System Dolphin: Wie Anleger Millionen verlieren

Stand: 08.12.2020 16:30 Uhr

Es ist womöglich einer der größten Anlegerskandale: Die German Property Group (früher Dolphin) aus Niedersachsen steht im Verdacht, ausländische Investoren um ihr Geld gebracht zu haben. Deutsche Behörden ließen es geschehen. Wie konnte es so weit kommen?

von Anna Klühspies, Nils Naber, Stella Peters & Susanne Tappe

Die Ruinen des Schlosses Dwasieden auf Rügen, die frühere Klinik Ost in Flensburg oder eine verlassene Bildungseinrichtung in Salzgitter. Alle diese Objekte gehören zum Immobilienunternehmen German Property Group, ehemals Dolphin Trust. Sie sind Teil eines der wohl größten Anlegerskandale Deutschlands. 

Firmengeflechte der German Property Group
Der Gründer und ehem. Geschäftsführer der GPG, Charles Smethurst, baute ein unübersichtliches Firmengeflecht mit mehr als 200 Gesellschaften auf.

Der Brite Mark Hambling hatte viel Geld in die German Property Group (GPG) aus Langenhagen bei Hannover investiert. Das meiste davon scheint verloren: "Ich bin wütend, dass ich mein Geld in einen Betrug investiert habe." Im vergangenen Sommer hat die Unternehmensgruppe Insolvenz angemeldet. Die Staatsanwaltschaft Hannover ermittelt nun gegen den Gründer und ehemaligen Geschäftsführer der GPG, Charles Smethurst, wegen des Verdachts auf Insolvenzverschleppung und Anlagebetrug. Mark Hamblings Anwalt, Wolfgang Kubicki, meint, der Fall könnte "Wirecard-Dimensionen" erreichen.

Verbleib von mehreren Hundert Millionen Euro an Investorengeldern unklar

Ungefähr eine Milliarde Euro sollen bei Anlegern im Ausland eingeworben worden sein. Die vorhandenen Immobilien und Grundstücken werden aktuell nur auf ungefähr 150 Millionen Euro geschätzt. Genau weiß dies momentan niemand. Sicher ist: Der Verbleib von mehreren Hundert Millionen Euro an Investorengeldern ist unklar.

Längjähriger Firmensitz der German Property Group in Hannover Langenhagen
Der langjährige Firmensitz der German Property Group (früher Dolphin Trust) in Langenhagen bei Hannover.

Die GPG war 2008 als Dolphin Capital gegründet worden. Jahrelang hieß das Unternehmen auch Dolphin Trust. Bei den ausländischen Anlegern warben die Langenhagener damit, aus deutschen denkmalgeschützten Immobilien schicke Gebäude zu machen, die sich dann beispielsweise in Form von Wohnungen gewinnbringend verkaufen lassen. Den Anlegern wurden Renditen von bis zu 15 Prozent jährlich in Aussicht gestellt.

Nach Recherchen von NDR, BR und "Süddeutscher Zeitung" gehören mehr als 200 Gesellschaften zur German Property Group. Rund 60 bis 100 Immobilien und Grundstücke in ganz Deutschland lassen sich der Unternehmensgruppe zuordnen. Bisher ist nicht ganz klar, welche Gesellschaften und welche Objekte wie zur GPG gehören. Der Insolvenzverwalter der GPG will sich derzeit nicht zu dem Verfahren äußern. Der Ausgang des Verfahrens ist offen.

Die Immobilien der German Property Group sind überall in Deutschland verteilt. Angegeben sind jeweils nur die Gemeinde, nicht der genaue Standort der Immobilie:

Karte: Immobilien der German Property Group: angegeben sind jeweils nur die Gemeinde, nicht der genaue Standort der Immobilien

Den Anlegern versprach die GPG eine besondere Sicherheit. Einfach ausgedrückt sollte das Geld der Anleger über den Wert der denkmalgeschützten Immobilie in Deutschland abgesichert sein. Dafür sollte eine Grundschuld auf die Immobilie eingetragen werden. Beim Blick in die Grundbücher der GPG-Objekte wird allerdings deutlich, dass die Sicherheiten vielfach nichts wert sind. Nach Recherchen von NDR, BR und SZ sind beispielsweise auf das Schloss Dwasieden auf Rügen Grundschulden in Höhe von zusammen 117 Millionen Euro eingetragen. Dabei wurde das Gelände 2018 für nur 18 Millionen Euro angekauft.

Dolphin Trust bereits seit 2015 überschuldet?

