Zeitreise: Internationale Jazztage in Eutin

Stand: 28.05.2021 17:00 Uhr

Statt gediegene Klassikabende ging es drei Jahre lang hoch her in Eutin: Noch heute sind die "Internationalen Jazztage" vielen in Erinnerung geblieben.

von Andreas Bell

Reisen wir doch mal kurz 40 Jahre zurück - in die Jahre 1979 bis 1981: Was war da los? Die Grünen gründeten sich als Partei, die Neue Deutsche Welle beherrschte die Musikszene, Schimanski fluchte sich durch den Tatort. Und was noch? In Eutin trafen sich die Weltstars des Jazz. Kaum zu glauben, aber wahr. Nur heute erinnert sich so gut wie niemand mehr daran.

Das vergessene Festival

Auf der Seebühne im Schlossgarten in Eutin setzte man seit Jahrzehnten auf gediegene Unterhaltung. Klassikkonzerte, Opern, Carl Maria von Weber standen auf dem Programm. 1979 wurde alles anders. Die ersten Internationalen Jazztage wurden geplant. "Gegen einigen Widerstand der eher konservativen Honoratioren der Stadt Eutin", so Eckhard Meier, damals Jungredakteur bei den Lübecker Nachrichten. Wie wenig das Großereignis damals wahrgenommen wurde, ließ sich auch an der Berichterstattung ablesen. Eckhard Meier berichtete nur für den Lokalteil, die Eutiner Nachrichten. Und das, obwohl Jazzgrößen wie B.B. King, Fats Domino und Ray Charles anreisten, um auf der Seebühne zu spielen.

Härtetest für die Tribünenkonstruktion

Die halbrunde Tribüne im Eutiner Schlossgarten war vier Jahre vorher neu gebaut worden - als sogenannter fliegender Bau. Eine Konstruktion aus ineinander verschachteltem, feuerverzinktem Stahlrohr, die jederzeit wieder abgebaut werden konnte. Allerdings war sie geplant für ein ruhig sitzendes Klassikpublikum, nicht für ein mitwippendes und heftig klatschendes Publikum, wie das der Jazztage. Bei den Jazzkonzerten war die Tribüne oft überfüllt, statt 2000 drängten sich bis zu 4000 Zuschauer auf den Rängen. Tribünen-Konstrukteur Rainer Grimm erinnert sich: "Ich habe ganz oben gesessen, weil mich das Schwingungsverhalten als Konstrukteur interessierte. Und auch, weil mich Freunde und Bekannte angesprochen hatten und meinten, sie wären dann beruhigter, wenn ich da oben säße. Ist alles gut gegangen. Die Tribüne hat gehalten. Und hält bis heute."

Unvergessliche Atmosphäre und ein Hauch Legende

Eine handgeschriebene Widmung von Ella Fitzgerald im Goldenen Buch der Stadt Eutin. © Andreas Bell Foto: Andreas Bell
Ein Teil der Legende ist jedenfalls wahr, wie diese handgeschriebene Widmung von Ella Fitzgerald im Goldenen Buch der Stadt Eutin beweist.

Regine Jepp vom Büro für Eutiner Stadtgeschichte ist vor allem ein Konzert mit Ella Fitzgerald in Erinnerung geblieben. Jepp war damals gerade mit ihrem Studium fertig und erlebte die große Jazzsängerin an einem kühlen, regnerischen Sommerabend. "Bei den ersten Takten von Summertime, war das alles vergessen. Gänsehautfeeling pur." Konzertfotos von Ella Fitzgerald waren nicht erhalten. Aber dafür jede Menge Geschichten um die Jazztage. So zum Beispiel diese: Angeblich hatte jemand aus der Veranstalterriege das Goldene Buch der Stadt Eutin aus dem Rathaus geschmuggelt, in dem sich auch die Jazzgrößen verewigt hatten. Die Stadtoberen haben dann aber die Seiten wieder entfernt, weil die Einträge inoffiziell waren. Wahrheit oder Legende? Der Eutiner Bürgermeister Carsten Behnk hat für uns im Golden Buch der Stadt aus den Jahren 1979 bis 1981 nachgeguckt - und keine herausgerissenen Seiten gefunden. Aber einen Eintrag von Ella Fitzgerald, die sich bedankt, dass alle so freundlich zu ihr gewesen seien.

Erinnerung in Schwarz-Weiß

Eine Kleinstadt mit rund 17.000 Einwohnern hat drei Jahre lang Weltstars zu Gast. B. B. King ist da gewesen, Ray Charles, Lionel Hampton, Oscar Peterson, Ella Fitzgerald, Chuck Berry, Muddy Waters. Dann war es plötzlich vorbei. Es hat noch einen Versuch einer Neuauflage gegeben, 1986. Aber die echten Internationalen Jazztage Eutin hatte es nur drei Jahre gegeben, von 1979 bis 1981. Und sie leben doch ein bisschen weiter. Allerdings nur noch auf einigen Schwarz-Weiß-Fotos und in der Erinnerung von Zeitzeugen wie Regine Jepp, Rainer Grimm und Eckhard Meier. 

Weitere Informationen
Dampflokomotive aus dem 19. Jahrhundert. © dpa - report Foto: Votava

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 30.05.2021 | 19:30 Uhr