Zeitreise: Christian Henrich Heineken, Wunderkind aus Lübeck

Stand: 13.06.2021 11:33 Uhr

Ob Wolfgang Amadeus Mozart oder Michael Jackson: Zu allen Zeiten gab es immer wieder eine große Faszination für kindliche Genies. Wussten Sie, dass das Ur-Wunderkind aus Lübeck kommt?

von Janina Harder

Christian Henrich Heineken ist ein scheinbar normales Baby in einem gut-bürgerlichen Umfeld in Lübeck. Die Eltern sind Maler. Die Mutter ist nicht imstande, ihr Kind selbst zu stillen. Eine Amme übernimmt diese Aufgabe seit seinen ersten Lebenstagen. Das ist im Jahr 1721 nichts Ungewöhnliches bei wohlbetuchten Familien. Aber im Alter von zehn Monaten passiert etwas, was das Leben des kleinen Christian Henrich Heineken für immer verändern wird. Es hat mit einem Fayenceofen zu tun - und mit der plattdeutschen Sprache, weiß Cornelia Nicolai. Sie ist Museumspädagogin beim Lübecker St. Annen Museum und hat sich intensiv mit Christian Henrich Heinekens Lebensgeschichte beschäftigt.

Offenbarung des Talents mit zehn Monaten

"Die Amme hat dem kleinen Christian viele Bilder auf dem Fayenceofen gezeigt und sie ihm vorgesprochen, wie man das bei Babys eben so macht", erzählt Cornelia Nikolai. "Kiek mol Christian, dat is een Schaap, dat is een Peerd, dat is een Katt un dat is een Kerkturm", erklärt die Amme dem zehn Monate alten Baby. Am nächsten Morgen war sie erstaunt, welche Worte da aus dem kleinen Menschen hervorsprudelten. Jedes der Bilder habe der Kleine korrekt betitelt und auch zuordnen können, erzählt die Museumspädagogin. "Das hatte zur Folge, dass die Eltern beschlossen hatten, dass Talent muss unbedingt weiter gefördert werden", erzählt sie. Und da traf es sich gut, dass ein gelehrter schleswiger Adeliger, Christian von Schöneich, bereits bei den Heinekens zur Untermiete wohnte. Der bot sich sofort an, den Kleinen zu unterrichten.

Kleinkind kann 80 Psalmen und 200 Kirchenlieder auswendig

Hauslehrer von Schöneich beginnt, mit dem Säugling die Bibel durchzuarbeiten. Bereits mit 14 Monaten soll der Kleine 80 Psalmen und 200 Kirchenlieder auswendig gekannt haben. Das schreibt zumindest der Hauslehrer später. Die Amme soll von Anfang an dagegen gewesen sein. "Er konnte sehr schnell diese Bibelstellen herleiten, auswendig sagen und richtig anwenden", erzählt Nikolai. Schöneich geht schnell dazu über, dem Jungen außerdem Latein beizubringen. 150 neue Lateinvokabeln lernt das Kind pro Woche.

Mit anderthalb Jahren kann der Junge vier Sprachen: Deutsch, Plattdeutsch, Latein und Französisch. Später folgen Weltgeschichte und Geografie. Christian Henrich Heineken kann sämtliche Flüsse und Hauptstädte Europas aufsagen. Auch in Mathematik und Anatomie brilliert er. "Ein ganzes Menschengerippe hat Christian in allen Teilen begriffen", notiert Lehrer von Schöneich. Auch kennt der Junge alle Herrschergeschlechter Europas auswendig.

Wie ein Computer ohne Löschtaste

"Das war sicherlich fast wie ein verlockendes Experiment, dass man so einem kleinen Menschen soviel eingeben konnte an Wissen", sagt Cornelia Nikolai. "Er behielt wirklich alles, konnte quasi wie ein Computer ohne Löschtaste alles hersagen und an der richtigen Stelle wiedergeben." Nur bei Tisch machte der Kleine Probleme: Er verweigerte jegliche feste Nahrung. Will ausschließlich von seiner Amme gestillt werden. Von Schöneich schreibt darüber: "Statt zu essen, hat Christian alles über Namen, Ursprung, Kräfte und andere Umstände der Speisen betreffend in Erfahrung bringen wollen." Christian bekommt schweren Durchfall, trocknet aus, magert ab.

