Stand: 08.07.2019 16:45 Uhr

China auf dem Weg zur militärischen Supermacht

von Axel Dorloff (ARD-Studio Peking)
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China setzt verstärkt auf den Ausbau der Seestreitkräfte - auch auf U-Boote.

Militär umbauen, aufrüsten, Stärke zeigen: Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping träumt von einem "starken Militär". Es ist für ihn zentraler Bestandteil bei der Entwicklung Chinas zu einer Großmacht. Präsident Xi hat sich selbst zum Oberbefehlshaber des Militärs gemacht und den chinesischen Streitkräften die größte Reform ihrer Geschichte verordnet. China holt militärisch auf - und will langfristig die USA als militärische Supermacht herausfordern.

Bis 2049 auf Augenhöhe mit USA

In den vergangenen zehn Jahren sind die chinesischen Militärausgaben um über 80 Prozent gestiegen. Mehr als seine Vorgänger investiert Xi in die Volksbefreiungsarmee. Auf dem 19. Parteitag hat er nochmals deutlich gemacht: Ein starkes Militär ist für ihn ein zentraler Baustein bei der Modernisierung Chinas. "Bis zum Jahr 2035 wollen wir die Modernisierung der Armee und der nationalen Verteidigung bewältigt haben. Bis Mitte des Jahrhunderts wollen wir die Volksbefreiungsarmee zu einer Armee erster Klasse aufbauen", sagte Xi Jinping. China hat seine militärische Entwicklung in Etappen unterteilt. Das Ziel ist dabei klar: Bis zum 100. Geburtstag der Volksrepublik im Jahr 2049 soll China zur militärischen Supermacht aufsteigen.

Marine und Luftwaffe immer wichtiger

Die sieben Militärregionen der Volksrepublik wurden in fünf strategische Zonen umstrukturiert. Alle unterstehen einem gattungsübergreifenden Kommandozentrum für Herr, Marine, Luftwaffe und Raketeneinheiten. Das Ziel: weg vom Schwerpunkt der Landesverteidigung hin zu mobilen, integrierten und global einsetzbaren Streitkräften. Das landdominierte Militär hat an Relevanz verloren, es geht nicht mehr vorrangig darum, die Landesgrenzen am Boden zu schützen. Marine und Luftwaffe haben dagegen an Bedeutung gewonnen. China hat vom Ausland gelernt, sagt der unabhängige Militärexperte und Publizist aus Macau, Wong Tong. "Jahrelang hat man die High-Tech-Kriege des Auslands beobachtet. Auch China hat dadurch die Bedeutung der Marine erkannt. 70 Prozent der Erdoberfläche ist Wasser, es gibt viele internationale Gewässer. China misst der Marine jetzt höchste Bedeutung bei, genau wie die USA und Großbritannien."

Zur Strukturreform gehört auch die Verkleinerung der Armee um rund 300.000 Stellen, auf immer noch rund zwei Millionen. Gestrichen wird aber nur beim Heer und in der Verwaltung. Marine und Luftwaffe bekommen Personal dazu.

High-Tech-Rüstungsunternehmen

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China entwickelt inzwischen hochmoderne Waffensysteme.

China hat in den vergangenen 30 Jahren systematisch eine eigene Militär- und Verteidigungsindustrie aufgebaut und entwickelt und produziert mehr und mehr Waffen selbst. Auch komplexere Waffensysteme. Vorbei sind die Zeiten, in denen China der größte Waffen-Importeur war, sagt Militär-Experte Wong. "China hat sich von einem Waffen-Importeur zu einem Waffen-Exporteur entwickelt. Früher war die chinesische Industrie gar nicht in der Lage, das Land mit Waffen zu versorgen, schon gar nicht für den Export. Jetzt produziert China auch gezielt Ausrüstung für den Export. Das ist ein substantieller Unterschied zu vorher."

