Sendedatum: 21.10.2018 19:30 Uhr

Zeitreise: Die verschwundene Thorarolle

von Karl Dahmen

Abraham Domb-Dotan kroch vorsichtig durch die Tür der Lübecker Synagoge und war entsetzt über das, was er sah. Überall lagen Stühle und Tische wild durcheinander. Vor allem aber lag dort die zerrissene Thorarolle, das Heiligste jeder Jüdischen Gemeinde. Sie beinhaltet die fünf Bücher Mose, aus ihr wird mehrere Male in der Woche vorgelesen. Man merkte Abraham Domb-Dotan auch als altem Mann noch an, wie erschüttert er über den Anblick war, den er damals als 13-Jähriger ertragen musste.

Gesticktes jüdisches Symbol.

Zeitreise: Die Suche nach der Thorarolle

Schleswig-Holstein Magazin -

In der Reichspogromnacht haben SA-Männer die Thora der Lübecker Synagoge zerrissen. Nach jüdischer Tradition wurden die Reste auf einem Friedhof begraben. Bis heute wird danach gesucht.

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Reste der Thorarolle begraben

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SA-Männer hatten die Thorarolle in der Nacht vom 9. November 1938, der Reichspogromnacht, aus ihrem Schrein geholt, sie zerfetzt und beschmutzt. Als die SA-Männer endlich verschwunden waren, fragte ein älteres Gemeindemitglied den jungen Abraham Domb-Dotan, ob er nicht helfen könne, die Reste der Thora zu retten. Und so schlich sich Domb-Dotan in die Synagoge, trug die Schnipsel und Überbleibsel der Thora zusammen und reichte sie durch Fenster heraus. Es gibt eine Tradition in der Jüdischen Religion: Wenn aus irgendeinem Grund die Thora nicht mehr benutzt werden kann, soll sie wie ein Mensch auf einem Friedhof begraben werden.

Zerstörung der vielen Synagogen

Und der Thoragelehrte Abraham Frankenthal beerdigte die heilige Thorarolle an einem geheimen Ort. Abraham Domb-Dotan hat heute vergessen, wo dieser Ort ist. Vielleicht direkt auf dem Gelände der Synagoge oder einige Kilometer weiter, auf dem Jüdischen Friedhof im Stadtteil Moislingen. Bis heute ist die Thorarolle verschwunden. Insgesamt sind in der Nacht vom 9. auf den 10. November vor 80 Jahren in Deutschland geschätzt 1.400 Jüdische Synagoge und Bethäuser beschädigt und zerstört worden. Die Lübecker Synagoge wurde zwar nicht niedergebrannt, aber sie wurde demoliert und in eine Sporthalle umgebaut. Die Lübecker Juden mussten flüchten oder kamen in Gefangenschaft. Viele starben in den deutschen Konzentrationslagern. Nur elf Lübecker Juden kehrten nach dem Krieg aus den Lagern zurück.

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Die Synagoge in Lübeck wird derzeit renoviert.
Geschichte der Lübecker Synagoge setzt sich fort

Heute gibt es wieder eine Jüdische Gemeinde in Lübeck mit fast 700 Mitgliedern. Derzeit wird die Synagoge renoviert. Und die Gemeinde mit einem frisch ernannten Rabbiner hofft, im kommenden Jahr im neuen Haus wieder Gottesdienste feiern zu können. Dann wird aus einer Thora vorgelesen, die es inzwischen wieder neu gibt. In unserer Zeitreise erzählen wir von den Geschehnissen vor 80 Jahren und der Suche nach der Lübecker Thora.

Die Synagoge Lübeck

Seit 1880 steht die Synagoge Lübeck in der St.-Annen-Straße. Während der Reichspogromnacht 1938 wird die Synagoge im Inneren verwüstet, das Gebäude selbst bleibt verschont - wohl, weil ein Verkauf an die Stadt bereits vorgesehen ist. Die Stadt verwandelt die Synagoge von einem Gebäude im maurisch-byzantinischen Stil mit Kuppel in einen schlichten Backsteinbau und nutzt es unter anderem als Turnhalle. Den ersten Gottesdienst nach dem Ende der Nazizeit feiern die verbliebenen etwa 250 Lübecker Juden am 1. Juni 1945. Am 1. September wird die Synagoge neu eröffnet.

In den folgenden Jahrzehnten sinkt die Zahl der Gemeindemitglieder weiter, da viele Juden auswandern. Durch die Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion ab 1991 erfährt die Gemeinde eine Neubelebung und zählt heute mehr als 600 Mitglieder. Seit 2014 wird das Gotteshaus umfangreich saniert, bis Ende 2019 soll der Umbau abgeschlossen sein. Die Jüdische Gemeinde hofft, dass sie dann ihre Synagoge wieder nutzen kann. Seit Beginn der Sanierung musste sie ihre Gebete meist im Keller des benachbarten Bürogebäudes abhalten.

Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 21.10.2018 | 19:30 Uhr

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