Nach vorliegenden Dokumenten vermutet ein Steuerberater von Dolphin Trust bereits Anfang 2019, "dass die Gesellschaft möglicherweise durchgängig seit 2015 bilanziell überschuldet ist und war." Allerdings ging das Geschäft noch über Jahre weiter. Mark Hambling glaubt, dass es sich bei GPG um ein Schneeballsystem handelt. "Es ging einfach darum, immer mehr Geld einzuwerben, um damit die alten Anleger auszuzahlen und um das ganze System am Laufen zu halten." Dafür spricht auch, dass in den vergangenen Jahren offenbar nur an sehr wenigen Objekten tatsächlich gebaut wurde.

Charles Smethurst mit seiner Frau Manuela "Manou" Lenz
Charles Smethurst hat offenbar mehrere Millionen Euro der Anlegergelder in Geschäfte seiner Frau Manuela Lenz gepumpt.

Nach Recherchen von NDR, BR und SZ haben über Jahre viele Menschen in und um die GPG von dem Geld der Anleger profitiert. Finanzvermittler sollen für ihre Dienste Provisionen in Höhe von 20 Prozent und mehr eingestrichen haben. Offenbar wurde über Jahre mutmaßlich Anlegergeld in Millionenhöhe in einen TV-Shoppingkanal und in das Modegeschäft der Frau von Charles Smethurst, Manuela "Manou" Lenz, gepumpt. Ob diese vom Geschäftsgebaren ihres Mannes wusste, ist unklar. Weder Manou Lenz noch Charles Smethurst antworteten auf umfangreiche Fragen. Auch ein weiterer Angehöriger von Charles Smethurst dürfte über ein Unternehmen mutmaßlich vom Geld der Anleger profitiert haben.

BaFin sah sich offenbar nicht zuständig

Wieso die GPG über Jahre immer weitermachen konnte, hängt wohl auch mit den deutschen Behörden zusammen. Der Hamburger Anwalt Jan Erik Spangenberg, der rund 100 asiatische Anleger vertritt, meint, die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) hätte bei der GPG genauer hinsehen können. Seiner Meinung nach habe die GPG ein "erlaubnispflichtiges Bankgeschäft" betrieben, ohne eine Lizenz dafür zu haben. Zum Einzelfall will sich die BaFin auf Nachfrage nicht äußern. Nach Recherchen von NDR, BR und SZ war Dolphin der Aufsichtsbehörde bekannt. Allerdings sahen die Beamten sich offenbar nicht dauerhaft zuständig.

Bemerkenswert ist auch, dass für die vergangenen Jahre offenbar mehr als 700 Jahresabschlüsse von GPG-Gesellschaften fehlen. Von Dolphin Trust liegt seit 2014 keine Bilanz mehr vor. Das Bundesamt für Justiz mahnte nach den Recherchen mehrfach eine Offenlegung an und verhängte Ordnungsgelder. Diese Strafzahlungen wurden wohl von GPG-Gesellschaften vielfach beglichen, die damit eingeforderte Veröffentlichung der Abschlüsse erfolgte jedoch offenbar nicht. Solange die Strafen gezahlt werden, hat das Bundesamt für Justiz keine weitere Handhabe, teilt es auf Nachfrage mit.

Beweissicherung hat wohl immer noch nicht stattgefunden

Wolfgang Kubicki
Anwalt Wolfgang Kubicki meint, der Anlegerskandal könnte "Wirecard-Dimensionen" erreichen.

Auch strafrechtlich wird mittlerweile ermittelt. Bei der Staatsanwaltschaft Hannover ging Ende 2019 eine erste Strafanzeige gegen Charles Smethurst und andere Personen aus dem Umfeld der GPG ein. Seitdem sind elf Monate vergangen, passiert ist kaum etwas. Nach Recherchen hat noch keine Beweissicherung stattgefunden. Das verurteilt Wolfgang Kubicki angesichts der Dimension des Falles scharf. "Das habe ich in 36 Jahren Strafverteidigererfahrung noch nie erlebt, dass die Staatsanwaltschaften so lange wartet." Normal wäre es, Durchsuchungen vorzunehmen und mögliche Beweismittel zu beschlagnahmen, wenn sich der Verdacht einer Straftat erhärte. Das sei bisher nicht geschehen, was allein schon gemessen an der Dimension des Falles "soweit ich sehen kann, auch einmalig" sei, so Kubicki. Denn derzeit spreche alles für einen "gigantischen Anlagebetrug". Die Staatsanwaltschaft hingegen hofft seit Monaten auf eine vollständige Einlassung von Charles Smethurst. Diese Kooperation hatte der ehemalige GPG-Chef angekündigt. Allerdings ist bis heute keine vollständige Erklärung von ihm bei den Beamten eingegangen. Die Staatsanwaltschaft wartet weiter - und möchte zu anderen Details im Verfahren nichts sagen.

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Panorama 3 | 08.12.2020 | 21:45 Uhr

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