zum Abschluss des Kolloquiums diskutierten Ursula Schröder (IFSH), Joachim Krause (ISPK), Matthias Nass ("Die Zeit") und Kristina Spohr (LSE). Moderator war Michael Staack (HSU).

4 bei 9 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Download

Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Achtung von Menschenrechten und Stabilität und Sicherheit? Für Ursula Schröder vom Hamburger Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik zeigen Forschungsergebnisse, dass eine "Demokratisierung zunächst zu mehr gewaltsamer Konflikthaftigkeit führt".

Für die Friedensforscherin gibt es in vielen Staaten nicht die Voraussetzungen, um Konflikte gewaltfrei zu regeln. Das müsse man über Generationen schaffen. Schmidt hätte diese Erkenntnis als eine Bestätigung für das von ihm vertretene Prinzip der Nichteinmischung gesehen.

Weitere Informationen

Streitkräfte und Strategien

Die Reihe Streitkräfte und Strategien setzt sich kritisch mit Fragen der Sicherheits- und Militärpolitik auseinander. 14-tägig sonnabends um 19.20 und sonntags um 12.30 Uhr. mehr

So feiert Hamburg Schmidts 100. Geburtstag

Am 23. Dezember wäre Helmut Schmidt 100 Jahre alt geworden. Hamburg gedenkt seines bekanntesten Ehrenbürgers mit zahlreichen Veranstaltungen - und mit einer Briefmarke. mehr

In Erinnerung: Ein Jahrhundert Helmut Schmidt

Am 23. Dezember 2018 wäre der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt 100 Jahre alt geworden. Ein Rückblick auf seine außergewöhnliche Karriere mit Bildern und Zitaten. mehr

Helmut Schmidt: Kühler Kopf und Krisenmanager

Sturmflut, RAF-Terror, Kalter Krieg: In schwierigen Zeiten erlangte der 2015 verstorbene Alt-Kanzler großes Ansehen. Vor 100 Jahren, am 23. Dezember 1918, wurde Helmut Schmidt geboren. mehr

Erinnerungen an den Hamburger Helmut Schmidt

Hamburgs Ehrenbürger Helmut Schmidt wäre am 23. Dezember 100 Jahre alt geworden. Den Großteil seines Lebens verbrachte er in der Hansestadt, wurde hier geboren und starb hier auch. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Streitkräfte und Strategien | 15.12.2018 | 19:20 Uhr