Im Stich gelassen: Mitarbeiter deutscher Medien in Kabul

Stand: 18.08.2021 15:41 Uhr

Sie knüpften Kontakte, übersetzten, arbeiteten als Journalisten oder Stringer. Doch spätestens seit der Afghanistan-Einsatz so übereilt beendet wurde, schweben Mitarbeiter deutscher Medien dort in Lebensgefahr.

von Nils Altland, Caroline Schmidt

Amir hat Todesangst. Er, der eigentlich anders heißt, sitzt seit Tagen mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter in einem Haus in Kabul. Vor die Tür zu gehen, wo die Taliban patrouillieren, ist keine Option. Selbst das Interview mit ZAPP ist gefährlich: "Irgendjemand draußen am Fenster könnte hören, wie ich hier ein Interview auf Englisch gebe, das wäre ein großes Problem." Amir hat jahrelang als Journalist gearbeitet, in einem Mediencenter in Mazar-e Sharif - unterstützt und aufgebaut von der Bundeswehr. Doch jetzt, da die Islamisten die Kontrolle über das Land übernommen haben, ist die Unterstützung der Bundeswehr weg: "Wir fühlen uns total im Stich gelassen. Niemand hilft uns."

Übersetzer der "Zeit" ermordet

"Zeit"-Reporter Wolfgang Bauer. © NDR
In einem offenen Brief an die Bundeskanzlerin fordert "Zeit"-Reporter Wolfgang Bauer, afghanische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor den Taliban zu retten.

Der "Zeit"-Reporter Wolfgang Bauer hat bereits einen Mitarbeiter und Freund in Afghanistan verloren. Der Übersetzer Amdadullah Hamdard, der lange mit Bauer zusammenarbeitete, wurde am 2. August in der ostafghanischen Stadt Dschalalabad auf offener Straße von zwei Männern erschossen - mutmaßlich Kämpfer der Taliban. Im Interview kämpft Bauer mit seinen Gefühlen.

Medien fordern Bundesregierung zum Handeln auf

Wolfgang Bauer hat deswegen einen offenen Brief an die Bundeskanzlerin initiiert, den zahlreiche deutsche Medien unterschrieben haben, darunter "Spiegel", "Stern" und "Süddeutsche Zeitung". Sie fordern darin die Bundesregierung auf, ihre afghanischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor den Taliban zu retten. Es ist ein Aufschrei am Ende vieler Versuche, die Evakuierung still und heimlich in Hintergrundgesprächen mit dem Außenminister zu regeln: "Wir haben uns entschlossen, das jetzt öffentlich zu machen, weil eben keine Signale vom Auswärtigen Amt in diese Richtung kamen. Weil es auch keinen Aufruf des Auswärtigen Amts gab, Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zu melden. Es kann nicht sein, dass jetzt Medienhäuser, die die Handynummer von Herrn Maas haben, ihre Mitarbeiter retten können, während Häuser ohne dieses Privileg ihre Mitarbeiter den Wölfen vorwerfen lassen müssen."

Nur wenig Hoffnung

Katrin Eigendorf, Fernsehjournalistin, Auslandskorrespondentin ZDF © NDR
Kämpft für ihren afghanischen Kollegen: ZDF-Korrespondentin Katrin Eigendorf.

Inzwischen bewegt sich etwas. Deutsche Verlage und Sender setzten Anfang dieser Woche viele afghanische Journalistinnen und Journalisten auf Listen, damit diese von der Bundeswehr evakuiert werden und nach Deutschland kommen können. So auch ARD und ZDF, die sich übrigens nicht an dem Aufruf von Wolfgang Bauer beteiligen. Sie wollen sich unabhängig von der Initiative um ihre Mitarbeiter kümmern. Die ZDF-Korrespondentin Katrin Eigendorf kämpft für ihren afghanischen Kollegen. Nur mit seiner Hilfe, seinen Kenntnissen und Kontakten konnte sie bis zuletzt vom Vormarsch der Taliban berichten. Inzwischen ist Eigendorf in Deutschland. Im Interview mit ZAPP schaut sie permanent auf ihr Handy, wartet auf Updates aus Kabul. Das ZDF habe die Rettung ihres Mitarbeiters inzwischen zur Chefsache erklärt, berichtet sie. Dennoch zeigt sie sich pessimistisch, was die Chancen auf eine Rettung angeht: "Im Prinzip ist für die Kollegen schon der Flughafen nicht erreichbar. Sie sind ein Ziel für die Taliban, weil diese sie als Verräter ansehen. Das heißt, sie können sich nicht einfach frei in der Stadt bewegen und zum Flughafen gehen."

Die Situation um den Flughafen in Kabul ist unübersichtlich und ändert sich ständig. Den letzten Meldungen zufolge haben die Taliban den Flughafen mit Checkpoints abgeriegelt und lassen nur noch Ausländer durch, Afghanen halten sie offenbar auf. Ein Sprecher des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr bestätigt das gegenüber ZAPP: "Wir müssen davon ausgehen, dass es für die Ortskräfte extrem schwierig und gefährlich ist, den Flughafen zu erreichen."

Taliban kontrollieren afghanische Medien

Es ist eine Zeitenwende für Journalistinnen und Journalisten in Afghanistan. Den größten afghanischen Nachrichtensender TOLO News haben die Taliban inzwischen besetzt. Kathrin Eigendorf, die den Sender gut kennt, sieht die Mitarbeiter - und vor allem die Mitarbeiterinnen von TOLO in Gefahr: "Das war ja schon vor der Machtübernahme der Taliban so, dass meine Kolleginnen und Kollegen von TOLO News nur noch im gepanzerten Fahrzeug gefahren sind. Es sind mehrfach Anschläge auf Mitarbeiter von TOLO News verübt worden, 2016 zum Beispiel haben die Taliban bei einem Attentat sieben Mitarbeiter getötet."

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Doch am 17. August laufen Bilder auf dem Sender, die gar nicht nach Gefahr für die Frauen bei TOLO News aussehen: Eine Journalistin interviewt einen Taliban-Sprecher im Studio, eine andere Reporterin berichtet ungestört von den Straßen Kabuls. Die Taliban haben den Medien in Afghanistan Freiheiten zugesagt. Frauen dürften weiter berichten, es gebe keine Zensur. Shafic Gawhari, Geschäftsführer der Moby Group, zu denen TOLO News gehört, nimmt diese Versprechungen allerdings mit Vorsicht an: "Im Moment sind die Taliban respektvoll und entgegenkommend. Ob das so weiter bleibt, ist eine andere Frage. Wir müssen die Entwicklungen der nächsten Wochen abwarten. Wir wissen, wie die Taliban denken und welche Ziele sie verfolgen."

Wochenlang abwarten - das können sich Journalisten wie Amir, die sich durch ihre Zusammenarbeit mit Bundeswehr und deutschen Medien zur Zielscheibe der Islamisten gemacht haben, derzeit nicht leisten. Die Gefahr, dass die Taliban sich doch als die Gewaltherrscher entpuppen, die sie einst waren, ist einfach zu groß.

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ZAPP | 18.08.2021 | 23:35 Uhr