Forum am Sonntag

Moderner Islam oder Parallelwelt?

Sonntag, 22. Mai 2016, 06:05 bis 06:30 Uhr, NDR Info

Die Gülen-Bewegung in Deutschland
Von Reiner Scholz

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Fetullah Gülen, der Gründer der Gülen-Bewegung, lebt seit 1999 im selbstgewählten Exil in den USA.

Der strenge Islam gilt als rückschrittlich. Es gibt aber eine selbsternannte Gegenströmung: Die Bewegung von Fethullah Gülen. Ihr Konzept heißt: Aufstieg durch Bildung. Gülen und seine zahlreichen Anhänger werden von türkischen Politikern beschuldigt, die Institutionen des Landes unterwandern zu wollen. Auch deshalb lebt der Gründer seit 1999 im selbstgewählten Exil in den USA. Zu seinem Imperium gehören nicht nur große Medienunternehmen, sondern auch hunderte von privaten Kindergärten, Internaten, Nachhilfeeinrichtungen und Schulen weltweit. Kritiker werfen der Bewegung vor, sie würde versuchen, ihre elitären und konservativen Ansichten auch in westlichen Gesellschaften zu verankern. Gülens Anhänger verteidigen sich mit dem Hinweis, dass Islam und Moderne keinen Widerspruch bildeten.

An Gülen scheiden sich die Geister

Seine Gegner sehen in dem früheren Dorfprediger den Vater einer gefährlichen Sekte, Scientology vergleichbar. Andere loben das Engagement der Hizmet-Bewegung, der Gesellschaft scheinbar selbstlos zu dienen und Islam und westliche Werte miteinander zu verbinden. Ercan Karakoyun, Stadtsoziologe, 1980 im Ruhrgebiet geboren, ist der Geschäftsführer der "Stiftung Dialog und Bildung" mit Sitz in Berlin und gilt als deutsche Stimme der Hizmet: "Der Islam ist ganz klar für Dialog und Bildung. Es ist sogar so, dass der erste Vers, der offenbart wurde, 'lies' lautete. Das heißt, 'lies' kann man argumentieren als 'forsche', 'analysiere', 'kritisiere', und in diesem Zusammenhang betont der Islam natürlich die Bedeutung von Bildung. Schaut man allerdings in die muslimische Welt, sieht man leider, dass die Bildung an Bedeutung verloren hat. Und Fetullah Gülen hat mit seinen Ideen versucht, diese Bildung sowohl in Form von Allgemeinbildung, aber auch im Sinne von kritischem Hinterfragen und Reflektieren der Religion wieder in die Bevölkerung zu bringen."