Stand: 21.09.2018 15:22 Uhr

Deutsche Marine am Limit

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Die Fregatte "Hamburg" konnte mehr als zwei Jahre wegen einer Modernisierung nicht eingesetzt werden.

Die Deutsche Marine hat sechs hochmoderne U-Boote, die zusammen mehr als zwei Milliarden Euro gekostet haben. Noch vor Kurzem war allerdings kein einziges davon einsatzbereit. Inzwischen können zwei Boote wieder genutzt werden. Probleme gibt es auch mit anderen Schiffseinheiten der Marine. Viele sind nur noch bedingt einsatzbereit.

Die Gründe hierfür sind vielfältig. Die Schiffe müssen immer öfter in die Werft, die Instandsetzungszeiten werden immer länger. So konnte die Fregatte "Hamburg" wegen eines Hardware- und Software-Updates zwei Jahre lang nicht eingesetzt werden. Anschließend musste die Besatzung sich mit den Neuerungen vertraut machen - über mehrere Monate.

U-Boote ohne Spezialdraht

Regelmäßig fehlen dringend benötigte hochwertige Ersatzteile. Das Problem: Die Teile werden weder von der Marine noch von der Industrie vorgehalten, sie müssen manchmal extra gefertigt werden. In diesem Zusammenhang steht unter anderem auch der lange Ausfall der U-Boot-Flotte. Vizeadmiral Rainer Brinkmann wies im NDR Info Interview darauf hin, dass die Marine riesige Probleme hatte, einen einfachen Schweißdraht zu organisieren, weil er nicht mehr “bevorratet“ wurde und bestimmte Anforderungen erfüllen musste.    

Außerdem fehlt es an Bord immer wieder an Fachpersonal und Spezialisten. Um in einen Einsatz zu gehen, muss dieses Personal manchmal von anderen Schiffseinheiten "ausgeliehen" werden. Es mangelt zudem an ausreichender Munition für die Waffensysteme. Bestellte Schiffe werden regelmäßig zu spät ausgeliefert - oftmals mit Mängeln. Nicht abgenommen wurden zuletzt die neue F-125 Fregatte "Baden-Württemberg". Für die Ausmusterung vorgesehene Einheiten müssen daher länger in Dienst gehalten werden. Sie werden dadurch noch anfälliger für Reparaturen.

Klartext durch Marineoffizier

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Die neue F-125 Fregatte "Baden-Württemberg" sollte schon seit zwei Jahren bei der Marine sein. Wegen Mängeln wurde das Schiff jedoch nicht abgenommen.

Soldaten tun sich oft schwer, Mängel und Defizite öffentlich anzusprechen. Ungewöhnlich war daher, dass der Kommandeur des 2. Fregattengeschwaders in seiner Abschiedsrede im März detailliert die Dauerprobleme der Marine thematisierte. Jörg-Michael Horn bemängelte, dass Instandsetzungsvorhaben insbesondere der Fregatten der Klasse 124 sich immer wieder verlängerten. Das habe Folgen für die Planbarkeit der Einsätze.  Der Kapitän zur See sprach von "inkonsistenten Instandsetzungsprozessen". Die Modernisierung der Fregatten "Sachsen" und "Hessen" habe zudem gezeigt, "dass die Industrie aufgrund ihrer Sachzwänge und Abhängigkeiten wie betriebswirtschaftlichen Aspekten und aufgrund ihrer Strukturen nicht in der Lage ist, tragfähige und nachhaltige Lösungen für die komplexen Aufgabenstellungen im Bereich Software und Informationstechnik für unsere Schiffe zu bieten".

Für die Fregatten der 123-Klasse werde der Flugabwehrflugkörper Sea Sparrow nicht mehr nutzbar sein, und es werde 2019 kein neuer Flugkörper eingeführt. Probleme gebe es auch bei der U-Boot-Bekämpfung. Für die wichtige Aufgabe im Rahmen der Landes- und Bündnisverteidigung sei es "später als fünf nach zwölf".

