Zeitreise: Vergessene Schriftstellerinnen

Stand: 30.09.2021 17:51 Uhr

Zahlreiche Schriftstellerinnen finden sich aktuell auf den Literatur-Bestsellerlisten. Dabei gab es bereits im 19. Jahrhundert Autorinnen, die für ihre Rechte gekämpft haben.

von Julia Lindenau

Sie hatten sich der Literatur verschrieben, haben für ihre Rechte gekämpft, mal offensiv, mal versteckt, haben sich für die Frauen ihrer Generation stark gemacht - und sind doch in Vergessenheit geraten. Schriftstellerinnen aus dem 19. Jahrhundert - alle aus dem Kreis Ostholstein. Rein zufällig ist der Literaturwissenschaftler und Professor Dr. Axel Walter von der Landesbibliothek Eutin auf ihre Texte gestoßen. Von denen es kaum noch Originalausgaben gibt. Und war so fasziniert, dass er jetzt ein Buch über sie veröffentlicht hat: "Ostholsteinische Schriftstellerinnen des 19. Jahrhunderts".

Schreiben als Therapie

Die Schriftstellerin Amalia Schoppe ist eine dieser Frauen, die den Medienwissenschaftler, der auch an der Hochschule in Vilnius unterrichtet, beeindruckt hat. Sie kam 1791 in Burg auf Fehmarn zur Welt. Ihre Kindheit auf der Insel war unbeschwert, bis der Vater stirbt und sie mit acht Jahren zu ihrem Onkel nach Hamburg gegeben wird. Der misshandelt sie schwer - auch das verarbeitet sie in ihrer Literatur. Auszüge aus ihrer autobiografischen Erzählung "Clementine", erschienen 1838, greift Axel Walter in seiner gerade veröffentlichten Anthologie auf:

"Wehe ihr, wenn sie sich aus Unkenntnis des Weges verirrt hatte und eine Minute nur später ausblieb, als ihr Peiniger hätte haben wollen! In diesem Falle blieb die Züchtigung nie aus, die, um das Übermaß ihrer Leiden zu vermehren, auf eine wahrhaft teuflische und alles ertödten müssende Weise an ihr vollzogen wurde. Der Onkel sah dann auf die Uhr, deutete auf die ihr zur Rückkehr bestimmte Zeit, nahm den starken Haselstock, den besten Gehülfen seiner Erziehungsmethode, (…), und führte sie in das Gehölz hinab, wo er sie so lange schlug, bis sie - nicht mehr schrie und weinte."

Das Schreiben sei für Amalia Schoppe eine Art Kompensation und gleichzeitig ein Eintauchen in eine andere Welt gewesen, erklärt der Literaturwissenschaftler: "Sie hat sich dann immer in eine Nische zurückgezogen und in ihrer eigenen, sehr viel glücklicheren Welt gelebt. Ein Eskapismus, den heute noch jeder verstehen kann. Und das hat sie über Wasser gehalten."

Eine Frau schreibt mit Feder und Tinte im Hintergrund einer Rose. © NDR / Zeitreise
Amalia Schoppe kompensierte ihr Leid und die Misshandlungen durchs Schreiben.
"Frauenliteratur galt als Schund"

Bei Recherchen in der Landesbibliothek Eutin ist Axel Walter auf Amalia Schoppes außergewöhnliche Geschichte gestoßen - und auf die von drei weiteren Schriftstellerinnen. Alles Frauen, die in Vergessenheit geraten sind. "Das liegt daran, dass Frauenliteratur damals und auch oft heute noch, in erster Linie als Unterhaltungsliteratur, als Schund gilt und wenn dann - das ist untersucht worden bei Amalia Schoppe - öffentliche Bibliotheken Regalmeter brauchten, hat man eben Unterhaltungsliteratur vorrangig weggeschmissen. Und dann als erstes gerne die Literatur von Frauen."

Ein selbstbestimmtes Leben als Schriftstellerin

Ein aufgeschlagenes Buch zeigt das gemalte Bild einer Frau. © NDR / Zeitreise
Es gibt nur noch wenige Originalausgaben von Amalia Schoppe, Frauenliteratur wurde damals oft einfach entsorgt.

Im Archiv auf Fehmarn findet sich noch eine der wenigen Originalausgaben von Amalia Schoppe. Dabei hat sie rund 200 Bücher geschrieben, war Herausgeberin einer Modezeitschrift und hat auch selbst für Zeitungen und Fachverlage gearbeitet. Sie war ihrer Zeit voraus: Trotz dreier Söhne trennte sie sich 1821 von ihrem Mann und verdiente später mit der Schriftstellerei den Lebensunterhalt für sich und ihre Kinder. 1851 kehrte sie ihrer norddeutschen Heimat den Rücken und zog zu einem ihrer Söhne nach Amerika. Sie starb 1858 in Schenectady im US-Bundesstaat New York.

Klassische Mädchenliteratur war gefragt

Mitte des 19. Jahrhunderts stieg die Zahl der Schriftstellerinnen dann deutlich an, aber nur in bestimmten Themengebieten, erläutert Axel Walter in seinem Buch. Conradine Stinde aus Lensahn ist so ein Beispiel. Sie schrieb um 1890 klassische Mädchenliteratur. Dabei ging es hauptsächlich um hauswirtschaftliche Themen. Aufgewachsen ist sie im Pfarrhaus von Lensahn, das noch heute dort steht. Als jüngere Schwester des damals berühmten Autors und Theaterregisseurs Julius Stinde, blieb sie im Schatten ihres Bruders. In ihren Texten beschäftigte sie sich mit dieser Rollenverteilung. Wenn auch nur versteckt.

"Ein neues Ratespiel folgte dem Tellerdrehen. Eine von uns musste sich entfernen, währenddessen wählte man ein recht schweres oder langes Wort, wie z.B. Zuckerrübenfabrik, Frauenemanzipation, Individualität oder dergleichen. Wenn die Ratende zurückkam, stellte sie sich in den Laubeneingang und zählte: eins, zwei, drei! Bei drei mussten wir alle gleichzeitig das schwere Wort rufen. Das wird solange wiederholt, bis sie es erraten hat, und diejenige, bei der sie es erraten hat, muss dann außer Hörweite gehen." (Aus: "Im Pastorat zu Hellwigshagen", 1895-1898)

Auch Axel Walter zeigt sich davon überrascht: "Auf einmal im Zusammenhang mit einem Spiel fallen dann die Stichworte Frauenemanzipation und Individualität. Diese Themen waren präsent, aber sie waren immer noch unterm Deckel und finden trotzdem in so eine ganz normale Geschichte subversiv Eingang." Allein als Schriftstellerin anerkannt zu werden, sei damals die Ausnahme gewesen. Und es sei auch heute noch schwierig, ist der Medienwissenschaftler überzeugt: "Nach wie vor fällt es Frauen schwerer sich im Literaturmarkt durchzusetzen als Männern. Das ist immer so geblieben. Und das scheint in Deutschland ein noch etwas mehr ausgeprägtes Phänomen zu sein als im angloamerikanischen Bereich."

Sichern von Kulturgut

Mit seiner Anthologie "Ostholsteinische Schriftstellerinnen des 19. Jahrhunderts" will Axel Walter seltene Texte für kommende Generationen sichern: "Durch dieses Wegwerfen von Büchern, haben wir so viel aus unserem kulturellen Gedächtnis verloren. Das wir überall suchen sollten, was von dieser Literatur noch erhalten ist."

Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 03.10.2021 | 19:30 Uhr