Zeitreise: Kieler Hilfe für die Stadtplanung von München

Stand: 15.08.2021 12:13 Uhr

Von der Fußgängerzone bis zur Hochhaussiedlung von Mettenhof: Kiels Stadtbaurat Herbert Jensen hat die Landeshauptstadt modernisiert - und hat auch Münchens Stadtplanung geprägt.

von Karl Dahmen

Es begann mit einer Beerdigung. Ein Foto vom März 1968: Eine Trauergemeinde verlässt die Kapelle auf dem Friedhof Eichhof in Kiel. Ein Mann fällt unter den Trauergästen besonders auf und kommt einem bekannt vor. Er trägt die schwere Amtskette der Stadt München und beim genaueren Hinsehen erkennt man den damaligen Oberbürgermeister der bayerischen Landeshauptstadt, Hans-Jochen Vogel. Später wurde er Bundestagsabgeordneter und Bundesminister, Kanzlerkandidat und Parteivorsitzender der SPD. Warum besuchte er das Begräbnis des Kielers Herbert Jensen und das in der offiziellen Funktion als Oberbürgermeister von München?

Vater der Fußgängerzonen des ganzen Landes

Ein Mann von der Kieler Stadtplanung steht vor dem Rathausplatz am alten Kieler Rathaus. Er trägt eine kleine runde Sonennbrille © NDR / SH Magazin
Historiker Martin Rackwitz von der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte erklärt, wie es zu der besonderen Beziehung zwischen Kiel und München kam.

Die Antwort weiß der Historiker Martin Rackwitz von der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte. Vogel und Jensen haben jahrelang zusammengearbeitet. Ohne Jensen, sagt der Historiker, hätte es das heutige Kiel und auch das München von heute nicht gegeben. Für beide Städte ist er der entscheidende Stadtplaner. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte er zunächst Kiel neu aufgebaut. Er hat dabei große Straßen rund um das Stadtzentrum geführt und so versucht, die Innenstadt den Fußgängern vorzubehalten. Deshalb gilt er als Vater der Fußgängerzonen, denn in Kiel wurde zum ersten Mal in Deutschland eine Straße nur für Fußgänger gebaut - die Holstenstraße.

Kiel als Vorbild für Deutschland

Kiel wurde in ganz Deutschland Vorbild für eine moderne Stadtplanung. Dadurch war sicherlich der Münchener Oberbürgermeister Vogel auf den Planer dieses Erfolgs aufmerksam geworden und hatte sich gesagt: Das muss der richtige Mann auch für seine Stadt sein. In einem Interview im Bayerischen Fernsehen von 1961 erzählte Jensen dem Moderator, dass es vorgesehen war, ihn für acht Monaten aus Kiel "auszuleihen". Das wäre auch seine Bedingung gewesen, meinte er noch, "denn das Pendeln zwischen zwei so weit auseinander liegenden Städten würde nach meiner Meinung zu keinem guten Ergebnis führen", sagte Jensen damals.

Der "Jensen-Plan" für München

Die Kieler Innenstadt an einem belebten Tag in der Einkaufsstraße © NDR / SH Magazin
Die Kieler Innenstadt gilt als eine der längsten Fußgängerzonen Deutschlands. Als die Erste ihrer Art ist sie ein Vorbild für viele andere Städte, darunter auch München.

Er entwickelte einen Plan zur Modernisierung Münchens bis zum Jahr 1990, der 1963 von der Ratsversammlung verabschiedet wurde. Dieser "Jensen-Plan" genannte Entwurf ist die Grundlage der Stadtentwicklung Münchens. Er hatte die U-Bahn eingeführt und die S-Bahn ausgebaut. Er hatte sich überlegt, wie man die Menschen am schnellsten aus dem Umland in die Stadt bekommt und gleichzeitig die Innenstadt für Fußgänger so attraktiv wie möglich macht. Die 1972 eingerichtete Fußgängerzone in München beruht auf den Plänen des Kielers Jensen. Er war der Meinung, dass die Innenstadt Münchens ganz nach dem Kieler Vorbild "dem Fußgänger wieder recht zugänglich und erlebbar" gemacht werden muss. Mit dem "Jensen-Plan", sagen viele Architekten noch heute, wurde 1963 geradezu eine neue Großstadttypologie erfunden. 

Respekt und Dank vom Oberbürgermeister

Der damalige Oberbürgermeister Münchens, Vogel, hätte Jensen gern fest als Chef des Stadtbauamtes verpflichtet, aber Jensen hatte andere Pläne. Er ging aber auch nicht zurück nach Kiel, noch wollte er eine Stelle als Staatssekretär im Bundesbauministerium annehmen. Stattdessen nahm er einen Ruf als Professor nach Braunschweig an, um dort den Bau von Städten zu planen und zu erforschen.

Während der Sitzung eines Preisgerichts 1968, dessen Mitglied er war, hatte Jensen einen Herzinfarkt, an dem er starb. Beerdigt wurde er in seiner Geburtsstadt Kiel. Dass Vogel an seiner Trauerfeier teilnahm, war zugleich Zeichen seines Respekts und Dank für die Leistung des Kielers bei der Stadtentwicklung Münchens. 

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Dampflokomotive aus dem 19. Jahrhundert. © dpa - report Foto: Votava

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 15.08.2021 | 19:30 Uhr