"Man vermutet heute aus den Schilderungen der vielen Krankheitsbilder, die der Kleine laut der Lebensbeschreibung von Hauslehrer Schöneich gehabt haben soll, dass der Junge möglicherweise an einer Form der Zöliakie gelitten hat", erklärt die Museumspädagogin. Das ist eine Glutenunverträglichkeit, die es dem Körper unmöglich macht, die Klebestoffe von Getreide zu verarbeiten. Eine Krankheit, die in der damaligen Zeit noch vollkommen unbekannt ist. Christian ist immer wieder wochenlang krank. Aber sein Wissensdurst ist ungebrochen - schreibt zumindest Hauslehrer von Schöneich. Kritische Leser seiner Schriften vermuten, dass er den Jungen trotz Krankheit immer wieder zum Lernen drängte.

Früher Tod wird prophezeit

Eine historische schwarz-weiß Aufnahme von Christian Heinrich Heineken. © NDR
Bereits 1725 stirbt der Junge im Alter von nur vier Jahren nach einer längeren Erkrankung.

Trotz seines schlechten Gesundheitszustands kommen immer wieder Besucher ins Haus der Heinekens, die sich von dem außergewöhnlichen Genie des Jungen überzeugen wollten. Unter ihnen auch der Rektor des Lübecker Katharineums. Zwei Stunden lang testete er den drei Jahre alten Jungen. Währenddessen verlangte das Kind 24 Mal nach der Brust der Amme. Der Rektor lobte sein "wunderwürdiges Gedächtnis", prophezeit ihm aber einen frühen Tod.  

Audienz beim Dänischen König

Christian wurde noch kränker. Unternahm trotzdem eine Reise ins dänische Frederiksborg und hatte dort eine Audienz beim Dänischen König. Im St. Annen Museum sind die 300 Jahre alten Stiefel zu sehen, die er zu diesem Anlass getragen hat. Nach der Befragung war sich der König sicher: Das Kind war ein Miraculum. Der Begriff Wunderkind war geboren. Ob nicht die übermäßige geistige Arbeit Schuld an seinem schlechten körperlichen Zustand sei, möchte der Monarch noch vom Hauslehrer wissen. Aber der wiegelte ab. Mit vier Jahren wurde Christian abgestillt. Sein Zustand verschlechterte sich weiter, weil er keine feste Nahrung vertrug. Mit nur vier Jahren, vier Monaten und 21 Tagen starb das Lübecker Wunderkind. "Herr, nimm meinen Geist auf" - das sollen seine letzten Worte gewesen sein.

Junge könnte ein "Savant" gewesen sein

"Dieses Genie, dieses Wunderkind Christian Henrich Heineken ist natürlich von großem Interesse für die Forschung heute - man spricht von dem Savant-Syndrom", weiß Cornelia Nikolai. Das bedeutet, dass ein Mensch Gehörtes oder Gesehenes dauerhaft in seinem Gedächtnis festhalten kann und es nie wieder hergibt. "Das bedeutet natürlich aber auch eine große Belastung für so einen Menschen", erklärt Nikolai. "Denn wir gehen selektiv mit Erfahrenem und Erlebtem um und einiges wird einfach ausgeblendet und das hatte dieser Junge nicht." Das Interesse, Kinder zu Höchstleistungen zu bringen, entwickelte sich nach seinem Tod dennoch rasant weiter. Einer großen Schar Wunderkinder war kein langes Leben vergönnt. Christian Henrich Heinekens Tod war dabei der traurigste Rekord.

Weitere Informationen
Dampflokomotive aus dem 19. Jahrhundert. © dpa - report Foto: Votava

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 13.06.2021 | 19:30 Uhr