Stand: 02.06.2018 19:20 Uhr

Endlos-Streit um Lent-Kaserne

von Charlotte Horn, NDR Info

Im März wurde in Hannover die Emmich-Cambrai-Kaserne umbenannt. Sie heißt jetzt Tobias-Lagenstein-Kaserne. Verteidigungsministerin von der Leyen nutzte den Tag der Umbenennung, um den neuen Traditionserlass in Kraft zu setzen. Was oder wer traditionsstiftend für die Bundeswehr sei, das sei im Einzelfall immer eine Frage der Abwägung. “Die Aufnahme in unser Traditionsgut muss zudem eine Leistung zur Bedingung machen, die vorbildlich und sinnstiftend in die Gegenwart wirkt; etwa die Beteiligung am militärischen Widerstand gegen das NS-Regime (…) Militärische Exzellenz allein genügt jedenfalls nicht.“

Verteidigungsministerin ist gegen Lent

Damit bezieht die Ministerin klar Stellung gegen den Jagdflieger Helmut Lent, der allein durch seine militärischen Erfolge im Zweiten Weltkrieg von manchen Soldaten als Vorbild gesehen wird. Dem Widerstand gegen Hitler gehörte er nicht an.  Sind Soldaten der Wehrmacht demnach also grundsätzlich keine Vorbilder mehr für die Bundeswehr 2018? Im neuen Traditionserlass heißt es dazu:

"Die Bundeswehr ist freiheitlichen und demokratischen Zielsetzungen verpflichtet (…) Für die Streitkräfte eines demokratischen Rechtsstaates ist die Wehrmacht als Institution nicht traditionswürdig…"

Soldaten, CDU- und SPD-Kommunalpolitiker für Lent

Was heißt das konkret für die Lent-Kaserne? Seit gut zwei Jahren diskutiert die Region über den Namen. Parteiübergreifend sind der SPD-Bürgermeister genauso wie der CDU-Kreisverband für die Beibehaltung des Namens. Linke und Grüne sind dagegen. Eine Abstimmung im Rotenburger Kreistag vor zwei Jahren hatte eine Mehrheit für den Wehrmachtsoffizier Lent ergeben.

Im vergangenen Jahr stimmte auch die Personalvertretung der Soldaten der Lent-Kaserne für die Beibehaltung des Namens. Doch die  offizielle Zustimmung des Bundesverteidigungsministeriums steht bis heute aus. Im Zuge der Diskussion um rechtsextreme Tendenzen in der Bundeswehr hatte  das Verteidigungsministerium beschlossen, den Traditionserlass von 1982 zu überarbeiten. Daher hieß es vor mehr als einem halben Jahr aus Rotenburg, man warte diese neuen Richtlinien ab. Der Erlass liegt  inzwischen vor. Und jetzt?

Dauerprüfung durch Ministerium

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Ein Ende des Streits um den Kasernennamen ist nicht in Sicht.

Auf Nachfrage heißt es von der Kaserne: die mögliche Umbenennung werde jetzt nach den neuen Richtlinien von der Bundeswehr intern erneut geprüft. Wann mit einem Ergebnis zu rechnen sei? Ungewiss, so ein Kasernensprecher.

Auf eine Anfrage der Linksfraktion an die Bundesregierung verweist diese in ihrer Antwort Mitte Mai auf den Prozess im Bundesverteidigungsministerium. In der Vorbemerkung der Bundesregierung zu ihrer Antwort heißt es:

„Mit der Inkraftsetzung der neuen Richtlinien zum Traditionsverständnis und zur Traditionspflege ist auf dieser neuen Grundlage zu prüfen, ob an den bestehenden Kasernenbenennungen festgehalten werden kann…Dies gilt auch für den Standort der Bundeswehr in Rotenburg (Wümme). Diese Prüfung dauert noch an.“

Und ein Ende ist nicht in Sicht.

Genervte Politiker

In Rotenburg (Wümme) bleiben Lokalpolitiker von SPD und CDU bei Ihrer Einschätzung pro Lent. Der Bürgermeister von Rotenburg (Wümme), der SPD-Politiker Andreas Weber, hält auch nach dem neuen Traditionserlass an dem Namen der Lent-Kaserne fest. Er will sich vor dem Mikrofon nicht mehr äußern, will die Entscheidung aus dem Ministerium abwarten.

Dem Deutschlandfunk hatte Weber in einem Interview Ende Mai noch gesagt, er würde sich freuen, wenn diese Diskussion endlich beendet werde und dem Wunsch des Stadtrats entsprochen werde. Nach einem Bericht der Rotenburger Kreiszeitung hat Bürgermeister Andreas Weber dem Kommandeur des in der Lent-Kaserne stationierten Jägerbataillons, York Buchholtz, Ende April einen Brief geschrieben. Darin bittet der SPD-Politiker darum, den Namen beizubehalten.

„Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass es ein Mehr an Transparenz in diesem Entscheidungsprozess kaum geben kann.“

Die Entscheidung des Stadtrates vom September 2016 für den Namen Lent habe weiterhin Bestand. Weber schlägt dem Kommandeur in dem Brief vor, neben dem Namensschild der Kaserne könnten Schüler eine Informations-Tafel erarbeiten – als kritische Geschichtsaufarbeitung und Mahnung für junge Soldaten. Wie Weber so ist auch SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil für eine Beibehaltung des Kasernennamens in seinem Wahlkreis Rotenburg. Klingbeil kritisiert auf seiner Website den Zick-Zack-Kurs der Verteidigungsministerin.

Linke will erneute Debatte

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Nils Bassen (Die Linke) kämpft für eine Umbenennung der Lent-Kaserne.

Nils Bassen von den Linken in Rotenburg (Wümme) setzt sich für eine erneute Diskussion ein. Seiner Meinung nach ist der Kasernen-Name nicht mehr vertretbar. Die Bevölkerung sei mittlerweile genervt von der Diskussion, auch die Kommunalpolitiker wollten eigentlich gar nicht mehr über das Thema diskutieren. Nils Bassen schlägt vor, dem Beispiel der Tobias-Lagenstein-Kaserne in Hannover zu folgen. Er regt an, die Lent-Kaserne  nach einem in Afghanistan gefallenen Soldaten umzubenennen - oder einfach nur Wümme-Kaserne.

Historiker mit unterschiedlichen Positionen

Und Historiker? Für sie ist der neue Traditionserlass Interpretationssache. Nach der Einschätzung des Militärhistorikers Sönke Neitzel von der Universität Potsdam lässt das neue Regelwerk den Jagdflieger der Wehrmacht Helmut Lent als Namensgeber durchaus zu. Er sei sehr wohl traditionswürdig. “Denn er ist ein werteorientierter Mensch gewesen, er war ein in der Wolle gefärbter Protestant, der dem christlichen Menschenbild verhaftet war. Er war kein Nationalsozialist, er war nicht in der Partei, er war auch nicht an der Ostfront…und es ist klar, dass kein Soldat der Wehrmacht völlig sauber herauskommt aus diesem Krieg.“

Wette: Ministerin muss entscheiden

Der Militärhistoriker Wolfram Wette sieht das anders. Seiner Meinung nach hätte breits der alte Traditionserlass von 1982 für eine Entscheidung zur Umbenennung der Lent-Kaserne ausgereicht. Denn dort habe es bereits geheißen, die freiheitlichen Zielsetzung denen die Bundeswehr verpflichtet sei, erlaube es nicht, die Traditionswürdigkeit auf professionelles Können von Soldaten im Gefecht zu reduzieren. Da steckt eigentlich alles drin, was zur Beurteilung des Oberstleutnants. Wette fragt: Warum ist eigentlich Lent immer noch Namensgeber der Kaserne in Rotenburg (Wümme)?

Nach Eindruck des Militärhistorikers wollten Traditionalisten in der Bundeswehr jahrelang die Wehrmachts-Geschichte erhalten und im Falle der Kasernen Umbenennungen verhindern.  Die Verteidigungsministerin sei  nun gefragt: “Nach meiner Überzeugung wäre es richtig, das durch ein Ministerwort zu entscheiden.

Sieben Kasernen mit fragwürdigen Namen

Auch Jakob Knab verfolgt den Streit über die Lent-Kaserne genau. Der pensionierte Geschichtslehrer aus Bayern engagiert sich schon seit mehr als 30 Jahren gegen Wehrmachts-Traditionen in der Bundeswehr:  Den neuen Traditionserlass hält er für den Streit um die Umbenennung der Lent-Kaserne unerheblich. Knab wundert sich nicht, dass es bis heute noch keine Entscheidung gegeben hat. Denn Niedersachsen sein die politische Heimat der Verteidigungsministerin. Und ihre treuesten Gefolgsleute könnte sie nicht vor den Kopf stoßen. Für Knab gibt es noch sieben Bundeswehr-Kasernen mit Namen, die nicht haltbar sind.

Bald neue Namen?

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Für Professor Sönke Neitzel müsste die Lent-Kaserne nicht umbenannt werden.

Der Militärhistoriker Sönke Neitzel glaubt allerdings, dass das Verteidigungsministerium sich bald zu der möglichen Umbenennung der Lent-Kaserne positionieren wird. Er geht davon aus, dass Soldaten -  „völlig überraschend“ – eine Initiative zur Umbenennung starten werden. Für den Historiker werden die Soldaten nicht ihre Karriere riskieren und an vom Ministerium nicht gewünschte Namen festhalten.

Sönke Neitzel schätzt, dass der Prozess um die Umbenennung von Bundeswehr-Kasernen mit Wehrmachtsnamen bald beendet sein wird. Er glaube, dass “es mit Ausnahme der Rommel-Kaserne in fünf Jahren keine Kaserne mehr gibt, die nach einem Wehrmachtsmenschen benannt worden ist“.

 

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Streitkräfte und Strategien

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Streitkräfte und Strategien | 02.06.2018 | 19:20 Uhr