Drohnen als Exportschlager

China verkauft mittlerweile fast alles. Nicht mehr nur Handgranaten oder Maschinengewehre, sondern auch Raketen, Radarsysteme und militärische Drohnen. Chinas Waffenindustrie hat dazu gelernt, anfangs vor allem durch Plagiate. Laut Friedensforschungsinstituts SIPRI in Stockholm sind die chinesischen Waffenexporte in den vergangenen fünf Jahren um etwa 40 Prozent gestiegen, verglichen mit dem Fünfjahres-Zeitraum davor. Zunehmend geht es dabei auch um High-Tech-Waffen. "Es gibt keinen Zweifel daran, dass China sehr weit vorne dabei ist, zum Beispiel bei der Entwicklung der militärischen Drohnen. In den USA gibt es ein Export-Verbot für militärische Drohnen. Diese Lücke hat China genutzt. Die Volksrepublik hat dabei nicht nur seine eigene Armee mit Drohnen ausgerüstet, sondern dominiert auch den internationalen Markt. Rund 80 Prozent der militärischen Drohnen, auch im Mittleren und Nahen Osten, kommen aus China."

Folgen für das militärische Kräfteverhältnis

Zu den wichtigsten Neuerungen bei Luftwaffe und Marine gehören das Kampfflugzeug Chengdu J-20 und der Lenkwaffenzerstörer vom Typ 055. Beim J-20 handelt es sich um das erste bekannt gewordene Flugzeug chinesischer Produktion, das über Tarnkappen-Eigenschaften verfügt. Seit März 2017 ist der Kampfflieger im Einsatz. Für den Pekinger Politikwissenschaftler Jin Canrong von der Renmin Universität wirken sich diese Entwicklungen auf die militärischen Kräfteverhältnisse aus. "Der Lenkwaffenzerstörer vom Typ 055 und der J-20 Kampfflieger haben die Situation verändert. Der J-20 Kampfflieger kann es mit dem amerikanischen F-22 Jagdflugzeug aufnehmen. Er ist weltweit der einzige Gegner des F-22. Damit hat erstmals seit 500 Jahren ein nicht westliches Land in der militärischen Ausrüstung zum Westen aufgeholt."

Bau eines eigenen Flugzeugträgers

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Ein chinesischer Flugzeugträger bei einer Probefahrt: Flugzeugträger gewinnen für die chinesische Führung zunehmend an Bedeutung.

China baut derzeit einen dritten Flugzeugträger. Dieser soll deutlich moderner sein als seine beiden Vorgänger, die noch auf sowjetischem Design basieren. Viele Details sind noch nicht bekannt - aber der neue Träger soll über ein elektromagnetisches Katapultsystem verfügen und deutlich mehr Flugzeuge aufnehmen können als die beiden vorhandenen Schiffe. Der Bau eines eigenen Flugzeugträgers, entwickelt, konzipiert und gefertigt in China, gilt als Kernstück der Modernisierung des chinesischen Militärs.

China praktisch ohne Kriegserfahrung

Im Pekinger Militärmuseum steht auch ein Modell des ersten chinesischen Flugzeugträgers Liaoning. Stolz ist man hier nicht mehr nur auf die militärische Geschichte, sondern auch auf die Gegenwart. In einem sind sich Experten allerdings einig: die militärische Gefechtsstärke Chinas ist schwer einzuschätzen. China hat seit vier Jahrzehnten keine Kriege geführt. Den letzten Krieg gab es 1979 gegen Vietnam.

Gigantische Militärparade im Oktober

Für den Politik-Professor Jin Canrong ist der chinesische Aufstieg zur militärischen Supermacht nicht aufzuhalten. "Die Welt wird künftig zwei Supermächte und mehrere starke Länder dahinter haben. Die zwei Supermächte werden China und die USA sein", sagt Professor Jin Canrong. "China hat sehr große Produktionskapazitäten. Wir nutzen derzeit nur 15 Prozent davon. Unsere Technik ist ebenfalls sehr gut. Bei der großen Militärparade am 1. Oktober werden Sie etwas sehr Beeindruckendes sehen." Am 1. Oktober dieses Jahres ist Nationalfeiertag und der 70. Geburtstag der Volksrepublik. In Peking gibt es dann wieder eine gigantische Militärparade, eine Waffenschau Made in China. Vielleicht die größte, die es in China je gab.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Streitkräfte und Strategien | 13.07.2019 | 19:20 Uhr