Zeitreise: Die große Zeit der kleinen Kinos in den 1920ern

Stand: 09.01.2022 11:19 Uhr

Die 1920er-Jahre waren in Deutschland eine Zeit der Krisen. Aber auch eine Zeit der Träume - zumindest auf der Leinwand.

von Nais Baier

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Film zum Massenmedium und Babelsberg zum Filmimperium - das zweitgrößte nach Hollywood. Deutschland produzierte und konsumierte mehr Filme als der gesamte Rest Europas.

Kino auf der Lübecker Altstadtinsel

Henni und Willi Behnke lächeln vor einer bemusterten Tapete in die Kamera. Ein altes Archivbild. © Michael Griffin
Henni und Willi Behnke kümmern sich damals um das Lübecker Kino.

Bis zu 5.000 Kinos gab es damals in Deutschland - eines davon befand sich mitten auf der Lübecker Altstadtinsel: Im ersten Stock der Königstraße 25, gegründet vom Volks-Kino Bürgerverein, eröffnet im Mai 1919. In einer Stadt und einer Zeit, in der das Leben sonst wenig Freuden bot. Alles war knapp: Wohnraum, Lebensmittel, Kohlen. In dieses Lübeck kam Anfang der 1920er Jahre die 16-jährige Henni, auf der Suche nach Arbeit. Mit zwei anderen Mädchen teilte sie sich ein Zimmer, gemeinsam versuchten sie, über die Runden zu kommen - zum Beispiel, indem sie sich in Cafés von den männlichen Gästen Gebäckstücke erbettelten. Ein junger Mann erregte dabei Hennis Aufmerksamkeit: "Der kam immer rein und hat den Kopf so schräg gehalten. Meine Oma fand den irgendwie gut", erinnert sich Michael Griffin, Hennis Enkel, an ihre Erzählungen. "Und sie dachte, das müsste ein Geiger sein, weil er den Kopf immer so schräg gehalten hat - dass er da seine Violine einklemmt. Er war aber gar kein Geiger, sondern er war Filmvorführer."

Die Platzanweiserin und der Filmvorführer

Willi Behnke hieß dieser junge Mann und er arbeitete damals im Kino in der Königstraße. Er beschaffte Henni dort ebenfalls eine Arbeit: als Platzanweiserin. Bis in die 1930er Jahre arbeiteten die beiden gemeinsam hier - und: Die Platzanweiserin und der Filmvorführer heirateten.

Der alte Kinosaal von Henni und Willi Behnke aus Lübeck vor der Renovierung. © Andreas Hagenkötter
So sieht der alte Kinosahl der Behnkes noch vor der Renovierung aus.

Fast 100 Jahre später erzählt ihr Enkel Michael Griffin ihre Geschichte dem heutigen Besitzer des Kino-Gebäudes: 2016 kauften Andreas Hagenkötter und seine Frau das Haus rund um das ehemalige Kino. "Eigentlich wollten wir nur in der Altstadt wohnen, aber - das hört sich jetzt komisch an - wir haben nichts anderes gefunden", erzählt Andreas Hagenkötter. "An dieses Gebäude hat sich wegen des großen Aufwands keiner herangetraut und dann steht man vor der Aufgabe: Man hat ein Gebäude gekauft und dann liest man und sieht einen alten Kinosaal."

Unterhaltung, Wärme und Welt-Nachrichten

In den 1920er Jahren strömten die Lübecker hierhin, in die Eden-Lichtspiele, wie das Kino damals hieß. Trotz aller Krisen und Armut, denn: Es ist günstig, beheizt, bietet Ablenkung - und Nachrichten. Ereignisse im Ausland, wie zum Beispiel die Beisetzung der Deutschen Kaiserin im April 1921, konnten die Deutschen nur im Kino sehen. "Neben der Tageszeitung waren die Wochenschauen, die die Kinogänger neben dem Hauptfilm stets zu sehen bekamen, die Haupt-Informationsquellen der Menschen", weiß Dr. Jan Lokers vom Lübecker Stadtarchiv. Hier sucht Andreas Hagenkötter weiter nach Puzzlestücken aus der Geschichte "ihres Kinos". Seine Frau und er haben es sich zur Aufgabe gemacht, alles zu dokumentieren: In einem selbstgestalteten Flyer und einer Vitrine mit alten Filmplakaten und Kino-Fundstücken im Hauseingang. "Das war ein Teil des kulturellen Lebens in Lübeck und das kann man nicht einfach nur wegräumen und wegschmeißen", erklärt Andreas Hagenkötter. "Wenn wir schon das Kino nicht wieder aufleben lassen, wollten wir zumindest die Geschichte ordnungsgemäß dokumentieren. Wir fanden einfach, das ist man der Geschichte eines solchen Kinos schuldig." Andreas Hagenkötter und seine Frau entscheiden sich 2016 gegen eine Neueröffnung des Kinos: zu kostspielig, zu stark die Konkurrenz.

Aus Kinosaal wird Tanzsaal

Der alte Kinosaal von Henni und Willi Behnke aus Lübeck nach der Renovierung. Heute ist er ein offener Tanzsaal mit Bar, hell und einladend, mit Fenstern. © Andreas Hagenkötter
Heute lädt der ehemalige Kinosaal zum Tanzen ein - groß, geräumig und mit Fenstern.

Der Ort soll für die Lübecker aber dennoch weiterhin zugänglich sein: Sie verwandeln den Kinosaal in einen Tanzsaal. Bei einem Tango-Abend im Herbst 2021 fand sich Michael Griffin so am alten Arbeitsplatz seiner Großeltern wieder: "Das war schon ein ganz besonderes Gefühl nach 80, 90 Jahren plötzlich wieder auf ihren Pfaden zu wandeln: Ich geh jetzt dieselben Wege, die meine Großeltern schon gegangen sind. Ich geh durch die Türen, durch die sie gekommen sind, ich fasse die Türklinken an. Das ist, als ob man sich in so einer Zeitkapsel befindet und plötzlich die 20er Jahre wieder lebendig werden vor einem."

Seit 1985 gibt es in der Königstraße 25 in Lübeck kein Kino mehr, die Spuren aus den großen Tagen der Filmgeschichte sind hier aber weiterhin sichtbar. Wer einen Blick auf das heutige Gebäude werfen will, kann das unter www.edenluebeck.de.

Weitere Informationen
Dampflokomotive aus dem 19. Jahrhundert. © dpa - report Foto: Votava

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 09.01.2022 | 19:30 Uhr