Dolphin-Immobilienskandal größer als angenommen

Stand: 13.04.2021 14:30 Uhr

Der Immobilienskandal der German Property Group hat offenbar deutlich größere Dimensionen als bislang angenommen. Offenbar wurden Zahlungsströme in Höhe von mehreren Milliarden Euro abgewickelt.

von Anna Klühspies und Nils Naber

Anwalt Dave Coleman
Dave Coleman vertritt mehrere irische Anleger, die mutmaßlich von der German Property Group um viel Geld gebracht worden sind.

Die neue heiße Spur erreicht den irischen Anwalt Dave Coleman übers Telefon: Ein Herr ruft seine Kanzlei an, sagt, er habe Akten, die er eigentlich vernichten sollte und fragt, ob Coleman die interessant finde. Coleman findet sie interessant, denn bei dem Fund handelt es sich um mehr als 40 Kisten voller brisanter Unterlagen in einem spektakulären mutmaßlichen Anlegerbetrug. Und Coleman vertritt irische Anleger. Es geht offenbar um Geschäfte der Firma Dolphin aus Niedersachsen. Heute heißt die Firma German Property Group. Sie hat offenbar von Anlegern weltweit - vornehmlich aus Großbritannien und Asien - mehr als eine Milliarde Euro eingesammelt.

Das Geschäftsmodell klang verlockend: Mit dem Anlegergeld sollten sanierungsbedürftige Immobilien in Deutschland angekauft und anschließend renoviert weiterverkauft werden. Dabei sei eine Rendite von bis zu 15% möglich, wurde den Anleger:innen das Geschäft schmackhaft gemacht. Das Problem: Inzwischen ist die Firma Dolphin insolvent, hunderte Millionen Euro Anlegergeld sind verschwunden und die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts auf Betrug und Insolvenzverschleppung gegen den früheren Geschäftsführer Charles Smethurst.

Womöglich milliardenschwerer Immobilienskandal

Der Zufallsfund aus Irland ist ein weiteres Puzzleteil in einem großen Skandal um kriminelle Machenschaften bisher ungeahnten Ausmaßes, den Reporter:innen von NDR, BR und Süddeutscher Zeitung seit zwei Jahren in einer aufwändigen Recherche begleiten. Allein über Irland sind offenbar in nur drei Monaten etwa sieben Millionen Euro auf eine Gesellschaft in der Karibik mit Namen DT Caymann geflossen, legen Unterlagen nahe. "Ich habe erst damit angefangen, die Dokumente durchzugehen", sagt Dave Coleman, "insgesamt wurde wohl noch viel mehr Geld auf die Cayman Islands überwiesen", schätzt er. Über einen Anwalt bestätigt der frühere Geschäftsführer Charles Smethurst zwar, dass er auch Geschäftsführer der DT Cayman ist, allerdings bestreitet er, dass die DT Cayman jemals ein Konto besaß.

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Durch eine weitere Firma der German Property Group sollen nach Recherchen von NDR, BR und SZ Zahlungsströme von rund drei Milliarden Euro abgewickelt worden sein. Der Insolvenzverwalter der German Property Group, Justus von Buchwaldt, spricht von Geldbewegungen im Milliardenbereich. Er versucht für die Gläubiger des Unternehmens möglichst viel Geld rauszuholen. Keine leichte Aufgabe, denn sowohl die Geldflüsse als auch die Unternehmensstruktur sind schwer nachvollziehbar. "Es ist sehr viel Geld bewegt worden", sagt er. Allerdings "wo ist der Euro eines Anlegers in England eigentlich geblieben? In welcher Immobilie befindet sich dieser Euro? Das können sie mit normalen Mitteln eigentlich nicht nachvollziehen", sagt von Buchwaldt. Justus von Buchwaldt glaubt, dass es sich bei dem Geschäftsmodell der GPG um ein Schneeballsystem handelte, da das Geld der Anleger nicht wie versprochen in Immobilien investiert, sondern dem Anschein nach zur Befriedung anderer Anleger verwendet wurde.

Marstall des Schlosses Dwasieden
Der Marstall des Schlosses Dwasieden auf Rügen. Das Gelände hat Dolphin für 18 Millionen Euro gekauft, dafür jedoch 117 Millionen Euro Grundschulden ins Grundbuch eintragen lassen.

Was übrig bleibt von dem großen Versprechen ist eine Reihe von Immobilien in Deutschland wie das Schloss Dwasieden auf Rügen oder eine ehemalige Klinik in Flensburg. Viele der Gebäude sind verfallen und - wie Recherchen von NDR, BR und SZ ergaben - mit hohen Grundschulden belastet. Dabei hätten diese Immobilien den Anleger:innen nach dem Konzept von Dolphin eigentlich Sicherheit bieten sollen: Dolphin versprach Anleger:innen ihre Investitionen mit Grundschulden abzusichern. Der Insolvenzverwalter Justus von Buchwaldt schätzt, dass durch den Verkauf von rund 50 Immobilien der GPG wahrscheinlich rund hundert Millionen Euro eingenommen werden könnten. "Das ist ein Bruchteil dessen, was bei den Anlegern irgendwann eingeworben worden ist," meint von Buchwaldt. Charles Smethurst antwortet über seinen Anwalt schriftlich auf unsere Fragen und schreibt, er gehe von einem weit höheren Wert der Immobilien aus. Auf viele weitere Fragen antwortet er mit Hinweis auf das laufende Ermittlungsverfahren nicht.

Behörden reagieren erst spät

Seit Ende 2019 liegen bei der Staatsanwaltschaft Hannover Strafanzeigen gegen Charles Smethurst und weitere Geschäftsführer vor, im Frühjahr 2021 kommt offenbar Bewegung in die Ermittlungen: Im März finden Hausdurchsuchungen in Smethursts Privathaus und Geschäftsräumen im Großraum Hannover und in Sachsen statt.

Charles Smethurst ist weiterhin auf freiem Fuß, da er sich gegenüber der Staatsanwaltschaft kooperativ zeige, sehe man bei der Behörde keinen Anlass für einen Haftbefehl, heißt es seitens der Staatsanwaltschaft gegenüber dem NDR, BR und SZ.

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Auch andere Behörden haben bei dem zweifelhaften Immobiliengeschäft offenbar lange Zeit nicht richtig hingesehen. So hätte nach Recherchen von NDR, BR und SZ auch die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) tätig werden können, weil Dolphin (heute GPG) für eines seiner Geschäftsfelder offenbar eine Bankerlaubnis benötigt hätte. Diese lag jedoch nicht vor. Die Aufsichtsbehörde weist daraufhin, dass sie von den Unregelmäßigkeiten "jedoch erst seit Juni 2020" wisse und damit "zeitlich unmittelbar bevor die German Property Group in Insolvenz ging."

Ermittlungen dauern an

Nach Recherchen von NDR, BR und SZ hat der ehemalige Geschäftsführer und Gründer der GPG gegenüber der Staatsanwaltschaft bereits "Fehler" eingeräumt. Er habe bei Investoren noch Geld eingeworben, als bereits klar war, dass "kein weiteres Kapital eingesammelt werden durfte."

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass sie noch bis weit ins Jahr 2021 mit den Ermittlungen beschäftigt sein wird, Anleger:innen hoffen unterdessen darauf, dass Menschen wie Insolvenzverwalter Justus von Buchwaldt oder Anwalt Dave Coleman früher etwas über den Verbleib ihres Geldes herausfinden.

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Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 13.04.2021 | 21:45 Uhr