Unbemanntes Kamera-Equipment der ARD in einem Stadion © picture alliance / Pressebildagentur ULMER Foto: Markus Ulmer

Medien im Abseits? Erschwerte Berichterstattung von der Fußball-EM

Die Endrunde der „UEFA EURO 2020“ soll an elf Spielorten in Europa und Vorderasien ausgetragen werden. Das stellt Medien vor große Herausforderungen: Wie ARD und ZDF vor Ort berichten können, bleibt unklar.

von Fritz Lüders

Amsterdam, Baku, Budapest, Bukarest, Glasgow, Kopenhagen, London, München, Rom, Sevilla und St. Petersburg. Das sind die elf Spielstätten der anstehenden Fußball-Europameisterschaft. Erstmals in der Geschichte des Turniers wird die EM-Endrunde nicht in einem Land oder zwei Nachbarländern ausgetragen, sondern verteilt über Europa und Vorderasien. An den Austragungsorten sollen insgesamt 51 Spiele in 31 Tagen stattfinden – laut der UEFA immer mit Fans in den Stadien. Bei welchen Spielen auch Journalistinnen und Journalisten der deutschen TV-Sender aus den Stadien berichten werden, bleibt einen Monat vor dem Auftaktspiel jedoch unklar. Denn: In jedem Gastgeberland herrschen individuelle Corona-Maßnahmen und Einreisebestimmungen, die fortlaufend an die Entwicklung der Pandemie angepasst werden.

„ARD und ZDF sehen sich durch die massiven Corona-Einschränkungen vor beträchtliche Herausforderungen gestellt“, heißt es vom ZDF aus Mainz. Beide Sender haben jetzt ihre Sendekonzepte veröffentlicht. Das Erste und Zweite Deutsche Fernsehen besitzen die Übertragungsrechte für 41 EM-Spiele. Zehn Partien werden ausschließlich bei MagentaTV zu sehen sein. Um der Planungsunsicherheit entgegenzuwirken, haben die Öffentlich-Rechtlichen zwei Entscheidungen getroffen: Die Berichterstattung von der Fußball-EM wird zentral aus Deutschland gesteuert. Und: TV-Crews werden nur zu Spielstätten reisen, wenn es das Infektionsgeschehen, die vor Ort geltenden Corona-Maßnahmen und die anstehenden Spielpaarungen zulassen.

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Ungünstiger Zeitpunkt für neues EM-Format

Ursprünglich sollte die „UEFA EURO2020“ im vergangenen Jahr stattfinden. Aufgrund der Corona-Pandemie wurden die Pläne im März 2020 gestoppt, das Turnier auf Juni und Juli dieses Jahres verlegt. Doch aktuell werden laut Datenauswertung der Johns Hopkins Universität in neun Gastgeberländern mehr Neuinfektionen binnen sieben Tagen gezählt, als zum gleichen Zeitpunkt vor einem Jahr (Stand: 1. Mai 2021). Dennoch: Das Konzept einer paneuropäischen EURO bleibt bestehen. Geändert hat sich nur die Anzahl der Spielstätten. Aus zwölf Austragungsorten wurden elf. Dublin und Bilbao wollten der UEFA keine Garantie für die Zulassung von Fans geben. Neu dabei ist Sevilla.

Auf der Allianz Arena in München leuchtet das Logo der UEFA EURO 2020 © picture alliance Foto: Sven Simon
Laut der UEFA sollen die Spiele in München vor jeweils 14.500 Fans stattfinden. Die finale Entscheidung treffen aber die lokalen Behörden.

„Ich hätte mir gewünscht, dass die Austragungsorte komprimiert und dadurch die Reisetätigkeiten von Spielern, Journalisten und allen Beteiligten reduziert werden“, sagt „Sportschau“-Moderatorin Julia Scharf gegenüber ZAPP. Bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 hat sie für die ARD aus den Stadien in Russland berichtet. In St. Petersburg soll nun vor halbvollen Zuschauerrängen und in Ungarn möglicherweise sogar in vollen Stadien gespielt werden. Für München plant die UEFA mit 14.500 Fans, doch kurz nach dieser Ankündigung widersprach Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter im Deutschlandfunk: „Es kann, darf und wird keine Garantien geben. Das habe ich auch der UEFA so signalisiert.“

„Die finale Entscheidung, ob Zuschauer in die Stadien dürfen, treffen die lokalen Behörden“, räumt die UEFA auf ZAPP-Nachfrage ein, aber aktuell geht der Verband davon aus, dass die Stadionkapazitäten je nach Spielort zwischen 22 und 100 Prozent ausgelastet werden. Stellen die Zuschauerinnen und Zuschauer ein zusätzliches Risiko für Journalistinnen und Journalisten dar? „Nein“, meint Julia Scharf. „Wenn man keine Berührungspunkte mit den Zuschauern hat, glaube ich nicht an ein zusätzliches Risiko.“

Im Februar 2021 verzichtete ARD-Fußballkommentator Robby Hunke darauf, ein Spiel der UEFA Champions League in Budapest zu kommentieren. Job-Reisen für die Fußball-Bundesliga könne er auf Grundlage des Hygienekonzepts noch verantworten, twitterte er. Auslandsreisen zum damaligen Zeitpunkt nur im Notfall.

