Zeitreise: Deportationen von psychisch kranken Menschen

Stand: 07.10.2021 17:51 Uhr

Vielen Angestellten im UKSH und in der Uni ist das vermutlich nicht bewusst: Sie arbeiten in Gebäuden der ehemaligen Heilanstalt Strecknitz, die einst eine Reformanstalt für psychisch Kranke war.

von Martina Dernehl

Bei der Eröffnung der Heilanstalt Strecknitz kurz vor dem Ersten Weltkrieg war sie Stolz der Hansestadt Lübeck. Bis 1933 standen hier das individuelle Wohl der Patientinnen und Patienten und die modernen Grundsätze psychiatrischer Therapiemaßnahmen im Vordergrund. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten galt der Fokus nicht mehr dem Individuum, sondern dem "Volkskörper". Jede Form menschlicher Behinderung wurde dazu benutzt, Menschen zu "Ballastexistenzen" abzustempeln, um sie im Zuge der "Euthanasie"-Programme systematisch zu vernichten.

So kam es im September 1940 zur Deportation von zunächst 20 jüdischen Patienten in die Vernichtungsanstalt Brandenburg. Ein Jahr danach, am 23. September 1941, wurden im Zuge der Auflösung von Strecknitz rund 600 Patientinnen und Patienten unter anderem in die hessischen "Durchgangsanstalten" Eichberg, Herborn und Weilmünster deportiert, wo fast alle durch Vernachlässigung, Hunger, Krankheit oder einer Überdosis Schlafmittel starben. An ihr Schicksal erinnert in der Nähe von Haus 6 (Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie) ein Gedenkstein.

Recherchen des Lübecker Psychiaters Dr. Peter Delius

Dass dieser Gedenkstein dort steht, geht auf das Engagement des Lübecker Psychiaters Dr. Peter Delius und seinen damaligen Mitstudierenden zurück. Delius schreibt in den 1980er-Jahren seine Doktorarbeit über die Ermordung der Strecknitzer Patientinnen und Patienten. Er recherchiert und findet vor 40 Jahren im Turmgebäude der ehemaligen Anstalt Akten und ein Entlassungsregister zwischen Staub und Taubenkot. Schon bald konnte er Angehörige von Ermordeten und wenige Strecknitz-Überlebende interviewen. Ein Teil der Krankenakten der damals Deportierten steht inzwischen in Kopie im Lübecker Institut für Medizingeschichte.

Vernichtung jüdischer Menschen mit geistiger Behinderung

Das Regime hat nicht nur psychisch Kranke im Visier, sondern auch jüdische Menschen mit geistiger Behinderung. Heute erinnern Stolpersteinen an die Ermordeten. Auf dem Campus der Universität Lübeck steht ebenfalls ein Gedenkstein. Die Medizin-Studentin Frederike Heiden will daneben Tafeln aufstellen - mit den rund 600 Namen der Getöteten der Lübecker Heilanstalt Strecknitz. "Unsere Generation wächst so auf, dass es keine Zeitzeugen mehr gibt. Umso wichtiger ist es, dass es Gedenksteine gibt, Mahnmale - etwas, was uns aktiv erinnert, dass so etwas passiert ist und dass es nie wieder passieren darf", sagt sie.

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Dampflokomotive aus dem 19. Jahrhundert. © dpa - report Foto: Votava

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