Zeitreise: Erinnerungen an ein kurioses Schiffsunglück 1968

Stand: 08.01.2021 15:00 Uhr

In den 1960er-Jahren kam es in der Nordsee beinah zu einer Schiffskatastrophe. Aber ein Fährkapitän und eine gehörige Portion Glück verhinderten Schlimmeres.

von Karl Dahmen

Es war zunächst ein ganz normaler Montagmorgen für Annelie Hauschildt. Die 17-Jährige bestieg zusammen mit Freundinnen am 15. Januar 1968 die "Pidder Lyng". Die Fähre sollte sie und die anderen von Föhr nach Dagebüll bringen. Ihr Ziel: die Berufsschule in Niebüll. Die "Pidder Lyng" war die erste Autofähre an der gesamten deutschen Nordseeküste. Auf ihr fühlte sich die junge Frau sicher, vor allem weil sie den Kapitän des Schiffes gut kannte. Es war ihr Vater, August Hauschildt - ein ruhiger und besonnener Mann, der schon lange zur See fuhr. Weil er die Pfeife nie aus dem Mund nahm, nannte man ihn hier ganz allgemein den "Kapitän mit der Piep". Auch wenn der Wind kräftig wehte, ahnte wohl niemand an Bord, dass diese Fahrt nach Dagebüll ein einzigartiges Ereignis wurde.

Historische Aufnahme von August Hauschildt, Kapitäns der Fähre "Pidder Lyng". © Annelie Hauschildt
Kapitän August Hauschildt steuert damals die Fähre.
Bei Sturm und Kälte über das Wattenmeer

Während der Überfahrt wurde der kräftige Wind zu einem Sturm. Es war kalt, das Wattenmeer voller Eisschollen, die gegen das Schiff schlugen. Annelie Hauschild war die meiste Zeit des Tages unter Deck. Sie nannte die "Pidder Lyng" auch Kellerdampfer, weil der Salon nahe an der Wasseroberfläche war und nicht hoch über Deck, wie es heute der Fall ist. Mehrere Stunden lang kämpfte die Fähre gegen Wasser und Eis an. Aber die Passagiere machten sich keine Sorgen: Sie wussten, solange Kapitän August Hauschildt die Pfeife im Mund hatte, schien alles in Ordnung.

Strandung an der Nordseeküste

Es war schon Nachmittag, als Annelie Hauschildt ein krachendes Geräusch hörte. Eis drückte die Bullaugen des Salons ein. Wasser lief in das Schiff. Gleichzeitig wurde die Ruderanlage durch Eisschollen beschädigt. Jetzt nahm der Kapitän dann doch die Pfeife aus dem Mund. Es wurde brenzlig. Er funkte SOS und von Amrum lief die "Ruhr-Stahl" aus, ein Veteran unter den Seenotrettungskreuzern. Seiner Besatzung gelang es, eine Leine zu der Fähre hinüber zu werfen. Mit ihrer Hilfe wollte die "Ruhr-Stahl" die "Pidder Lyng" abschleppen.

Die Fähre "Pidder Lyng" liegt an einem Steg im Eis. © Annelie Hauschildt
Die "Pidder Lyng" kämpte gegen die Eismassen an.

Doch dann passierte es: Durch Eis und Wind geriet die Leine in die Schraube des Rettungskreuzers. Jetzt waren beide Schiffe in Seenot. Inzwischen war es fast dunkel. Seit zehn Stunden kämpfte die Besatzung der Fähre schon mit den Naturgewalten. Doch was dann geschah, dafür hatte kaum jemand eine Erklärung. Der Sturm, das Eis, die auflaufende Flut und eine besonders große Welle beförderten beide Schiffe mit einem Mal auf den Deich von Dagebüll. Dort lagen sie dann hilflos auf den großen Steinen.

Zwei Schiffe auf dem Deich

Historische Aufnahme von Passagieren an Bord der Fähre "Pidder Lyng". © Annelie Hauschildt
Die Schiffe sind zwar gestrandet, die Passagiere jedoch haben das Manöver unbeschadet überstanden.

Die Feuerwehren von Dagebüll und Fahretoft konnten die Passagiere mit Hilfe eines Schaufelbaggers von Bord holen. Ein kleines Wunder, dass niemand an Bord verletzt wurde. Die Feuerwehrleute bekamen schließlich noch einen Grog an Bord. Fast vier Wochen blieben die Schiffe auf dem Deich liegen und wurden zu einer Sehenswürdigkeit an der Nordseeküste. Anfang Februar 1968 hob ein Schwimmkran die Schiffe wieder vom Deich herunter. Bald waren beide wieder im Dienst.

Keine Schuld der Schiffsführung

Das Seeamt in Flensburg sah wenig später bei einer Verhandlung über die Strandung keine Schuld bei der Schiffsführung. Dass der Wind in einen Orkan umschlagen würde, konnte Kapitän Hauschildt nicht ahnen - so steht es im Urteil. Der Kapitän "mit der Piep" fuhr noch bis zu seiner Pensionierung die Fähren zwischen den Inseln und dem Festland. Und über die Geschichte mit den beiden Schiffen auf dem Dagebüller Deich reden die Menschen in Nordfriesland noch heute.

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Dampflokomotive aus dem 19. Jahrhundert. © dpa - report Foto: Votava

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