Stand: 20.06.2018 22:31 Uhr

Unerhört: "Titanic" legt Reuters aufs Kreuz

von Sebastian Asmus und Konstantin Kumpfmüller
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"Titanic"-Redakteur Hürtgen löste mit einem Fake-Tweet über das angebliche Unions-Aus eine Medienlawine aus. Sein Motiv: Er wollte seine Follower foppen.

Die Lage in Berlin ist ziemlich angespannt am 15. Juni 2018. Im sogenannten "Asylstreit“ zwischen CDU und CSU steht es Spitz auf Knopf. Von einem möglichen Scheitern der Regierung ist die Rede. Beobachter vermuten, dass Politiker der CSU Kanzlerin Merkel stürzen wollen. Es ist unklar, ob sich Merkel und Seehofer auf einen Kompromiss einigen können oder ob noch heute das Unionsbündnis zerbricht. Dann kommt um 12:21 Uhr eine Meldung der angesehenen Nachrichtenagentur Reuters, die hohe Wellen schlägt.

Fake-Post von Titanic.

Unerhört: "Titanic" legt Reuters aufs Kreuz

ZAPP -

Mitten in einer der größten Krisen zwischen CDU und CSU fällt ein Großteil der Medien auf einen Fake-Tweet rein. Schlechter Scherz oder gelungene Vorführung des Turbo-Journalismus?

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"EIL - Seehofer kündigt Unionsbündnis mit CDU auf"

Nur eine Minute später hat der Nachrichtensender N-TV die Meldung auf seiner Seite, drei Minuten später auch in seiner Live-Sendung. Fast zeitgleich berichtet der Konkurrenzsender "Welt" darüber. "Focus Online" und "Bild" stellen kurze Artikel auf ihre Internetseiten und verbreiten Eilmeldungen, genauso wie der ORF und die österreichische Tageszeitung "Der Standard".

Ursprung der Meldung wurde bei vielen offenbar nicht geprüft

Woher die Meldung kommt, haben bis dahin nur wenige überprüft. Der Ursprung ist ein Twitteraccount namens "hr Tagesgeschehen", Twitterkürzel: @hrtgn. Dort erschien um 11:56 Uhr folgender Tweet:

Hinter "hrtgn" steht aber nicht die Redaktion "Tagesgeschehen" des Hessischen Rundfunks, die gibt es gar nicht. Es steht für Moritz Hürtgens Nachname (ohne Vokale), seines Zeichens Redakteur des Satire-Magazins "Titanic". Die Nachricht ist ein Fake. Hürtgen hat seinen Account für kurze Zeit umbenannt.

Satiriker Hürtgen wollte nur Follower foppen

Eigentlich wollte er nur seine Follower bei Twitter foppen, sagt er. Überrascht haben ihn die Reaktionen aber nicht. "Wir waren eher entsetzt, dass das ging", erzählt uns Hürtgen im Interview. "Hier ging alles von der Vorbereitung bis zum Schluss in ein paar Stunden und das hätten wir uns nicht träumen lassen. Das hat uns auch ein bisschen erschrocken." Erschrocken hat sich nicht nur er.

Dax-Verluste wegen Fake-Meldung?

Die Nachricht der schweren Regierungskrise erreichte fast in Echtzeit die Börse. Um 12:26 Uhr verlor der DAX auf einen Schlag ein halbes Prozent, auch der Euro gab leicht nach - alles vermutlich wegen dieser einen Meldung. Sogar in den Bundestag schaffte es die Falschnachricht. Um 12:28 Uhr meldete sich die AfD-Abgeordnete Beatrix von Storch zu Wort, um nach den Auswirkungen der Auflösung der Unionsfraktion zu fragen.

Bereits zweiter Medien-Coup der "Titanic" in 2018

Es ist der zweite Medien-Fake der "Titanic" innerhalb von kurzer Zeit. Erst im Februar gelang es den Satirikern, eine Falschmeldung in der "Bild" zu platzieren. Für #MioMioGate ernteten die Satiriker viel Beifall. Doch die Aktionen setzen die ohnehin angeschlagene Glaubwürdigkeit deutscher Medien immer mehr aufs Spiel. "Selbst schuld", meint "Titanic"-Redakteur Hürtgen: "Die deutschen Medien machen diese Gags mit. Und diese Frage sollten sie sich in der Tat stellen: Ob es das wert ist, diese Gaudi jedes Mal wieder mitzumachen."

Einige Medien erkannten Fake, warnten Kollegen

Auf den Fake sind aber längst nicht alle hereingefallen. Noch vor der Agenturmeldung twittert die Politikredaktion von "Spiegel Online":

Die "Deutsche Presse Agentur" sendet nur kurz nach der Reuters-Meldung einen Hinweis an die Redaktionen: "Der Account 'hr Tagesgeschehen', über den der Tweet gesendet wurde, ist kein Account des Hessischen Rundfunks."

Und wem hat die Aktion genutzt?

Keine zwanzig Minuten nach der Agenturmeldung finden sich nur noch Richtigstellungen und Entschuldigungen der Redaktionen im Netz und auf den Nachrichtenkanälen. Was bleibt, ist die Frage, wem die Aktion genutzt hat? Vor allem wohl der "Titanic", die einmal mehr viel Aufmerksamkeit und Klicks generiert hat. Und die Journalisten sind einmal mehr gewarnt worden, sauber zu arbeiten. Ob eine Fake-Meldung in dieser Situation der richtige Weg ist? Zumindest die Mehrheit der ZAPP-Follower bei Twitter (nicht repräsentativ), die am Voting teilgenommen haben, fand die Aktion in Ordnung.

 

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Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 20.06.2018 | 23:40 Uhr