Kritik an Verteidigungsministerin

Der Marineoffizier Horn wies in seiner Rede auch auf die massiven Personalprobleme der Marine hin. Von der angekündigten Trendwende sei an Bord noch nichts zu spüren. Horn setzt sich dafür ein, in der Öffentlichkeit ehrlicherweise "auch die Beschwernisse, die der Dienst auf seegehenden Einheiten mit sich bringt", zu kommunizieren. Der Kapitän zur See stellt zudem fest:

"Vereinbarkeit von Familie und Dienst bedeutet Vereinbarkeit und nicht Priorität von Familie. Die falschen Zeichen, die in den ersten drei Amtsjahren von Frau Ministerin von der Leyen gesetzt wurden, müssen wir weiter korrigieren. Wir sind eben kein Arbeitgeber wie jeder andere auch. Wenn wir diese Außendarstellung nicht korrigieren, werben wir sonst weiter um die Falschen."

Immer mehr Einsätze

Der frühere Marineoffizier Heinz-Dieter Jopp begrüßt, dass der scheidende Kommandeur Horn auf die Probleme der Marine so deutlich hingewiesen hat. Für ihn ist die Stimmung in der kleinsten Teilstreitkraft der Bundeswehr immer noch gut, vor allem wenn die Soldaten auf See sind. Jopp warnt aber davor, sich auf das Improvisationsvermögen der Soldaten zu verlassen. Für den ehemaligen Offizier befindet sich die Marine-Führung in einem Dilemma: Die Seestreitkräfte haben immer weniger Schiffe und Boote. Gleichzeitig will die Politik aber immer mehr Einsätze. Jopp kritisiert auch die zunehmende Bürokratie und das Meldeaufkommen in der Marine. Vorgesetzte müssten immer mehr Zeit am Schreibtisch verbringen.

Porträt Heinz Dieter Jopp © Heinz Dieter Joop Foto: privat

Jopp: Kannibalisieren ist Standard

NDR Info - Streitkräfte und Strategien -

Für den ehemaligen Marineoffizier Heinz-Dieter Jopp ist der Ausbau von Schiffsteilen inzwischen kein Einzelfall. Es seien nicht genügend Hochwerteile vorhanden.

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Tanker ohne "TÜV"

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Der Tanker "Rhön" und sein Schwesterschiff "Spessart" wurden stillgelegt.

Probleme hat die Marine nicht nur mit ihren Kampfschiffen, sondern auch mit den Versorgungseinheiten. In diesem Jahr mussten die beiden einzigen Tanker der Marine stillgelegt werden. Der "Spessart" und die "Rhön" wurden von der zuständigen Behörde die notwendigen Zulassungen entzogen. Grund sind Maschinen-Probleme. Die beiden Tanker gelten als nicht sicher genug, um am Seeverkehr teilzunehmen. Beide Schiffe sind rund 40 Jahre alt. Mit den Tankschiffen hatte es bereits im vergangenen Jahr Probleme gegeben. Eine bereits zugesagte Beteiligung an einem NATO-Einsatzverband musste abgesagt werden. Marineschiffe sind jetzt allein von den drei Einsatzgruppenversorgern abhängig.

Marineführung weiter zuversichtlich

Die Marineleitung räumt ein, dass die Seestreitkräfte stark belastet sind. Aus Sicht des Befehlshabers der Flotte und stellvertretenden Marineinspekteurs, Vizeadmiral Brinkmann, wäre eine Entlastung bei den Aufträgen durchaus wünschenswert. Allerdings werde man dem Primat der Politik folgen. Die Marine ist zwar mit rund 16.000 Soldatinnen und Soldaten die kleinste Teilstreitkraft. Sie ist durch die Auslandseinsätze aber verhältnismäßig stärker betroffen als Heer und Luftwaffe. Marine-Einheiten sind in der Ägäis, vor der libanesischen Küste, am Horn von Afrika im Einsatz. Zudem beteiligen sie sich an der Operation "Sophia" im Mittelmeer. Außerdem ist die Deutsche Marine an vier ständigen Einsatzverbänden der NATO beteiligt.