Absagen von Kolleginnen und Kollegen für die EM-Berichterstattung aufgrund der Corona-Pandemie habe es bisher keine gegeben, so der für die ARD verantwortliche WDR. Die Gründe dafür: Alle Beteiligten würden seit Monaten auf die Berichterstattung der Europameisterschaft hinarbeiten. Außerdem sei man im regelmäßigen Austausch mit der UEFA.

Heimspiel für die Sender

Aufgrund der bestehenden Unsicherheiten berichten ARD und ZDF zum Großteil aus der Distanz. Um alle Live-Signale aus den elf EM-Stadien zu bekommen, werden ARD und ZDF eigene Schalträume im International Broadcast Center in Amsterdam betreiben. Von der Verteilstelle werden die TV-Signale nach Köln und Mainz weitergeleitet. An den Standorten der Sender erfolgt dann die gesamte Sendeabwicklung.

Eine Kamera filmt einen Spielball für die Qualifikation zur UEFA EURO 2020 © picture alliance / Franz Waelischmiller Foto: Sven Simon
Wie häufig ARD und ZDF aus den Stadien berichten können, bleibt unklar.

Das ZDF steuert seine Berichterstattung von der EM aus der „sportstudio Arena“ auf dem Mainzer Lerchenberg. Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein und Moderator Jochen Breyer führen im Wechsel durch die Spieltage. Auch alle Live-Kommentatoren, Expertinnen und Experten sitzen in Mainz. „Unsere redaktionellen Planungen und Konzepte haben wir entsprechend flexibel angelegt, so dass wir ständig an die aktuellen Entwicklungen in der Corona-Pandemie anpassen und zugleich sicherstellen können, dass die Gesundheit der an der Berichterstattung beteiligten Kolleginnen und Kollegen jederzeit oberste Priorität hat“, wird ZDF-Chefredakteur Peter Frey in dem Sendekonzept zitiert. Auf ZAPP-Nachfrage bestätigt der Sender, dass die Spielbegleitung ausschließlich aus Mainz stattfinden wird. Sollten es die Corona-Maßnahmen aber zulassen, würden Reporterinnen und Reporter von einzelnen Spielstätten berichten und live zugeschaltet werden.

Etwas offensiver geht es der WDR an, unter dessen Federführung die ARD von der „UEFA EURO 2020“ berichten wird. Aus dem „Sportschau“-Studio in Köln moderieren Alexander Bommes und Jessy Wellmer. Bei ausgewählten Partien soll das Duo Jessy Wellmer und Experte Bastian Schweinsteiger aber auch vor Ort aus den Stadien berichten. Welche das sind, darauf will sich der WDR noch nicht festlegen. Sind Reisen zu den Spielstätten nicht möglich, melden sich laut Sendekonzept beide aus dem „Sportschau“-Studio in Köln

Leidet die Berichterstattung?

ARD Moderatorin Julia Scharf. © ARD
"Sportschau"-Moderatorin Julia Scharf

Für Medienschaffende rückt bei der EM-Planung damit eines besonders in den Fokus: Flexibilität. Diese sei laut ZDF schon deshalb notwendig, weil in den EM-Spielstätten die Auflagen der UEFA und der jeweiligen Städte und Länder zählen. „Normalerweise kennt man die Rahmenbedingungen einer Sportgroßveranstaltung spätestens ein halbes Jahr vorher genau“, so ARD-Teamchef Steffen Simon. „Jetzt müssen wir uns Pandemie-bedingt immer wieder neuen Organisationsdetails stellen.“ Gut fünf Wochen vor dem Eröffnungsspiel am 11. Juni in Rom erklärt die UEFA, weitere Informationen, die auch die Arbeit von Journalistinnen und Journalisten betreffen, würden im Vorfeld des Turniers veröffentlicht. Der Fußballverband werde sein Hygienekonzept laufend anpassen. Auch die Öffentlich-Rechtlichen müssen somit ihre Sendekonzepte ständig überarbeiten.

Für die übertragenden TV-Sender bleibt vieles unklar, besonders, was die Vor-Ort-Reportage betrifft. Wird darunter die Berichterstattung von der Fußball-EM leiden? Bei der WM 2018 in Russland konnten ARD und ZDF bereits Erfahrungen sammeln. Das Konzept war vergleichbar, die Sendeabwicklung wurde ebenfalls zentral aus Deutschland gesteuert. Nur wenige Beteiligte waren vor Ort bei den Spielen, doch auf die Wenigen kommt es an: „Wenn Korrespondenten und einzelne Journalisten vor Ort sind, ist eine umfassende Berichterstattung möglich“, sagt Julia Scharf. „Diese können die Stimmung aus den Stadien vermitteln.“ Was passiert hingegen, wenn bei den entscheidenden Spielen keine Vor-Ort-Berichterstattung möglich sein wird? „Man muss sich vorstellen, beim WM Finale 2014 wäre nicht aus dem Stadion moderiert worden“, sagt Scharf. „Da wäre schon viel verloren gegangen.“

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