Sendedatum: 23.06.2019 19:30 Uhr

Zeitreise: Kartoffeln statt Kanonen

von Karl Dahmen

Otto Stoll hatte noch eine letzte schwierige Aufgabe zu bewältigen, bevor er einen Hof bekam. Er musste heiraten. Denn ohne eine Frau würde ihm der Staat keine Bauernstelle im Lockstedter Lager überlassen. Stoll war als Soldat des 3. Kurländischen Infanterie Regiments nach Schleswig-Holstein gekommen. Das Regiment war eine der letzten kämpfenden Truppen des Ersten Weltkriegs gewesen. Im Baltikum hatten sie den Vormarsch der sowjetischen Truppen auf Lettland und Litauen gestoppt, bevor sie 1920 auf Befehl der siegreichen Alliierten nach Deutschland zurückkehren mussten. Sie waren eine kampferprobte Truppe, die die "Eisernen Soldaten" genannt wurden.

Ein altes schwarz-weiß Foto zeigt ehemalige Soldaten, die nach dem 1. Weltkrieg zu Landwirten in Schleswig-Holstein wurden. © NDR

Aus einem Truppenübungsplatz wird Ackerland

Schleswig-Holstein Magazin -

Nach Ende des Ersten Weltkriegs bekommen die Soldaten von der Reichsregierung Ackerland in Schleswig-Holstein. So tauschen sie Gewehr gegen Pflug und werden zu Landwirten.

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Leben und Arbeiten im Lager Lockstedt

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Die "Eisernen Soldaten" versuchten nach Ende des Ersten Weltkrieges eine neue Heimat im heutigen Hohenlockstedt zu finden.

Etwa 500 von ihnen bekamen die Zusage der Reichsregierung, Arbeit auf dem ehemaligen kaiserlichen Truppenübungsplatz des Lockstedter Lagers zu bekommen. Einige von ihnen sollten sogar eine Siedlerstelle bekommen und durften einen eigenen Hof besitzen. So einen wollte natürlich jeder gern haben. Weil die Bedingung Heiraten hieß, machten sich die meist jungen Soldaten auf Brautschau. Im ganzen Raum Itzehoe wurde versucht, eine Frau zum Heiraten zu finden. Auch Otto Stoll war auf der Suche nach seiner Bäuerin und fand sie auch, ausgerechnet im Lager Lockstedt. Hier gab es eine Baracke, in der sich die Soldaten mit dem Nötigsten versorgen konnten. Verwaltet wurde sie von Frau Hasch und diese hatte zwei Töchter. Eine davon konnte Otto Stoll für sich gewinnen, heiratete sie und bekam daraufhin tatsächlich eine Hofstelle im Ortsteil Ridders. Insgesamt erhielten 79 ehemalige Soldaten eine Bauernstelle in der Gemeinde Lockstedter Lager, die 1956 in Hohenlockstedt umbenannt wurde.

Als das größte Kartoffelanbaugebiet entstand

Otto Stoll und die anderen Neu-Bauern mussten nun das Land kultivieren. Sie tauschten das Gewehr gegen die Schaufel und verwandelten den harten Boden des ehemaligen Truppenübungsplatzes in Ackerland. Der sandige Boden war prädestiniert für Kartoffeln. So entstand in Hohenlockstedt eines der größten Kartoffelanbaugebiete Norddeutschlands. Heute bewirtschaftet Holger Stoll den Bauernhof seiner Familie. Wie bei seinem Großvater Otto steht auch bei ihm die Kartoffel im Mittelpunkt. "Ohne Kartoffel geht gar nichts", sagt er. In diesen Tagen erntet er seine ersten Frühkartoffeln.

Keine leichte Zeit

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Die ehemaligen Soldaten tauschten das Gewehr gegen die Schaufel und verwandelten den harten Boden des ehemaligen Truppenübungsplatzes in Ackerland.

Sein Betrieb ist neben dem Hof von Siegfried Thurau der einzige in Ridders, der noch von den Siedlerbetrieben der Soldatenbauern übrig geblieben ist. Viele gaben auf, weil die Arbeit zu schwer und die Bauernstelle zu klein war. Bei manchen klappte es auch mit der Ehe nicht. Ohne den Rückhalt einer Bäuerin war es schwer, einen Hof durch die Jahre zu bringen.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 23.06.2019 | 19:30 Uhr

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