Brinkmann verweist darauf, dass die Marine für die "Sophia"-Mission nur noch ein Schiff, den Tender "Mosel", stellt. Am Horn von Afrika setze man bei der Anti-Piraten-Mission "Atalanta" auf einen Seefernaufklärer und nicht mehr auf Schiffseinheiten. Positiv bewertet der Vizeadmiral, dass Schiffe sich zeitlich befristet aus einer laufenden Mission zurückziehen können, zum Beispiel aus Ausbildungsgründen. Trotz dieser Belastung ist Brinkmann aber dafür, in der Ostsee zusammen mit befreundeten Anrainer-Staaten zusätzliche Marinemanöver abzuhalten, zum Beispiel um die Minenabwehr zu üben.

Porträt Vizeadmiral Rainer Brinkmann, stellvertrender Marineinspekteur und Befehlshaber der Flotte © Bundeswehr Foto: PIZ Marine

Brinkmann: Die Forderung ist realitätsfremd

NDR Info - Streitkräfte und Strategien -

Der Befehlshaber der Flotte, Vizeadmiral Rainer Brinkmann, wünscht sich zwar eine Entlastung bei den Aufträgen. Die Marine werde aber dem Primat der Politik folgen.

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Mehr Dienstposten, aber kein Personal

Ein zentrales Problem der Deutschen Marine ist, geeignete Bewerber zu rekrutieren. Nach Angaben von Vizeadmiral Brinkmann sind zurzeit rund 1.500 Dienstposten nicht besetzt. Dabei versucht die Marine schon seit Längerem intensiv, auf junge Leute zuzugehen. Schulabsolventen wurden beispielsweise eingeladen, um mit einem Minenjagdboot in See zustechen. Auf diese Weise wird versucht, jungen Frauen und Männern den Marine-Alltag näherzubringen. Es wurde um Schulabbrecher geworben. Angeboten wurde auch, bei der Bundeswehr während der Dienstzeit den Hauptschulabschluss zu machen. Das Projekt hat die Marine inzwischen allerdings aufgegeben. Der Aufwand stand in keinem Verhältnis mehr zum Ergebnis.

Seit April konzentriert sich die Marine auf ehemalige Soldaten. In Neustadt in Holstein ist ein sogenanntes Zentrum Wiedereinstellung eingerichtet worden. Alle vier Wochen werden Lehrgänge angeboten. Sie sollen ehemalige Soldaten, auch aus den anderen Teilstreitkräften, mit den Aufgaben der Seestreitkräfte vertraut machen. Im April hatten sich 25 Teilnehmer angemeldet. Ob sie alle durchhalten und bei der Marine bleiben werden, wird die Zukunft zeigen.

Neue Schiffe, aber kein Personal?

Die Flotte der Deutschen Marine ist in den vergangenen Jahren auf rund 50 Schiffe und Boote zusammengeschmolzen. Inzwischen sind aber die Weichen gestellt worden, die Flotte zu vergrößern. Es sollen fünf neue Korvetten beschafft werden, zwei weitere U-Boote. Geplant ist zudem der Bau mehrerer Mehrzweckkampfschiffe MKS 180. Die Marine erhält außerdem zusätzlich 1.500 weitere Dienstposten. Offen bleibt aber, ob sie für diese Stellen das dringend benötigte Personal bekommt. Denn bereits jetzt sind bei der Marine mehr als 1.000 Dienstposten nicht besetzt. Dabei wird sich die Personalsituation aufgrund der demografischen Entwicklung weiter zuspitzen. Die Marineführung schaut aber nach den Worten von Vizeadmiral Brinkmann trotzdem optimistisch in die Zukunft. Die Karriereaussichten und Verdienstmöglichkeiten seien beachtlich, erklärt der Marineoffizier im NDR Info Interview.

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Streitkräfte und Strategien

Die Reihe Streitkräfte und Strategien setzt sich kritisch mit Fragen der Sicherheits- und Militärpolitik auseinander. 14-tägig sonnabends um 19.20 und sonntags um 12.30 Uhr. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Streitkräfte und Strategien | 22.09.2018 | 19:20 Uhr