Stand: 06.05.2020 14:28 Uhr

Verlage: Kurzarbeit trotz Rekordzahlen

von Inga Mathwig

Eigentlich ist es ein simpler Marktmechanismus: Was nachgefragt wird, wird verkauft, nimmt Geld ein. Jetzt in der Corona-Krise sind seriöse Nachrichten gefragt wie nie. Viele Zeitungen verkaufen sich noch besser als im Vorjahr, Abo-Auflagen erreichen Rekordniveaus.

Trotzdem geht es vielen Medienhäusern schlecht: Denn der Verkauf macht oft nicht einmal die Hälfte ihrer Einnahmen aus. Fast alle Verlage finanzieren sich zusätzlich über Anzeigen und Veranstaltungen. Letztere entfallen nun reihenweise. Und die Werbeerlöse sind laut dem Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV) um bis zu 80 Prozent eingebrochen. Deswegen greifen jetzt viele Managements zum Instrument der Stunde: Kurzarbeit. Aber nicht nur im Vertrieb oder etwa im Veranstaltungsbereich. Bei einigen auch in den Redaktionen.

Verlage: Kurzarbeit trotz Rekordzahlen

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Die Verlage leiden unter Anzeigenrückgängen und anderen Verlusten. Trotz guter Abo- und Verkaufszahlen schicken viele ihre Mitarbeiter in Kurzarbeit.

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Kritik an Kurzarbeit

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Kritisiert die Sparmaßnahmen der Verlage: Anne Fromm.

Das passt nicht zusammen, meint taz-Medienredakteurin Anne Fromm: "Das Gehalt der Journalisten, das die Verlage jetzt sparen, wird zum Teil mit Sozialabgaben von der Gemeinschaft gezahlt, also von uns allen." Es sei problematisch, wenn die Gemeinschaft sehe, dass die Verlage so viele Leser haben wie schon lange nicht mehr. Tatsächlich haben gerade die Medienhäuser Kurzarbeit in den Redaktionen eingeführt, die Rekorde brechen: Die "Süddeutsche Zeitung" und die "ZEIT".

Daneben aber auch der "Tagesspiegel" und das "Handelsblatt" sowie die "Wirtschaftswoche". Die DuMont Mediengruppe in einzelnen Redaktionen ("Kölner Stadtanzeiger" und "Express"), die SPIEGEL-Gruppe verhandelt aktuell darüber.

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Unterschiedliche Umsetzung in verschiedenen Häusern

Allerdings ist die Umsetzung der Kurzarbeit höchst unterschiedlich. Während beim "Tagesspiegel" vor allem Sport- und KulturredakteurInnen betroffen sind, geht bei der "ZEIT" die gesamte Redaktion in Kurzarbeit. Sie sollen noch 90 Prozent ihrer Arbeit leisten, der Rest wird zusätzlich aufgestockt. Anders sieht das bei der "Süddeutschen Zeitung" aus: hier sollen die JournalistInnen künftig nur noch zu 85 Prozent arbeiten, eine Aufstockung gibt es nicht. Gerne hätten wir darüber mit der Geschäftsführung der "Süddeutschen Zeitung" gesprochen. Sie erteilte unserer Interview-Anfrage eine Absage. Genauso wie das Management der "ZEIT", des "Tagesspiegels" und des "Spiegels". Kein Management wollte sich zur redaktionellen Kurzarbeit äußern.

Offiziell begründen einige Verlage die redaktionelle Kurzarbeit mit dem geringeren Umfang ihrer Zeitungen. Beispielsweise gäbe es in der Kultur oder im Sport nicht so viel zu berichten, da Veranstaltungen entfallen würden. Für den Betriebsratsvorsitzenden der "Süddeutschen Zeitung", Jens Ehrlinger, ist das keine hinreichende Begründung: "Es ist eine Entscheidung", sagt Ehrlinger. Denn eigentlich gäbe es genug zu berichten: "Man hat sogar das Gefühl, dass die Arbeit nicht weniger, sondern mehr geworden ist." Zwar verstehe er die ökonomische Erwägung. Auch die Arbeitszeiterfassung, die für Kurzarbeit notwendig ist, begrüßt er. Sie könnte aber negative Folgen haben: eine weitere Arbeitsverdichtung auf den Rücken der Kollegen - oder einen Qualitätsverlust der Zeitung.

Blaupause für zukünftige Einsparungen?

Das Problem: Viele JournalistInnen hätten bereits vor der Krise mehr gearbeitet, als tariflich vereinbart. Auch Anne Fromm befürchtet, dass es nun noch mehr werden könnte: "Unter jedem Artikel, der erscheint, jedem Beitrag, der läuft, steht ja mein Name." Entsprechend wolle kein Journalist schlechtere Qualität abliefern, nur weil er in Kurzarbeit ist. Und im schlimmsten Falle, meint Fromm, könnten die Maßnahmen zur Blaupause für Spar- und Umbauprogramme der Verleger werden, die sehen, dass die Zeitung auch mit 15 Prozent weniger Arbeit gut funktioniere: "Dann probieren wir es jetzt doch mal mit 15 Prozent weniger Personal".

Ob die Corona-Krise auch redaktionelle nachhallen wird, lässt sich wohl erst nach Ende der Krise absehen. Doch für die Wirtschaftlichkeit der Verlage gilt: Entscheidend ist das Kerngeschäft. Und das ist immer noch der Qualitätsjournalismus - der gefragt ist wie nie. Wer ihn "kürzt", droht auch die Qualität seiner Zeitung zu beschneiden.

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ZAPP | 06.05.2020 | 23:20 Uhr